Der Mann im Moor

Jus­tin Mül­ler ist Ju­gend­bot­schaf­ter der Ver­ein­ten Na­tio­nen

Der Sonntag (Mittelbaden) - - SONNTAGSKINDER - Tan­ja Ka­sisch­ke

Moo­re sind un­heim­li­che Or­te, zu­min­dest wer­den sie in Fil­men oder Gru­sel­ge­schich­ten so dar­ge­stellt, et­wa in der Fan­ta­sy-Tri­lo­gie „Der Herr der Rin­ge“. In ei­nem Ka­pi­tel müs­sen die Hob­bits Fro­do und Sam ein Moor durch­que­ren. Je­der Schritt ist ge­fähr­lich, über­all lau­ern Geis­ter. Doch der Hob­bit Sme­agol, der sich un­ter dem Ein­fluss bö­ser Mäch­te in die Krea­tur Gol­lum ver­wan­delt hat, kennt sich aus und geht vor ih­nen her. Wie die Hob­bits ha­ben Men­schen die Hor­ror­vor­stel­lung, im Moor ste­cken blei­ben oder so­gar zu ver­sin­ken. Doch Moo­re sind bes­ser als ihr Ruf! Ein er­wach­se­ner Mann mit ei­nem Ge­wicht von 80 Ki­lo­gramm sinkt im Moor mit dem Schuh zwar ein, aber nie­mals so tief, dass ihn das Moor ver­schluckt! Moo­re sind nicht ge­fähr­lich. Die Deu­tung ha­ben sich die Men­schen aus­ge­dacht. Vi­el­leicht, um Kin­der vom Spie­len im Moor ab­zu­hal­ten. Spiel­plät­ze sind die rie­si­gen Feucht­ge­bie­te aber nicht. Der Bo­den dort ist weich und von Pflan­zen be­deckt. Das Was­ser steht in Pfüt­zen, die, an­ders als nach ei­nem Re­gen, nicht ver­duns­ten und wie­der ver­schwin­den. Beim Ge­hen, am bes­ten in Gum­mi­stie­feln, ver­ur­sacht je­der Schritt ein schmat­zen­des Ge­räusch. Das Was­ser fließt ein­fach nicht ab. Das hängt mit der Be­schaf­fen­heit ei­nes Moo­res zu­sam­men. Je­des Moor war vor meh­re­ren Tau­send Jah­ren ein See, an des­sen Ufer Bäu­me, Bü­sche oder Schilf­gras wuch­sen. Blät­ter und Zwei­ge, die ins Was­ser fie­len, ver­rot­te­ten nicht. Denn da­zu ist Luft nö­tig. Nach und nach ent­stand so am Bo­den des Sees ei­ne zä­he Matsch­schicht, die ir­gend­wann so fest wur­de, dass das Was­ser nicht mehr ver­si­ckern konn­te und sich stau­te. In Nord­deutsch­land sind auf die­se Wei­se ei­ne Viel­zahl Moo­re ent­stan­den. Die äl­tes­ten sind 8 000 Jah­re alt. Weil die Matsch­schicht, der so ge­nann­te Torf, im­mer wei­ter wuchs, brei­te­ten sich die Pflan­zen vom Ufer des Sees auch auf dem See aus. Et­wa ei­nen Mil­li­me­ter pro Jahr wächst ein Moor. Wie die Bäu­me ei­nes WalEi­nen des fil­tern Mo­or­pflan­zen Koh­len­di­oxid aus der Luft, so heißt der Stoff, den Men­schen und Tie­re aus­at­men, der aber auch von Au­tos mit den Ab­ga­sen aus­ge­sto­ßen wird oder aus Schorn­stei­nen raucht. Zu­viel da­von ist schäd­lich. Moo­re rei­ni­gen die Luft und leis­ten da­durch ei­nen wich­ti­gen Bei­trag zur sau­be­ren Um­welt. Bei je­dem schmat­zen­den Schritt im Moor soll­te man an das gu­te Kli­ma den­ken, das wir Moo­ren ver­dan­ken. blei­ben­den Ein­druck ha­ben Moo­re bei Jus­tin Mül­ler hin­ter­las­sen. Als 14-Jäh­ri­ger un­ter­nahm er mit zwei Klas­sen­ka­me­ra­den ei­nen Aus­flug ins Holl­we­ger Moor in sei­ner Hei­mat Nie­der­sach­sen. Die Jungs ge­hör­ten der Um­welt-AG ih­rer Schu­le an. Vom Öko­sys­tem Moor fas­zi­niert, en­ga­giert sich Jus­tin, in­zwi­schen 25 Jah­re alt, seit­dem für den Er­halt und den Schutz von Moo­ren: „Es sind nicht nur span­nen­de Le­bens­räu­me für vie­le Pflan­zen- und Tier­ar­ten, Moo­re brem­sen den Kli­ma­wan­del, in­dem sie kli­ma­schäd­li­che Ga­se lang­fris­tig im Bo­den spei­chern. Die ge­lan­gen dann nicht mehr in die At­mo­sphä­re! Wenn wir aber mit der Tro­cken­le­gung von Moo­ren wei­ter­ma­chen, tre­ten vie­le Ga­se wie­der aus und schä­di­gen das Kli­ma dau­er­haft.“Jus­tin ist seit 2016 Ju­gend­bot­schaf­ter für bio­lo­gi­sche Viel­falt bei den Ver­ein­ten Na­tio­nen, ein Eh­ren­amt, in dem er län­der­über­grei­fend für Na­tur­schutz­pro­jek­te zum Schutz der Moo­re wirbt. Dass Men­schen be­gan­nen, Moo­re tro­cken­zu­le­gen, hing mit der Land­wirt­schaft zu­sam­men. Moo­re wa­ren rie­si­ge An­bau­flä­chen für Ge­trei­de. Seit 300 Jah­ren wer­den sie als Fel­der nutz­bar ge­macht. Frü­her gru­ben die Bauern Ka­nä­le, über die das Was­ser ab­flie­ßen konn­te, und sie ver­wen­de­ten Torf zum Hei­zen. „Heut­zu­ta­ge wird Torf für die Her­stel­lung von Blu­men­er­de be­nutzt. Da­bei ent­hält Torf so gut wie kei­ne Nähr­stof­fe. Es gibt Al­ter­na­ti­ven, trotz­dem wird Torf wei­ter ab­ge­baut“, schil­dert Jus­tin Mül­ler. Ei­ne Op­ti­on ist, torf­freie Blu­men­er­de zu kau­fen. Wie ein Wald kann ein Moor „nach­wach­sen“, wenn man es lässt. In Jus­tins Hei­mat­moor in Nie­der­sach­sen ist die­ser Pro­zess für Be­su­cher an­schau­lich ge­macht und nach­er­leb­bar. Dar­in ver­sun­ken ist noch nie­mand. Der jun­ge Moor­ex­per­te geht selbst re­gel­mä­ßig mit sei­nen Hun­den im Holl­we­ger Moor spa­zie­ren: „Es prägt die Iden­ti­tät ei­ner gan­zen Re­gi­on, auch mei­ne.“Des­halb wird sich Jus­tin wei­ter lei­den­schaft­lich für den Schutz von Moo­ren ein­set­zen.

Vom Öko­sys­tem Moor fas­zi­niert: Als 14-Jäh­ri­ger nahm Jus­tin Mül­ler an ei­nem Aus­flug ins Moor teil. Seit­dem en­ga­giert er sich für de­ren Er­halt und Schutz. Fo­to: pri­vat

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.