Schön­hei­ten am Ober­rhein

Hei­mi­sche Or­chi­de­en un­ter der Lu­pe

Der Sonntag (Mittelbaden) - - DIE REGION - Patri­cia Klatt

Wir sind stän­dig un­ter­wegs, in ganz Eu­ro­pa und dar­über hin­aus, im­mer auf der Su­che nach Or­chi­de­en, wir sind ih­nen ein­fach in wirk­li­cher und ech­ter Be­geis­te­rung ver­fal­len, ,Or­ch­idio­ten‘ eben“, er­klärt Hel­mut Läpp­le, der Ken­ner hei­mi­scher Or­chi­de­en am mitt­le­ren und nörd­li­chen Ober­rhein. Or­chi­de­en sind, mit Aus­nah­me der Pol­kap­pen, über die gan­ze Welt ver­brei­tet und man kennt mehr als 25000 ver­schie­de­ne Ar­ten. Ihr Schwer­punkt liegt in den Tro­pen, ei­ne der be­kann­tes­ten Ver­tre­ter dürf­te dort wohl die Va­nil­le sein. Die meis­ten tro­pi­schen Or­chi­de­en sind Epi­phy­ten, das heißt, sie le­ben auf an­de­ren Pflan­zen, bei­spiels­wei­se Bäu­men. Ganz an­ders ist es bei den eu­ro­päi­schen Ver­tre­tern, die im Bo­den wach­sen und manch­mal so­gar über­se­hen wer­den, weil sie in der Wie­se nicht so­fort ins Au­ge fal­len. „Aber an ih­ren Blü­ten sind sie bei ge­nau­em Hin­se­hen so­fort als Or­chi­de­en zu er­ken­nen, auch wenn sie al­le völ­lig un­ter­schied­lich aus­se­hen“, so Läpp­le, der be­reits zwi­schen 1987 und 1994 Or­chi­de­en-Kar­tie­run­gen im Land­kreis Ras­tatt und Stadt­kreis Ba­den-Ba­den durch­ge­führt hat und auch ak­tu­ell wei­ter durch­führt. „Bei uns gibt es 26 Ar­ten, ei­ne da­von ist mitt­ler­wei­le aber lei­der ver­schol­len. Die Rhein­däm­me und die Hoch­was­ser­dei­che in der Rhein­ebe­ne, die nicht ge­düngt und ge­spritzt wer­den, sind Hots­pots für Or­chi­de­en, dort kann man auf re­la­tiv klei­ner Flä­che durch­aus mal sechs ver­schie­de­ne Ar­ten fin­den“, sagt Läpp­le. Mo­men­tan blü­hen dort bei­spiels­wei- se die Py­ra­mi­den­or­chis und die Bie­nenRag­wurz. Man fin­det Or­chi­de­en aber auch an an­de­ren Stand­or­ten. „Mei­ne ers­te BocksRie­men­zun­ge ha­be ich di­rekt am Stra­ßen­rand zwi­schen Mug­gen­sturm und Bi­schwei­er ge­se­hen“, er­in­nert sich Läpp­le. Vie­len, die dort an der ro­ten Am­pel hal­ten muss­ten, fiel die­se Or­chi­dee auf. Drei Jah­re lang ha­be er sie an die­ser Stel­le be­ob­ach­ten kön­nen, aber nach ei­ner Frost­pe­ri­ode sei sie ver­schwun­den – al­ler­dings ken­ne er mitt­ler­wei­le auch drei wei­te­re Fund­or­te im Land­kreis, die BocksRie­men­zun­ge sei ein ech­ter Ein­wan­de­rer. Bei sei­nen Kar­tie­run­gen hat Läpp­le seit 1995 ins­ge­samt vier neue Or­chi­de­en-Ar­ten bei uns nach­ge­wie­sen, „wohl als Fol­ge des Kli­ma­wan­dels“. Man­che Bo­ta­ni­ker be­zeich­nen Or­chi­de­en we­gen ih­rer vie­len An­pas­sungs­stra­te­gi­en als be­son­ders „in­tel­li­gen­te Pflan­zen“. Auch Ste­phan Bie­bin­ger, Bo­ta­ni­ker am In­sti­tut für Land­schafts­öko­lo­gie und Na­tur­schutz in Bühl (ILN), der eben­falls in den letz­ten Jah­ren hei­mi­sche Or­chi­de­en kar­tiert hat, hat sie an völ­lig un­ter­schied­li­chen Stand­or­ten ge­fun­den. „In den Rhein­au­en blü­hen Hum­mel- und Bie­nenrag­wurz, in der Rhein­ebe­ne das Hel­mKn­a­ben­kraut, in den Streu­wie­sen das Fleisch­far­be­ne Kn­a­ben­kraut oder die SumpfS­ten­del­wurz. Es gibt auch ty­pi­sche Waldor­chi­de­en, da­zu ge­hört auch das Wei­ße Wald­vö­ge­lein, Or­chi­dee des Jah­res 2017, mit der Haupt­blü­te­zeit von Mit­te Mai bis Mit­te Ju­li. So­gar in der Vor­berg­zo­ne und im Schwarz­wald wach­sen Or­chi­de­en wie das Ge­fleck­te und das Breit­blätt­ri­ge Kn­a­ben­kraut. An zwei bis drei Stel­len im Land­kreis ha­be ich auch die bei uns sehr sel­te­ne Spin­nen­rag­wurz ge­fun­den“, so Bie­bin­ger. Sein ganz per­sön­li­cher Fa­vo­rit sei die Bocks-Rie­men­zun­ge, die ur­sprüng­lich in Mit­tel­eu­ro­pa

