„Cha­rak­ter­lich ist er ein­wand­frei“

Hans Fil­bin­ger und „ganz nor­ma­le“Leu­te im Spie­gel ba­di­scher NSDAP-Ak­ten

Der Sonntag (Mittelbaden) - - DIE REGION - An­net­te Bor­chardt-Wen­zel

Der Wil­le zu Mit­ar­beit ist vor­han­den. Fil­bin­ger ist kein Drü­cke­ber­ger. Cha­rak­ter­lich ist er ein­wand­frei“. Aus ba­di­schen NSDAP-Ak­ten stam­men die­se Sät­ze. Hans Fil­bin­ger, der spä­te­re Mi­nis­ter­prä­si­dent von Ba­den-Würt­tem­berg, hat­te 1937 die Mit­glied­schaft im Na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Rechts­wah­rer­bund (NSRB) be­an­tragt. Wie üb­lich wur­de der da­mals 23-jäh­ri­ge Ge­richts­re­fe­ren­dar, ge­gen den man we­gen sei­ner ka­tho­li­schen So­zia­li­sa­ti­on Vor­be­hal­te heg­te, auf po­li­ti­sche und ideo­lo­gi­sche Zu­ver­läs­sig­keit ge­prüft. Das Er­geb­nis ist in ei­nem Gut­ach­ten des Gau­rechts­amts­lei­ters nach­zu­le­sen: „Fil­bin­ger ist po­li­tisch zu­ver­läs­sig“. Sie­ben Jah­re spä­ter wur­de der „auf­rech­te Jun­gJu­rist“in ei­nem Schrei­ben als „be­gabt“und „flei­ßig“ge­schil­dert: „von si­che­rem Auf­tre­ten und gu­ten Um­gangs­for­men, an­stän­di­gem Cha­rak­ter, gu­ter Na­tio­nal­so­zia­list“. Hans Fil­bin­ger wie man ihn in der Na­zi-Zeit in der Stan­des­or­ga­ni­sa­ti­on der deut­schen Ju­ris­ten sah. 1978 muss­te er als Mi­nis­ter­prä­si­dent Ba­den-Würt­tem­bergs zu­rück­tre­ten, nach­dem durch Re­cher­chen des Dra­ma­ti­kers Rolf Hoch­huth die Mit­wir­kung des eins­ti­gen Ma­ri­ne-Rich­ters an To­des­ur­tei­len im Drit­ten Reich be­kannt ge­wor­den war. Ei­ni­ge Schrift­stü­cke aus der NSRB-Mit­glieds­ak­te des vor zehn Jah­ren ge­stor­be­nen CDU-Po­li­ti­kers, der sich bis zu sei­nem En­de als Op­fer ei­ner „Ruf­mord­kam­pa­gne“be­trach­te­te, sind bis En­de Ju­ni in ei­ner Vi­tri­ne im Foy­er des Ge­ne­ral­lan­des­ar­chivs Karlsruhe (GLA) zu se­hen. Es han­delt sich um ei­ne win­zi­ge Aus­wahl aus dem Fun­dus an ba­di­schen NSDAP-Ak­ten, die das Ar­chiv auf­be­wahrt. Aus ih­nen geht her­vor, was die Na­tio­nal­so­zia­lis­ten, ih­re Ver­bän­de und Or­ga­ni­sa­tio­nen ge­sam­melt, fest­ge­stellt und auf­ge­schrie­ben ha­ben: Über „ganz nor­ma­le“Leu­te wie Schul­ab­gän­ger, die ei­ne Be­rufs­aus­bil­dung be­gin­nen woll­ten. Über klei­ne Tritt­brett­fah­rer des Re­gimes. Über Pro­mi­nen­te der NS-Zeit. Ak­ten­kun­dig wur­den da­mals auch vie­le Men­schen, die nach 1945 zu den Eli­ten der Ge­sell­schaft zähl­ten – Po­li­ti­ker et­wa, Ver­wal­tungs­chefs, Bun­des­rich­ter, Künst­ler und Wirt­schafts­grö­ßen. Rund 250 Re­gal­me­ter