Wenn Kon­ti­nen­te kol­li­die­ren

Geo­lo­gie vor der Haus­tür: Na­tur­wun­der in Ba­den-Würt­tem­berg

Der Sonntag (Mittelbaden) - - DIE REGION - An­net­te Bor­chardt-Wen­zel

Einst wa­ren der Oden­wald, der Schwarz­wald und die Vo­ge­sen Teil ei­nes gi­gan­ti­schen Ge­birgs­bo­gens, der sich von Po­len bis zur Ibe­ri­schen Halb­in­sel er­streck­te. Zu­ge­ge­ben, das ist schon ei­ne Wei­le her. So et­wa 418 bis 299 Mil­lio­nen Jah­re, wie Geo­lo­gen sa­gen. Die Wis­sen­schaft­ler, die sich mit der Struk­tur der Erd­ober­flä­che be­schäf­ti­gen, den­ken in gro­ßen Zei­t­räu­men. Und sie ha­ben es mit ge­wal­ti­gen Kräf­ten zu tun. Mit Kol­li­sio­nen von Erd­tei­len oder vul­ka­ni­schen Ak­ti­vi­tä­ten et­wa, aber auch mit Wind und Was­ser, die über Jahr­mil­lio­nen hin­weg gan­ze Ge­bir­ge ein­eb­nen kön­nen. Ba­den-Würt­tem­berg mit sei­ner land­schaft­li­chen Viel­falt ist ei­ne Schatz­kam­mer für Geo­lo­gen. Aber auch Aus­flüg­ler ha­ben ih­re Freu­de an wil­den Schluch­ten, bi­zar­ren Fels­for­ma­tio­nen, Mi­ne­ral- und Heil­quel­len, Fos­sil-Fund­stät­ten, Höh­len, Kar­se­en, Vul­kan­rui­nen und und und ... In ih­rem Buch „Bl­au­topf, Kai­ser­stuhl und Kat­zen­bu­ckel“stel­len die Geo­lo­gen Ma­nu­el Lau­ter­bach und Chris­ti­ne Ku­me­rics be­ein­dru­cken­de Na­tur­wun­der vor und lie­fern zu­gleich ei­nen tie­fen Ein­blick in die be­weg­te Erd­ge­lin­ger

Ba­den-Würt­tem­bergs. Wo­bei „be­wegt“durch­aus wört­lich zu neh­men ist, wie ei­ni­ge be­son­ders spek­ta­ku­lä­re Fak­ten aus drei Mil­li­ar­den Jah­ren zei­gen.

Schwarz­wald – ur­alt: Der Schwarz­wald, wie wir ihn heu­te ken­nen – mit dem stei­len Ab­bruch nach Wes­ten zum Ober­rhein­gra­ben und ei­nem „eher un­schar­fen“Über­gang nach Os­ten – ver­dankt sein Er­schei­nungs­bild der jün­ge­ren Ge­birgs­bil­dung vor „nur“65 bis 2,6 Mil­lio­nen Jah­ren. Doch Wis­sen­schaft­ler kön­nen in dem Mit­tel­ge­bir­ge geo­lo­gi­sche Pro­zes­se über ei­nen Zei­t­raum von et­wa drei Mil­li­ar­den Jah­re nach­ver­fol­gen, er­läu­tern Lau­ter­bach und Ku­me­rics: Im Schwarz­wald wur­den Spu­ren der äl­tes­ten Gestei­ne Deutsch­lands nach­ge­wie­sen. Sie kün­den von ei­nem ewi­gen Auf und Ab in der Re­gi­on. So ent­stand et­wa der ein­gangs er­wähn­te Ge­birgs­bo­gen, der von Po­len bis zur Ibe­ri­schen Halb­in­sel reich­te, durch die „Auf­fal­tung“und an­de­re Pro­zes­se beim Zu­sam­men­prall des eins­ti­gen Süd­kon­ti­nents Gond­wa­na (be­ste­hend aus dem heu­ti­gen Afri­ka, Süd­ame­ri­ka, Aus­tra­li­en und der Ant­ark­tis) mit dem Nord­kon­ti­nen­ten Lau­rus­sia (Eu­ro­pa, Nord­ame­ri­ka, Asi­en). Das Ge­bir­ge wur­de durch Wind und Was­ser im Lauf der Jahr­mil­lio­nen je­doch weit­ge­hend ein­ge­eb­net. Da­für, dass der Schwarz­wald und die Vo­ge­sen er­neut in die Hö­he wuch­sen, sorg­te ei­ne wei­te­re Kon­ti­nen­tal-Kol­li­si­on. Mit dem Auf und Ab ist es üb­ri­gens nicht vor­bei. Bis heu­te wer­de der Schwarz­wald „her­aus­ge­ho­ben“, sa­gen Lau­ter­bach und Ku­me­rics. Doch ge­he die He­bung mit Ab­tra­gung und Ero­si­on ein­her, so­dass Deutsch­lands größ­tes Mit­tel­ge­bir­ge al­les in al­lem sei­ne Hö­he hal­ten wer­de – zu­min­dest bis zum Ein­set­zen neu­er geo­lo­gi­scher Pro­zes­se. Bruch­zo­ne Ober­rhein: Wäh­rend die Kol­li­si­on der Afri­ka­ni­schen mit der Eu­ro­päi­schen Erd­plat­te den Schwarz­wald und die Vo­ge­sen er­neut in die Hö­he wach­sen ließ, tat sich zwi­schen den einst­mals zu­sam­men­ge­hö­ren­den Ge­bir­gen ein Gr­a­ben auf: Das Ober­rhein­ge­biet ist die „größ­te Bruch­zo­ne Eu­ro­pas“. Seit dem Ein­bruch vor 55 bis 35 Mil­lio­nen Jah­ren stie­ßen die „Vor­läu­fer“von Nord­see und Mit­tel­meer in die­sem Gr­a­ben mehr­mals ins Herz Eu­ro­pas vor. Ma­ri­ti­me Se­di­men­te zeu­gen da­von. Zu­gleich füll­te Schutt aus dem um­lie­gen­den Ge­bir­ge den Gr­a­ben auf. Auch Vul­ka­nis­mus prägt das Ober­rhein­ge­biet: Ent­lang tie­fer Ris­se in der Erd­krus­te stieg Mag­ma auf – so ent­stand der Kai­ser­stuhl. Der Mahl­berg in der Or­ten­au, der St­eins­berg im Kraich­gau und der Kat­zen­bu­ckel im Oden­wald sind eben­falls Zeug­nis­se vul­ka­ni­scher Ak­ti­vi­tät. Die Spal­ten an den Gr­a­ben­rän­dern be­güns­tig­ten zu­dem den Auf­stieg von mi­ne­ral­hal­ti­gem und war­men Grund­was­ser: Sas­bach-Er­len­bad, Ot­ters­wei­er-Hub, Bad Ro­ten­fels, Ba­den-Ba­den und an­de­re Kur- und Ba­de­or­te am We­strand von Schwarz­wald und Kraich­gau pro­fi­tie­ren

