Vier Ster­ne für Fla­min­gos

Co­mac­chio an der ita­lie­ni­schen Adria ist im Früh­som­mer ei­ne Rei­se wert

Der Sonntag (Mittelbaden) - - REISE & URLAUB - Hei­di Sie­fert/srt

Das hier ist wie ein Vier­ster­ne­ho­tel“, er­zählt Pie­tro bei Boots­tou­ren durch den Po-Del­ta-Park. War­um? Ein Stern für viel Fut­ter. Ein Stern für Nied­rig­was­ser, durch das die Fla­min­gos gut stak­sen kön­nen. Ein Stern für sal­zi­ges Brack­was­ser und ei­ner da­für, dass es kei­ne na­tür­li­chen Fein­de gibt, denn „Füch­se schwim­men nicht und ha­ben kei­ne Boo­te“. Mit sol­chen Ver­glei­chen hat der elo­quen­te Bio­lo­ge Gäs­te so­fort auf sei­ner Sei­te. Klei­ne wie Mir­co (5), der ge­wis­sen­haft die gro­ße, schwe­re Ka­me­ra sei­ner Ma­ma auf al­les Span­nen­de rich­tet. Und Gro­ße, die ne­ben flap­si­gen Be­mer­kun­gen ei­ne Men­ge In­for­ma­tio­nen be­kom­men. Von den Lo­bes­hym­nen, die schon an­ti­ke

