Vom Fru­st­ab­bau zur Vi­si­ten­kar­te

Blick in die Abitur­zei­tun­gen 1996 – 2006 – 2016 und 2017 am Les­sing-Gym­na­si­um Karls­ru­he

Der Sonntag (Mittelbaden) - - DIE REGION - Tho­mas Liebs­cher

Die Pfingst­fe­ri­en ge­hen heu­te zu En­de. Die letz­te Etap­pe der Schul­zeit von Ro­san­na We­ber und Kat­ha­ri­na Fi­scher be­ginnt. Die jun­gen Frau­en aus der Kurs­stu­fe 12 am Karls­ru­her Les­sing-Gym­na­si­um er­fah­ren mor­gen ih­re No­ten der schrift­li­chen Abitur­prü­fun­gen. Dann läuft die ge­naue Vor­be­rei­tung fürs Münd­li­che an – und der Count­down zu den „Fei­er­lich­kei­ten“rund ums Abi. Zu den Ri­tua­len der Gym­na­si­as­ten ge­hö­ren der Abi-Ball in Abend­kleid und An­zü­gen, gro­ße pri­va­te Fei­ern im Frei­en, Au­to­fahr­ten mit dem wort­spie­len­den Mot­to ih­res Jahr­gangs und meist auch ei­ne Abitur­zei­tung. Ro­san­na und Kat­ha­ri­na wa­ren beim dies­jäh­ri­gen Re­dak­ti­ons­team für die Abi­zei­tung am „Les­sing“da­bei und er­war­ten die­se Wo­che aus der Dru­cke­rei ihr 120-sei­ti­ges Heft. Ab Mon­tag, 26. Ju­ni, soll es an ih­rer Schu­le am Gu­ten­berg­platz ver­kauft wer­den. Die Ti­tel­sei­te ist be­tont schlicht ge­hal­ten, ganz in Weiß mit der we­nig ef­fekt­vol­len Über­schrift „Abi­zei­tung 2017“und als Un­ter­zei­le das Jahr­gangs­mot­to in ganz klei­ner Schrift „Last 90’s Ba­bies – Nach uns kom­men nur noch Nul­len.“Weil die nächs­ten Abitu­ri­en­ten schon aus den Jahr­gän­gen ab 2000 stam­men. „Mit den Vor­be­rei­tun­gen für un­se­re Abi­zei­tung ha­ben wir in der 11. Klas­se be­gon­nen. Durch aus­ge­häng­te Lis­ten ha­ben wir Leu­te ge­sucht, die mit­ma­chen bei der Gestal­tung oder et­was schrei­ben“, be­rich­tet die 18-jäh­ri­ge Kat­ha­ri­na. Seit De­zem­ber soll­ten die Tex­te ein­tru­deln. Wie bei so vie­len Pro­jek­ten lief vie­les auf den letz­ten Drü­cker. Das rein weib­li­che Re­dak­ti­ons­team – was aber nichts da­mit zu tun hat, dass das Les­sing einst ein Mäd­chen­gym­na­si­um war – kam im Mai ganz schön un­ter Zeit­druck. Hat es aber ge­schafft und ist stolz dar­auf. „Das Heft soll zei­gen, ,wer wa­ren wir‘, es soll ei­ne schö­ne Er­in­ne­rung für al­le 92 in un­se­rem Jahr­gang sein. Wir brin­gen Be­rich­te über fast al­le vier­stün­di­gen Kur­se, An­ek­do­ten und Sprü­che aus den zwei Jah­ren und vor al­lem gro­ße Steck­brie­fe über je­den von uns auf ei­ner Sei­te, ge­schrie­ben von Freun­den“, fasst die 17Jäh­ri­ge Ro­san­na den In­halt zu­sam­men. Über grund­sätz­li­che Schul­po­li­tik oder an­de­re ge­sell­schaft­li­che The­men fin­den sich kei­ne Bei­trä­ge. „Was nicht heißt, das uns das nicht in­ter­es­siert, aber sol­che The­men wer­den über die SMV ab­ge­deckt“, sagt Kat­ha­ri­na, die zwei Mal Schü­ler­spre­che­rin am Les­sing war. Ei­ne heu­te be­son­ders be­lieb­te Ru­brik in Abi­zei­tun­gen bringt je­de Men­ge „Um­fra­gen“. Die Les­sing-Abitu­ri­en­ten 2017 fin­den, dass Sven, Mi­cha­el, Alex, Max und La­ra ein­fach al­les wis­sen, Zoe, Ne­le und Han­nes die größ­ten Sports­ka­no­nen sind und Frau Loh­mann, Frau Do­min und Frau Sch­mitt (Bo­lanz) die at­trak­tivs­ten Leh­re­rin­nen. Als at­trak­tivs­te männ­li­che Päd­ago­gen gel­ten Herr Arns, Herr Mei­er und Herr Ze­pfel. Man er­fährt aber durch die Um­fra­gen auch, wer die größ­ten Tratsch­tan­ten oder