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Der Sonntag (Mittelbaden) - - AKTUELL - Annette Bor­chardt-Wen­zel

Ehr­li­che Fin­der und der ewi­ge Ver­lie­rer

Der ewi­ge Ver­lie­rer glaubt an das Gu­te im Men­schen. Und er­staun­li­cher­wei­se wird er sel­ten ent­täuscht. Nein, er ist kein deut­scher ESC-Teil­neh­mer, auch kein KSC-Spie­ler. Nur ein net­ter Herr, der stän­dig was ver­liert: die Le­se­bril­le, den Ruck­sack oder die elek­tri­sche Zahn­bürs­te. Doch wäh­rend der Durch­schnitts­ver­lie­rer beim Ver­lust der Kre­dit­kar­te ei­nem Herz­in­farkt na­he ist, bleibt der ewi­ge Ver­lie­rer cool. Er fragt bei den Kol­le­gen nach, in der Kan­ti­ne, im Su­per­markt. Und kehrt in 99 Pro­zent der Fäl­le strah­lend zu­rück: „Je­mand hat’s ge­fun­den und ab­ge­ge­ben.“Sein Freund nimmt es süß­sau­er lä­chelnd zur Kennt­nis. Und hebt zum Vor­trag an: Man soll­te sei­ne Be­sitz­tü­mer sorg­sam ver­wah­ren, Lang­fin­gern kei­ne Chan­ce ge­ben und über­haupt … Der ewi­ge Ver­lie­rer ge­lobt Bes­se­rung. Aber sei­nen Op­ti­mis­mus lässt er sich nicht neh­men. Es gibt sie ja, die ehr­li­chen Fin­der. So wie in Ba­den-Ba­den. Da hat ein Rei­sen­der sei­ne Ta­sche – mit 7000 Eu­ro und Kre­dit­kar­ten – aufs Au­to­dach ge­legt. Da lag sie noch, als er in der Tief­ga­ra­ge los­fuhr. Zwar hat er den Ver­lust rasch be­merkt, doch die Ta­sche war weg. Sie tauch­te spä­ter in Bruch­sal auf: Ein ehr­li­cher Fin­der hat­te sie beim Po­li­zei­re­vier sei­ner Hei­mat­stadt ab­ge­ge­ben. Es gibt sie noch, die ehr­li­chen Fin­der: Der Satz taucht ver­blüf­fend oft im Po­li­zei­be­richt auf. Vi­el­leicht, weil die Be­am­ten, die ja auch an­de­re Fäl­le ken­nen, vor­bild­li­ches Ver­hal­ten lo­ben wol­len. Da fin­det in St. Ge­or­gen ein Neun­jäh­ri­ger den Geld­beu­tel ei­ner al­ten Da­me und bringt ihn zur Po­li­zei. In Em­men­din­gen lie­fert ein sy­ri­scher Flücht­ling ein Porte­mon­naie mit 2 000 Eu­ro ab, das der Be­sit­zer lie­gen ließ. Dem ewi­gen Ver­lie­rer ge­hen sol­che Ge­schich­ten run­ter wie But­ter. Ei­ne aus Aa­chen ge­fällt ihm be­son­ders: Da wand­te sich ein Va­ter an die Po­li­zei, weil sei­ner Toch­ter bei der Kir­mes das Han­dy ge­klaut wur­de. Dem Gau­ner kön­ne man mit GPS auf die Spur kom­men, mein­te der Mann: Tat­säch­lich ließ sich die Be­we­gung des Han­dys in Echt­zeit übers Smart­pho­ne des Va­ters ver­fol­gen. Meh­re­re Po­li­zis­ten nah­men die Ver­fol­gung auf. Bald stie­ßen sie auf den Tä­ter – vor der Po­li­zei­wa­che: Das Han­dy war nicht ge­stoh­len wor­den: Das Töch­ter­lein hat­te es ver­lo­ren. Und der ehr­li­che Fin­der brach­te es – von der Po­li­zei ver­folgt – zur Po­li­zei. „Na al­so“, meint der ewi­ge Ver­lie­rer: „Die meis­ten Leu­te sind doch nett.“Sagt’s und macht sich auf die Su­che nach sei­nem Schlüs­sel. Er ist ziem­lich si­cher, dass er ihn wie­der­fin­den wird.

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