Die Ta­ma­ris­ke wächst über­all

Dich­ter auf die Ta­ma­ris­ke an­stimm­ten, die hier über­all wächst. Von der Ge­fahr für den Be­stand des Schilf­gür­tels, als Co­co Cha­nel in den 1930er Jah­ren der Mo­de­welt ge­floch­te­ne Hü­te und Ta­schen aus Schilf­gras be­scher­te. Und von der Tech­nik mit ge­kreuz­ten Ru­dern, wie sie die Fi­scher einst ste­hend auf schma­len Boo­ten prak­ti­zier­ten. Das Co­mac­chio lern­te Pie­tro als Kind bei der Groß­mut­ter lie­ben. Als ge­stan­de­ner Wis­sen­schaft­ler kehr­te er zu­rück. Seit 2014 ar­bei­tet er als Gui­de und ist glück­lich, hier sei­ne Be­ru­fung ge­fun­den zu ha­ben. Er ist nicht der Ein­zi­ge, der Frem­den mit Lei­den­schaft ein klei­nes Stück Ita­li­en na­he bringt, des­sen Er­wäh­nung bis heu­te meist für fra­gen­de Bli­cke sorgt. Auch Gio­van­ni Nor­dis Herz hängt an der Hei­mat. Er ist Aal­fi­scher im Val­le Cam­po. Ne­ben klei­nen Ka­nä­len, auf de­ren Be­gren­zungs­mau­ern En­ten dö­sen, steht das im Gras, was man zum Aal­fang braucht: Die lan­gen, höl­zer­nen Ma­rot­tas, Boo­te mit De­ckel und Lö­chern und Bo­lagas, zur Was­ser­zir­ku­la­ti­on durch­lö­cher­te Fi­ber­glas-Be­häl­ter, die über­di­men­sio­na­len Lam­pi­ons glei­chen. Schau­ta­feln er­klä­ren Ge­rä­te und Ge­schich­te. Wenn Gio­van­ni ins Boot bit­tet, er­lebt man die Pra­xis. Vor der Ku­lis­se des Ge­birgs­zugs des Apen­nin, der von der La­gu­ne aus an das Pan­ora­ma am Chiem­see er­in­nert, steu­ert er ei­ne Rei­he von Pf­lö­cken an. Wie gro­ße V-Buch­sta­ben sind sie an­ge­ord­net und mit Net­zen ver­bun­den. Sie len­ken die Tie­re di­rekt in die Reu­se. Ein über Ge­ne­ra­tio­nen be­währ­tes Sys­tem, auch wenn die Aal­fi­scher längst nicht mehr zur Fang­sai­son im Herbst in die La­gu­ne zie­hen. Ei­ni­ge von einst 50 Fi­scher­häu­sern kann man be­sich­ti­gen und fühlt sich beim An­blick al­ter Bil­der und Ge­rät­schaf­ten schnell in ei­ne an­de­re Zeit ver­setzt. In der Ma­ni­fat­tu­ra dei Ma­ri­na­ti in der La­gu­nen­stadt Co­mac­chio gibt es die Er­klä­run­gen zur Ver­ar­bei­tung der ins­be­son­de­re in Rom be­lieb­ten De­li­ka­tes­se. Noch heu­te wer­den an ho­hen Ka­mi­nen Aa­le ge­räu­chert, ehe sie in hüb­sche Do­sen ver­packt ins Re­gal wan­dern. Im Bet­to­li­no di Fo­ce kommt der Aal frisch ge­grillt zu wei­ßer Po­len­ta auf den Tel­ler, wäh­rend die gro­ßen ro­ten Do­sen als Brot­kör­be der Hin­gu­cker sind. Auch das ge­müt­li­che Re­stau­rant mit dunk­len Bal­ken, klei­nen Fens­tern und gro­ßem Ka­min war einst Aal­fi­scher­haus. Wäh­rend die letz­ten Des­serts ge­löf­felt wer­den, legt Da­rio Crui­di die Koch­schür­ze ab und greift zum Schlüs­sel für den Fahr­rad­schup­pen. Es geht hin­aus zu den Sa­li­nen. Na­po­le­on ließ sie an­le­gen, doch das pass­te we­der Ve­ne­zia­nern noch Papst, die um Han­dels­vor­rech­te kämpf­ten. Den Vö­geln ge­fällt’s. Al­lein 14 000 Fla­min­gos le­ben heu­te in der Re­gi­on um Co­mac­chio. In den 1990er Jah­ren zu­ge­flo­gen aus der Ca­mar­gue auf der Su­che nach ei­nem neu­en Re­vier. Ein biss­chen nach­ge­hol­fen hat Gu­al­tie­ro Maz­zo­ni bei den Pfer­den. Er hol­te Tie­re aus Süd­frank­reich und be­grün­de­te da­mit die Ras­se Del­ta-Ca­mar­gue, die ne­ben Stie­ren und Dam­hir­schen mitt­ler­wei­le wild in den Sumpf­ge­bie­ten le­ben. Auf dem Rü­cken ei­ner ih­rer ge­zähm­ten Art­ge­nos­sen geht es di­rekt in den Park zu duf­ten­den Blu­men, zwit­schern­den Vö­geln und ele­gan­ten Hir­schen, von de­nen man meist nur die Oh­ren übers Schilf­rohr spit­zen sieht. Di­rekt ne­ben der Stra­ße ste­hen die kräf­ti­gen wei­ßen Pfer­de auf dem Weg zur Ab­ba­zia di Pom­po­sa. Das wun­derschö­ne Klos­ter lockt mit Fres­ken aus dem 14. Jahr­hun­dert und Bo­den­mo­sai­ken, die in ei­nem Atem­zug mit Ra­ven­na ge­nannt wer­den. Beim zwei­ten Blick er­staunt vor al­lem die Fas­sa­de, für die ver­wen­det wur­de, was man fin­den konn­te. Da­zu ge­hö­ren un­ter­schied­lichs­te Säu­len und bun­te Tel­ler als Zier­rat im Glo­cken­turm.

Die klei­ne Schwes­ter der Se­re­nis­si­ma: Das Städt­chen Co­mac­chio an der Adria, in der Nä­he von Ra­ven­na ge­le­gen, er­in­nert mit sei­nen Ka­nä­len an die be­rühm­te La­gu­nen­stadt Ve­ne­dig. Fo­to: Sie­bert

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