um­fasst die Karls­ru­her NSDAP-Über­lie­fe­rung. Das GLA un­ter­zieht sie der­zeit ei­ner „Tie­fen­er­schlie­ßung“. Die­se auf­wän­di­ge Ak­ti­on er­mög­licht es, ge­zielt nach Na­men zu re­cher­chie­ren, was mit den bis­he­ri­gen Find­bü­chern nicht mög­lich war. Für ei­nen Teil der Über­lie­fe­rung ist die Ar­beit Ar­beit schon ab­ge­schlos­sen, wei­te­re Er­geb­nis­se stellt das Ge­ne­ral­lan­des­ar­chiv suk­zes­si­ve on­line. Das ist sehr hilf­reich – nicht nur für His­to­ri­ker. Seit im­mer mehr Na­men im In­ter­net auf­find­bar sind, wen­den sich zu­neh­mend Leu­te ans Ge­ne­ral­lan­des­ar­chiv, die nicht von wis­sen­schaft­li­chem, son­dern per­sön­li­chen In­ter­es­se ge­trie­ben sind, er­zählt Mar­tin Stingl, der An­sprech­part­ner für die NSDAP-Über­lie­fe­rung: „Oft wol­len sie ein­fach ge­naue­res über ih­ren Va­ter oder ih­ren Opa wis­sen.“Ha­ben sie die Na­men in den On­line-Find­mit­teln ent­deckt, kön­nen sie die ent­spre­chen­den Ak­ten im Ge­ne­ral­lan­des­ar­chiv ein­se­hen. Vie­le bit­ten auch um Ko­pi­en, die ge­gen Ge­bühr an­ge­fer­tigt wer­den kön­nen. Die Nach­fra­ge sei groß. Und: „Das In­ter­es­se wird noch zu­neh­men“, ist sich der Ober­ar­chiv­rat si­cher. Die­se Er­fah­rung ha­be das GLA be­reits bei den Spruch­kam­merAk­ten ge­macht – den Un­ter­la­gen zu den Ver­fah­ren, bei de­nen sich die Deut­schen nach 1945 für ihr Ver­hal­ten wäh­rend der NS-Zeit ver­ant­wor­ten muss­ten. Mar­tin Stingl fin­det es üb­ri­gens sehr span­nend, die NSDAP- und die Spruch­kam­merAk­ten ein­zel­ner Per­so­nen mit­ein­an­der zu ver­glei­chen: Manch­mal tun sich in­ter­es­san­te Un­ter­schie­de auf. Zum Bei­spiel, wenn im Ent­na­zi­fi­zie­rungs­ver­fah­ren ei­ne SS-Mit­glied­schaft un­er­wähnt bleibt... Apro­pos Spruch­kam­mern: Auch Hans Fil­bin­ger muss­te sich nach dem Krieg der Ent­na­zi­fi­zie­rung un­ter­zie­hen. Sie hat­te letzt­lich zum Ur­teil „ent­las­tet“ge­führt.

Im­mer mehr Na­men sind im In­ter­net auf­find­bar

Das Ge­ne­ral­lan­des­ar­chiv Karlsruhe ver­wahrt ei­nen gro­ßen Fun­dus an NSDAP-Ak­ten. Da­für in­ter­es­sie­ren sich His­to­ri­ker und zu­neh­mend auch Pri­vat­leu­te, die mehr über ih­re Fa­mi­li­en­ge­schich­te wis­sen wol­len. Fo­to: bo

„Po­li­tisch zu­ver­läs­sig“war der 23-jäh­ri­ge Hans Fil­bin­ger aus Sicht der Na­tio­nal­so­zia­lis­ten. Der spä­te­re Mi­nis­ter­prä­si­dent von Ba­den-Würt­tem­berg hat­te 1937 die Mit­glied­schaft im NS-Rechts­wah­rer­bund be­an­tragt. Vor­la­ge: GLA Karlsruhe 465 c Nr. 422

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