Zu­spät­kom­mer sind und wer ver­mut­lich als ers­tes in der „Bild“lan­den wird. Heu­te räu­men Schü­ler ih­ren Leh­rern viel Platz in den Abitur­zei­tun­gen ein. Nicht nur durch wohl­wol­len­de Rück­bli­cke oder mit Kin­der­bil­dern der Päd­ago­gen, nein je­ne schrei­ben selbst viel da­rin! In der ak­tu­el­len Aus­ga­be am Les­sing stam­men et­li­che der Kurs­be­rich­te aus Leh­r­er­fe­dern. In der Abi­zei­tung 2016 die­ser Schu­le in der West­stadt war es eben­so. Teil­wei­se wer­den Kur­se aus Schü­ler- und Leh­rer­sicht par­al­lel vor­ge­stellt. Und Les­sing-Rek­to­rin Sabine Schat­te schrieb im Vor­jahr das Vor­wort für die 156sei­ti­ge op­tisch ge­lun­ge­ne Abi­zei­tung. Sie fühl­te sich ge­ehrt, dass sie auf der Ti­tel­sei­te und dem Mot­to auf­taucht: Es lau­te­te: „Ab­hör­skan­dal – 8 Jah­re be­schat­tet“. Über­haupt fin­det sich in den neu­es­ten Hef­ten viel ge­gen­sei­ti­ges Lob. Die meis­ten Kurs­be­rich­te en­den mit herz­li­chem Dank an Leh­re­rin­nen oder Leh­rer. Und vie­le Päd­ago­gen stel­len die gu­te Ge­mein­schaft mit ih­ren Schütz­lin­gen her­aus. Die Ab­schluss-Zei­tun­gen do­ku­men­tie­ren heu­te den Schul­ter­schluss in ei­nem Bil­dungs­un­ter­neh­men. Ge­mein­sam­keit wird her­vor­ge­ho­ben, der Wil­le zum er­folg­rei­chen Ab­schluss eint al­le Be­tei­lig­ten. Die Ge­ne­ra­tio­nen sind zwar nie ganz kom­pa­ti­bel, aber sie be­har­ken sich kaum, die schrei­ben­den G-8-Abitu­ri­en­ten und ih­re Aus­bil­der. In der Abi­zei­tung 1996 am Les­sing las sich’s oft noch ganz an­ders: Der ers­te Ar­ti­kel da­rin ist ei­ne Lau­da­tio an die Haus­meis­ter­fa­mi­lie. In ihr heißt es: „Sie brach­ten im­mer Ver­ständ­nis für uns auf und be­han­del­ten uns wie er­wach­se­ne Men­schen, wo­zu man­che Leh­rer nach 10 bis 20 Jah­ren Be­rufs­er­fah­rung im­mer noch nicht in der La­ge sind.“Na­tür­lich wur­den auch in den 90ern An­er­ken­nung an den Lehr­kör­per hin­ter­las­sen. Gleich­zei­tig wer­den er­kenn­ba­re Leh­rer als „un­pünkt­lich, un­fair, faul, un­mo­ti­viert“be­zeich­net. Ei­ner Päd­ago­gin wird di­rekt emp­foh­len, mal ein Deo zu be­nut­zen. Die hef­ti­ge Kri­tik in der 1996er Zei­tung mit dem Ti­tel „Der letz­te macht das Licht aus“mün­det in ei­ne drei­sei­ti­ge, hand­schrift­li­che Abrech­nung und der The­se: „Ob Pop­per oder Punk, die Schu­le macht uns krank“. Schü­ler Frank mo­nier­te da­mals, der Lehr­plan sei auf Aus­wen­dig­ler­nen auf­ge­baut, Wi­der­sprü­che und Kri­tik sei­en nicht er­wünscht, Krea­ti­vi­tät wür­den zer­stört, al­le hät­ten ei­ne ge­hö­ri­ge Por­ti­on Ge­hirn­wä­sche ab­ge­kriegt. Das mag da­mals ei­ne Ein­zel­mei­nung ge­we­sen sein, aber sie hat sich Ge­hör ver­schafft. Sol­cheF­un­da­men­tal­kri­tik wur­de wich­ti­ger ge­nom­men, als das be­schei­de­ne De­sign der Zei­tung. Und für die Selbst­dar­stel­lung ge­nüg­ten noch we­ni­ge Zei­len. In zwei Fäl­len sind 1996 statt Schü­ler­fo­tos nur Po-Ba­cken zu se­hen. Das kä­me heu­te nicht mehr vor. Un­denk­bar auch, dass, wie in den 1980er Jah­ren üb­lich, po­li­ti­sche Tex­te, so­gar Fremd­tex­te, ab­ge­druckt wür­den. Das be­stä­tigt Ge­schichts- und Deutsch­leh­rer Cor­ne­li­us Leut­ner. Er sam­melt als Ober­stu­fen­be­ra­ter seit Jahr­zehn­ten die Abitur­zei­tun­gen an „sei­nem“Les­sing-Gym­na­si­um und hat ei­ni­ge

