Nichts für zar­te Ge­mü­ter

Beim Roll­stuhlrug­by geht’s zur Sa­che

Der Sonntag (Mittelbaden) - - SPORT - Man­fred Spitz

Die Fas­zi­na­ti­on ist groß: Roll­stuhlrug­by ge­hört zu den spek­ta­ku­lärs­ten und här­tes­ten pa­ralym­pi­schen Sport­ar­ten. Mit Voll­gas in die rich­ti­ge Po­si­ti­on kom­men – und da­bei hof­fen, dass man vom Geg­ner nicht ab­ge­räumt wird. Roll­stuhlrug­by ist nichts für schwa­che Ner­ven. Und nichts für an­fäl­li­ges Ma­te­ri­al. Ein Rei­fen­tausch wäh­rend des Spiels – kei­ne Sel­ten­heit. Ent­stan­den ist die Sport­art in den 1970er Jah­ren in Ka­na­da für Men­schen mit ho­hen Ein­schrän­kun­gen, zum Bei­spiel Qu­er­schnitt­läh­mun­gen, an­de­ren Läh­mun­gen, Am­pu­ta­tio­nen, Spas­ti­ken. Sie wird in­zwi­schen welt­weit in 29 Län­dern ge­spielt. Seit 2000 ge­hört Roll­stuhlrug­by, eng­lisch Whee­l­chair rug­by, zum Pro­gramm der Pa­ralym­pics. Pe­ter Schrei­ner, 48, war 2000 in Syd­ney mit der deut­schen Na­tio­nal­mann­schaft da­bei. Auch vier Jah­re spä­ter in At­hen. Pe­ter Schrei­ner ist quer­schnitts­ge­lähmt. Seit ei­nem Au­to­un­fall vor 26 Jah­ren. Sport­be­geis­tert war er schon im­mer. Ehr­gei­zig so­wie­so. Der ge­bür­ti­ge Saar­län­der war schon als Roll­stuhlrug­by-Pro­fi in den USA. Er stu­dier­te in Karls­ru­he Ma­the – und blieb in Ba­den. Mit sei­nem Ver­ein „The Re­bels“hol­te er acht Ti­tel in der Cham­pi­ons Le­ague, der eins­ti­gen Kö­nigs­klas­se die­ses ra­san­ten Be­hinDas der­ten­sport, und ge­wann un­zäh­li­ge in­ter­na­tio­na­le Kon­kur­ren­zen. Als Spie­ler, Ka­pi­tän, Te­am­ma­na­ger. Die von ihm 2001 ge­grün­de­ten „Re­bels“ge­hö­ren welt­weit zu den TopAdres­sen im Roll­stuhlrug­by. Erst vor kur­zem bril­lier­ten sie wie­der. Bei ih­rem zwei­ten Tur­nier­sieg in Fol­ge beim „Dé­fi Spor­tif“in Mon­tre­al mit ei­nem nie ge­fähr­de­ten 47:33-Er­folg ge­gen die Gast­ge­ber aus Ka­na­da. Jetzt gel­ten die „Re­bels“beim hei­mi­schen „Cham­pi­ons Cup“vom 26. bis 28. Mai in Karls­ru­he als Top-Fa­vo­rit. Acht Mann­schaf­ten aus Groß­bri­tan­ni­en, Schwe­den, Finn­land, Frank­reich, der Schweiz und Deutsch­land neh­men teil. Zu­letzt ha­ben die „Re­bels“ihr Tur­nier 2015 ge­gen Dau­er­ri­va­le London ge­won­nen. Ver­gan­ge­nes Jahr wur­den sie Drit­ter. Hin­ter den „Four Kings“aus Po­len und den sieg­rei­chen Ka­na­di­ern. „Die kön­nen die­ses­mal nicht kom­men“, er­klärt Pe­ter Schrei­ner. „Da läuft ge­ra­de die Sai­son.“Und die Meis­ter­schaft im Roll­stuhlrug­by hat in Nord­ame­ri­ka ei­nen enorm ho­hen Stel­len­wert. Die USA, Ka­na­da, Aus­tra­li­en und Neu­see­land sind die do­mi­nie­ren­den Na­tio­nen; in Eu­ro­pa Groß­bri­tan­ni­en und Schwe­den. Deutsch­land hol­te je zwei­mal EM-Sil­ber (2005/2007) und EM-Bron­ze (1997/2009). Ge­spielt wird Roll­stuhlrug­by auf ei­nem Bas­ket­ball­feld in der Hal­le, ein Team be­steht aus vier Ak­teu­ren. Ei­ne Par­tie dau­ert 4 x 8 Mi­nu­ten, plus Ti­me-outs. Ziel ist es, den Ball durch ein­stu­dier­te Spiel­zü­ge und mit Tem­po in­ner­halb von 40 Se­kun­den über die geg­ne-