da­von. We­ni­ger er­freu­lich ist die seis­mi­sche Ak­ti­vi­tät mit häu­fi­gen Erd­be­ben. Und: In­ner­halb der „Schwä­che­zo­ne“sinkt die Erd­krus­te bis heu­te wei­ter ab – lo­kal ein bis zwei Mil­li­me­ter pro Jahr. Ob Hei­del­berg ir­gend­wann zum Hoch­see­ha­fen wird oder gar ein neu­es Meer Eu­ro­pa in zwei Tei­le reißt und Karls­ru­he ver­sinkt? Da­zu wa­gen Lau­ter­bach und Ku­me­rics man­gels ei­ner „be­leg­ba­ren Theo­rie“kei­ne Pro­gno­se.

Kos­mi­sche Ka­ta­stro­phe auf der Alb: Geo­lo­gen sind es ge­wohnt, in Jahr­tau­sen­den oder Jahr­mil­lio­nen zu rech­nen. Aber manch­mal wird ei­ne Land­schaft auch in­ner­halb von Se­kun­den zer­stört. So wie vor 14,8 Mil­lio­nen Jah­ren zwi­schen Schwä­bi­scher und Frän­ki­scher Alb. Beim heu­ti­gen Nörd­lin­gen schlug ein Me­teo­rit ein. Er hat­te ei­nen Durch­mes­ser von ei­nem Ki­lo­me­ter und ei­ne Spreng­kraft, die laut Lau­ter­bach und Ku­me­rics mit et­wa 250 000 Hi­ro­shi­ma-Bom­ben ver­gleich­bar ist. Beim Ein­schlag ent­stand ein 25 Ki­lo­me­ter wei­ter und 750 Me­ter tie­fer Kra­ter: das Nörd­schich­te Ries, des­sen west­li­cher Rand in Ba­denWürt­tem­berg liegt. Von dem Me­teo­ri­ten hat­te sich ein klei­ne­res Ge­schoss ab­ge­spal­ten, das beim Al­buch auf­prall­te und das 3,5 Ki­lo­me­ter gro­ße St­ein­hei­mer Be­cken hin­ter­ließ. Wahn­sinn: Die Land­ober­flä­che wur­de beim Auf­schlag auf et­wa 20 000 Grad Cel­si­us er­hitzt. Gestei­ne ver­dampf­ten, schmol­zen oder wur­den in ih­rer Struk­tur ver­wan­delt. Heu­te sind das Nörd­lin­ger Ries und das St­ein­hei­mer Be­cken als Na­tio­na­les Geo­top aus­ge­wie­sen. Der Be­such des Me­teor­kra­ter­mu­se­ums in St­ein­heim ver­spricht Fas­zi­na­ti­on und Gru­sel zu­gleich, ein Film lässt den „Im­pakt“nach­er­le­ben. Aber man möch­te sich lie­ber nicht vor­stel­len, dass er­neut so ein Me­teo­rit auf Deutsch­land zu­ra­sen könn­te. Im­mer­hin spricht die sta­tis­ti­sche Wahr­schein­lich­keit da­ge­gen, dass wir das er­le­ben müs­sen: Lau­ter­bach und Ku­me­rics be­rich­ten von Be­rech­nun­gen, wo­nach nur et­wa al­le Mil­li­on Jah­re ein Me­teo­rit ein­schlägt, der ei­nen Kra­ter von mehr als 20 Ki­lo­me­ter Durch­mes­ser er­zeu­gen könn­te.

Geo­lo­gie er­le­ben beim Sonn­tags­aus­flug: Mit 60 Me­ter ho­hen Fels­wän­den aus „Ober­rot­lie­gend-Se­di­ment­ge­stein“be­ein­druckt der Bat­tert bei Ba­den-Ba­den. Fo­to: bo

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