Mot­to: Last 90’s Ba­bies – nach uns nur die Nul­len

für die­sen Bei­trag zur Ver­fü­gung ge­stellt. Im Jahr 2006 mach­ten sich die Les­sing-Abitu­ri­en­ten eher über die Schwie­rig­kei­ten der Leh­rer mit tech­ni­schen Ge­rä­ten lus­tig. Lob und Dank an die Päd­ago­gen über­wie­gen nun, nur noch Ein­zel­fäl­le von Faul­heit und Zi­ckig­keit wer­den er­wähnt, ein Leh­rer ha­be sich ver­plant und die Schü­ler hän­gen las­sen. Das Mot­to im ge­stal­te­risch schon sehr an­spruchs­vol­len Heft 2006 lau­te­te „Eli­te braucht kein Mot­to“. Die Re­dak­ti­on je­ner Abi­zei­tung 2006 be­stand aus So­phie und En­ri­co, die für 40 Mit­schü­ler im­mer­hin ein 118sei­ti­ges Heft zu­sam­men­stell­ten. Da­rin ist je­dem je­der Schü­ler schon ei­ne gan­ze Sei­te ge­wid­met, um ihn vor­zu­stel­len. Die Text­men­ge der Selbst­dar­stel­lung ist noch über­schau­bar. Da­ge­gen stei­gert sich die per­fek­te Vi­si­ten­kar­te der Abitu­ri­en­ten im Jahr 2016 noch wei­ter. In den tol­len Steck­brie­fen bleibt da­ge­gen die Les­bar­keit der Tex­te bis­wei­len auf der Stre­cke. Da­für trägt Yan­nick Gleich­auf zu­sätz­lich Top-Fo­to­por­träts sei­ner Mit­schü­ler bei. Die Ana­ly­se der neu­es­ten Abitur­zei­tun­gen er­gibt: Gym­na­si­as­ten ha­ben sich zu viel­sei­ti­gen, selbst­be­wuss­ten jun­gen Men­schen ent­wi­ckelt, die von Schu­le ver­lan­gen, ei­ne op­ti­ma­le Sta­ti­on auf ih­rem am­bi­tio­nier­ten Le­bens­weg zu sein. Ro­san­na We­ber schreibt au­gen­zwin­kernd im Vor­wort der Zei­tung 2017, man ha­be 2 920 Ta­ge im „Ho­tel Les­sing“ver­bracht – und kann bi­lan­zie­ren: Drin­nen gab’s elo­quen­te Vor­trä­ge so­wie ge­wöhn­lich gu­tes Men­sa­es­sen.

Im Jahr 1996 noch mit hef­ti­ger Kri­tik an Schu­le Das Wort zum Sonn­tag

Ei­ne Frau­en­re­dak­ti­on stell­te die dies­jäh­ri­ge Abi­zei­tung am Les­sing-Gym­na­si­um Karls­ru­he zu­sam­men. Sie um­fasst 120 Sei­ten und stellt die 82 Abitu­ri­en­ten groß vor. Am 26. Ju­ni er­scheint das Heft. Von links: Ro­san­na We­ber, Car­la Lusch, Han­na Bork, Li­sa Wall­ner, San­ne El­mans, Kat­ha­ri­na Fi­scher und La­ra Pütz. Fo­to: Ar­tis

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