Bocks-Rie­men­zun­ge an ro­ter Am­pel ent­deckt

be­hei­ma­tet war und tat­säch­lich ein biss­chen nach Zie­gen­bock rie­che, sagt Bie­bin­ger. So un­ter­schied­lich Vor­kom­men und Aus­se­hen der hei­mi­schen Or­chi­de­en sind, so ver­schie­den sind auch die Tricks, mit de­nen sie In­sek­ten, Vö­gel, Fle­der­mäu­se oder manch­mal so­gar Frö­sche zur Be­stäu­bung an­lo­cken. Die nord­ame­ri­ka­ni­sche Wald­hya­zin­the duf­tet so­gar nach Mensch, um für Ti­ger­mü­cken at­trak­tiv zu sein, die die Pflan­ze be­stäu­ben. Hei­mi­sche Or­chi­de­en wer­den al­ler­dings über­wie­gend von In­sek­ten be­stäubt. „Und die fei­nen Or­chi­de­en­sa­men wer­den durch den Wind ver­brei­tet und sind zur Kei­mung auf die Hil­fe ei­nes Pil­zes an­ge­wie­sen. Die Pilz-Or­chi­de­en-Le­bens­ge­mein­schaft bleibt bei un­se­ren meis­ten hei­mi­schen Ar­ten auch spä­ter be­ste­hen. Des­we­gen ist es völ­lig sinn­los und auch so­wie­so strengs­tens ver­bo­ten, Or­chi­de­en aus­zu­gra­ben, um sie im ei­ge­nen Gar­ten wie­der ein­zu­pflan­zen. Al­le hei­mi­schen Or­chi­de­en ste­hen un­ter Na­tur­schutz und sind zu­sätz­lich noch durch das in­ter­na­tio­na­le Wa­shing­to­ner Ar­ten­schutz­ab­kom­men streng ge­schützt“, so der Or­chi­de­en­spe­zia­list Hel­mut Läpp­le.

Fo­tos: Späth (2), Klatt (1)

26 Ar­ten von Or­chi­de­en gibt es – ver­mut­lich – in un­se­rer Re­gi­on. Hier se­hen wir drei schö­ne Ex­em­pla­re. Von links: ei­ne Spin­nen-Rag­wurz (bei Söl­lin­gen), ein Ge­fleck­tes Kn­a­ben­kraut und ei­ne Py­ra­mi­den­or­chis.

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