„Mild und hei­ter“

Aus­stel­lung in Ba­den-Ba­den wid­met sich der Lich­ten­ta­ler Al­lee

Der Sonntag (Mittelbaden) - - DIE REGION - Wolf­gang We­ber

Mit und in der Lich­ten­ta­ler Al­lee er­leb­te Ba­den-Ba­den im 19. Jahr­hun­dert ei­nen atem­be­rau­ben­den kos­mo­po­li­ti­schen und tou­ris­ti­schen Auf­stieg. Mat­thi­as Win­zen klingt ge­ra­de­zu eu­pho­risch, wenn er über die Kur­stadt, de­ren Prach­tal­lee und die vor­neh­men Par­al­lel­ge­sell­schaf­ten der da­ma­li­gen Zeit spricht. Und der Mu­se­ums­di­rek­tor des Ba­den-Ba­de­ner Mu­se­ums LA8, ein ge­bür­ti­ger Köl­ner, weist aus­drück­lich dar­auf hin, dass die an Ein­woh­nern so klei­ne Stadt ih­ren stei­len Auf­stieg zum mon­dä­nen Treff­punkt der Rei­chen und Wich­ti­gen ganz oh­ne spek­ta­ku­lä­re Naturwunder wie den Rhein­fall in Schaff­hau­sen, ei­ne gro­ße Uni­ver­si­tät oder alt­ehr­wür­di­ge Müns­ter wie in Straß­burg oder Frei­burg ge­schafft hat. Im Ge­gen­teil: Erst die An­zie­hungs­kraft des Land­schafts­parks selbst lös­te an­spruchs­vol­le Bau­vor­ha­ben aus, die sich als Kon­ver­sa­ti­ons­haus, Grand-Ho­tel oder Trink­hal­le in die Ku­lis­se aus Baum­grup­pen, Wie­sen und sanf­ten Hän­gen ein­füg­ten. Es war al­so qua­si höchs­te Zeit, dass das Ba­denBa­de­ner Mu­se­um für Kunst und Tech­nik des 19. Jahr­hun­derts (bes­ser be­kannt als LA8) dem welt­be­rühm­ten be­geh­ba­ren Park, der Lich­ten­ta­ler Al­lee, ei­ne ei­ge­ne Aus­stel­lung wid­me­te. Vie­le Ge­mäl­de sind da zu se­hen, aber auch vor­neh­me Hü­te, schö­ne Schir­me und so­gar Er­sat­zSchirm­grif­fe der da­ma­li­gen Zeit. Ac­ces­soires al­so, die die fei­nen Da­men und Her­ren sei­ner­zeit bei sich tru­gen, wenn sie durch den Park fla­nier­ten. Je­nen Park, der im Ge­gen­satz zu den streng geo­me­tri­schen Parks des Ba­rock so na­tür­lich aus­sah, dass man fast an­neh­men könn­te, er wä­re wirk­lich na­tür­lich ent­stan­den. Ist er aber nicht. „Ei­ne Par­k­land­schaft ist kei­ne Na­tur“, sagt Win­zen. „Ei­ne Par­k­land­schaft ist viel­mehr ei­ne künst­li­che Darstel­lung von Land­schaft – ähn­lich wie bei ei­nem Ge­mäl­de. Doch die künst­li­che Darstel­lung von Land­schaft durch ei­nen Park be­nutzt statt Öl und Far­be Bäu­me und Sträu­cher. Und die Men­schen, die durch die­sen Park fla­nie­ren, spa­zie­ren ge­wis­ser­ma­ßen durch ein Ge­mäl­de.“Über­all in Eu­ro­pa en­stan­den sol­che Parks, iro­ni­scher­wei­se just zu Zei­ten der Früh­in­dus­tria­li­sie­rung. Der Auf­schwung Ba­den-Ba­dens be­gann, so Win­zen, nach der Fran­zö­si­schen Re­vo­lu­ti­on, als der fran­zö­si­sche Adel flüch­te­te und im ers­ten Städt­chen hin­ter der Gren­ze hän­gen blieb – und mit ihm Heer­scha­ren von Kö­chen und Di­enst­per­so­nal. Die Lich­ten­ta­ler Al­lee aber war von An­fang an für al­le Men­schen kon­zi­piert – für Reich und für Arm. „In der gärt­ne­ri­schen Gestal­tung be­zie­hungs­wei­se beim fla­nie­ren­den Be­such geht es dar­um, in wel­che Stim­mung der An­blick der Bü­sche, Wie­sen, Bäu­me und neu­en oder al­ten Bau­ten die fla­nie­ren­den Be­trach­ter ver­setzt“, sagt Win­zen. „Ein Land­schafts­park soll die Be­su­cher nicht kampf- oder kauf­be­reit stim­men wie ein Sport- oder Ein­kaufs­park. Parks wie die Lich­ten­ta­ler Al­lee sol­len mild, hei­ter, ver­söhn­lich, na­tur- und men­schen­freund­lich stim­men.“Und das tun sie – bis zum heu­ti­gen Tag.

Ir­gend­wie hat sich in Ba­den-Ba­den an­schei­nend nichts ver­än­dert in den ver­gan­ge­nen 150 Jah­ren: Das Ge­mäl­de „Lich­ten­ta­ler Al­lee“von Ge­org Ot­to Edu­ard Saal ent­stand um 1868. Es be­fin­det sich in Pri­vat­be­sitz in Karlsruhe. Fo­to: Heinz Pelz, Karlsruhe

Zy­lin­der und Hut­schach­teln (um 1900) so­wie ein Er­satz-Schirm­griff mit Spit­zen im Ori­gi­nal­kas­ten um 1890 (un­ten im Ar­ti­kel). Leih­ga­ben des Städ­ti­schen his­to­ri­schen Mu­se­ums/Mu­se­um im Go­ti­schen Haus, Bad Hom­burg v. d. Hö­he. Fo­tos: Nor­bert Mi­gu­letz, Frank­furt

Das Ge­mäl­de von Carl An­ton Her­mann Münch zeig­te ei­ne Sze­ne vor dem Kon­ver­sa­ti­ons­haus (Ca­si­no) um 1910. Leih­ga­be des Stadt­mu­se­ums/Stadt­ar­chiv Ba­den-Ba­den. Fo­to: Heinz Pelz, Karlsruhe

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