Karls­ru­her „Re­bels“Fa­vo­rit beim Heim­tur­nier

ri­sche, acht Me­ter brei­te Tor­li­nie zu fah­ren. Da­bei muss sich der Ball si­cher im Be­sitz ei­nes Spie­lers be­fin­den. Das ver­sucht der Geg­ner frei­lich zu ver­hin­dern – und es kommt zu pa­cken­den Du­el­len. Um Chan­cen­gleich­heit zu wah­ren, wer­den die Spie­ler in sie­ben Punk­te­klas­sen ein­ge­teilt. Je­des Team darf mit sei­nen vier Ak­teu­ren nicht mehr als acht Punk­te über­schrei­ten – je bes­ser die funk­tio­nel­le Be­we­gungs­mög­lich­keit der Ath­le­ten ist, des­to mehr Punk­te. Doch es gibt ein Pro­blem: „Roll­stuhlrug­by hat sich ge­wan­delt“, sagt Pe­ter Schrei­ner. Bei den „Re­bels“ist er ei­ner der Spie­ler mit dem größ­ten Han­di­cap. „An­ders als noch vor ei­ni­gen Jah­ren“, er­klärt er, „sind in­zwi­schen vie­le ,Nicht-Qu­er­schnit­te‘ un­ter­wegs. Leu­te mit Am­pu­ta­tio­nen, die den vol­len Rumpf ein­set­zen kön­nen. Das ist, als wür­de beim Boxen ein Fe­der­ge­wicht ge­gen ei­nen Schwer­ge­wicht­ler an­tre­ten – du hast kei­ne Chan­ce.“Weil es in Deutsch­land sol­che Spie­ler­ty­pen zur Zeit nicht gibt, ha­be es auch das deut­sche Team in­ter­na­tio­nal schwer, so Schrei­ner. von ihm zum fünf­ten Mal or­ga­ni­sier­te Karls­ru­her Tur­nier ori­en­tiert sich am „Roll­stuhlrug­by in sei­ner ur­sprüng­li­chen Form“. Für Spie­ler mit star­ken Ein­schrän­kun­gen (und we­ni­ger Punk­ten in der Klas­si­fi­zie­rung), al­so „low points“. Die­ses zu­rück zu den Wur­zeln kom­me an, „wir könn­ten mit ei­ni­gen Teams mehr spie­len“, sagt Pe­ter Schrei­ner und er­in­nert sich an frü­he­re Cham­pi­ons­Le­ague-Zei­ten, als die „Re­bels“zwi­schen 2004 und 2013 acht Ti­tel hol­ten. Schrei­ner: „Die rein in Deutsch­land or­ga­ni­sier­te Cham­pi­ons Le­ague muss­te ein­ge­stellt wer­den, weil es kei­ne Aus­rich­ter mehr gab. Dar­un­ter lei­det auch die Na­tio­nal­mann­schaft, die sich zu­letzt nicht mehr für die Pa­ralym­pics qua­li­fi­zie­ren konn­te.“Und die es auch bei der IWRF Roll­stuhlrug­by-Eu­ro­pa­meis­ter­schaft, die vom 27. Ju­ni bis 1. Ju­li in der Con­log Are­na Ko­blenz statt­fin­det, schwer ha­ben dürf­te, meint Schrei­ner. „Der EM-Halb­fi­nal­ein­zug wür­de zwar für die Qua­li­fi­ka­ti­on zur WM 2018 in Syd­ney ge­nü­gen, „ich glau­be aber nicht, dass es Deutsch­land schafft“.

Pa­cken­de Du­el­le: Roll­stuhlrug­by ge­hört zu den spek­ta­ku­lärs­ten pa­ralym­pi­schen Sport­ar­ten. Beim „Cham­pi­ons Cup“der Karls­ru­her „Re­bels“(26. bis 28. Mai) kann man sich ei­nen Ein­druck da­von ma­chen. Fo­to: im­a­go

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