My­thos „Grü­ne Höl­le“

Buch­tipp: Die Nord­schlei­fe – 90 Jah­re Nür­burg­ring

Der Sonntag (Mittelbaden) - - SPORT - Man­fred Spitz

Der Rausch der Ge­schwin­dig­keit. Der Reiz wohl­ge­form­ter Kur­ven. Die Schön­heit der Land­schaft. Das Flair der Le­gen­den. Wel­cher Ort schließt all dies in sich ein? Und das seit 90 Jah­ren? Der Nür­burg­ring – ge­nau­er: Die Nord­schlei­fe. Am 18. Ju­ni 1927 fei­er­te die rund 28 Ki­lo­me­ter lan­ge Stre­cke Renn­sport-Pre­mie­re; mit ei­ner Motorrad-Kon­kur­renz. Und ei­nen Tag spä­ter sieg­te Ru­dolf Ca­rac­cio­la im „wei­ßen Ele­fan­ten“, dem wuch­ti­gen Mer­ce­des Benz Typ S, als ers­ter Fah­rer bei ei­nem Au­to­mo­bil­ren­nen – dem le­gen­dä­ren Ei­fel­ren­nen. Ur­sprüng­lich in den 1920er Jah­ren als struk­tur­för­dern­de Maß­nah­me für die ent­le­ge­ne Ei­fel in „Preu­ßisch Si­bi­ri­en“er­son­nen, wird der Nür­burg­ring schnell zum In­be­griff der Renn­stre­cke über­haupt. Wer „Nür­burg­ring“ sagt, tut dies mit An­er­ken­nung und Re­spekt. Aber auch mit ei­ner ge­wis­sen Be­klom­men­heit. Bel­le et Be­tê, Be­au­ty and Beast, stets war der Nür­burg­ring, die ge­fähr­li­che Schön­heit, bei­des zu­gleich. Nord­schlei­fe – Nür­burg­ring – „Grü­ne Höl­le“: „When you’re in the car, the lights go out.“So be­schreibt der drei­ma­li­ge Welt­meis­ter und drei­ma­li­ge Nür­burg­ring-Nord­schlei­fen-Sie­ger Sir Ja­ckie Ste­wart den Mo­ment, als er im Schat­ten der Burg zu ei­nem Ren­nen star­te­te. Er war von der Stre­cke der­art be­ein­druckt, dass er ihr den Na­men ver­pass­te, den sie wohl nie mehr los­wer­den wird: „Grü­ne Höl­le“. Die Nord­schlei­fe führt über Ber­ge, durch Tä­ler und sie win­det sich durch dich­ten Wald am Fu­ße ei­ner al­ten Burg, der Nürburg. Die­ser Ort hat et­was Mys­ti­sches, vie­le Renn­fah­rer zieht er in sei­nen Bann. Sie be­zeich­nen den Nür­burg­ring als die ein­drucks­volls­te Renn­stre­cke der Welt. Doch im­mer auch, seit sei­nen An­fän­gen, hat er nach Op­fern ver­langt. Nach Ni­ki Lau­das Feu­er­un­fall 1976 ist der „Grü­nen Höl­le“ih­re wich­tigs­te Kli­en­tel ab­han­den ge­kom­men. Die For­mel-1Ka­ra­wa­ne mach­te fort­an ei­nen Bo­gen um die Ei­fel, nach dem Bau des neu­en Grand-Prix-Kur­ses kehr­te sie 1984 wie­der zu­rück – bis 2013 zum vor­erst letz­ten Mal. Durch fi­nan­zi­el­le Schief­la­ge ist die eins­ti­ge deut­sche Pa­ra­de-Renn­stre­cke ins Ge­re­de ge­kom­men; aber der My­thos bleibt. Seit sei­nem Be­ste­hen sah der Nür­burg­ring un­zäh­li­ge Ver­an­stal­tun­gen. Mit Aus­nah­me ei­ner kur­zen Zeit­span­ne wäh­rend des Zwei­ten Welt­kriegs und un­mit­tel­bar da­nach. Der Bild­band „90 Jah­re Nür­burg­ring. Die Ge­schich­te der Nord­schlei­fe“er­zählt von den in­zwi­schen neun Jahr­zehn­ten der „Grü­nen Höl­le“– und den Stars des Renn­sports, die auf dem Nür­burg­ring ge­fah­ren sind. Wer al­ler­dings von die­sem Buch ei­ne Chro­nik des Nür­burg­rings vol­ler Da­ten und Fak­ten er­war­tet,

Ers­te Ei­fel­ren­nen am 18. und 19. Ju­ni 1927

sieht sich ent­täuscht. Die wer­den kurz und bün­dig auf zwei Sei­ten ab­ge­han­delt. Viel­mehr „ver­rät es ei­nen ganz per­sön­li­chen Blick­win­kel“bei der Wahl der wich­tigs­ten Er­eig­nis­se und Per­sön­lich­kei­ten in der lan­gen His­to­rie des Ei­fel­kur­ses und sei­ner Va­ri­an­ten: Näm­lich den des Au­tors und Nür­burg­rin­gKen­ners Hart­mut Leh­brink. Leh­brink war selbst seit An­fang der 1950er Jah­re im­mer bei den gro­ßen Er­eig­nis­sen am Nür­burg­ring da­bei. Bei Fan­gi­os Tri­umph­fahrt 1957. Bei Ru­di Al­tigs Rad-WM 1966. Bei Ja­ckie Ste­warts sen­sa­tio­nel­ler Fahrt durch den Ei­fel-Ne­bel 1968 – und beim Lau­da-Dra­ma 1976. Er hat die Über­le­ben­den auf­ge­sucht, mit ih­nen ge­spro­chen und ih­re Ge­schich­ten und Emo­tio­nen ein­ge­fan­gen. Und die, die ih­re Ge­schich­ten nicht mehr wei­ter­ge­ben konn­ten, hat Leh­brink por­trä­tiert. Ent­stan­den ist ein gleich­wohl be­son­de­res wie ein­zig­ar­ti­ges Bild vom Nür­burg­ring (un­ter an­de­rem mit In­ter­views von Ru­di Al­tig, Chris­ti­an Dan­ner, Hans Herr­mann, Hans Hey­er, Ja­cky Ickx, Ni­ki Lau­da, Klaus Lud­wig, To­ni Mang, Jo­chen Mass, Max Mos­ley, Stir­ling Moss, Wal­ter Röhrl, Ja­ckie Ste­wart, John Sur­tees und vie­len an­de­ren), das es so bis­her noch nicht ge­ge­ben hat.

Le-Mans-Start 1959: Sprint über die Stre­cke, schnell hin­ters Lenk­rad, Mo­tor an­las­sen – und ab geht die Post. Ei­ner der dies aus dem Eff-Eff be­herrsch­te war Stir­ling Moss, der hier links dem Feld ent­eilt.

Im Schat­ten der Burg: Her­mann Lang auf der Ide­al­li­nie in der Links­kur­ve am En­de der Ge­gen­ge­ra­den. Sie war Teil der so­ge­nann­ten Be­ton­schlei­fe und mu­te­te Fah­rern und Fahr­zeu­gen ei­ni­ges zu.

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