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Ste­phan Sul­ke: Gift­sprit­zen-Prin­zip hat sich be­währt

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Erste Seite - Avs

Die drei bis vier Mi­nu­ten ei­nes Pop­songs rei­chen Ste­phan Sul­ke, um Lie­be­so­der Le­bens­ge­schich­ten aus­zu­ma­len. Vor al­lem Frau­en wie die eman­zi­piert­ka­pri­ziö­se Uschi oder die ab­ge­ta­kel­te Pro­sti­tu­ier­te Ul­la hat der Schwei­zer in Lie­dern mit Witz, Wär­me oder auch Weh­mut zum Le­ben er­weckt. Ein Ge­spräch mit dem 73-Jäh­ri­gen über sein neu­es Al­bum „Lie­be ist nichts für An­fän­ger“und sei­ne künst­le­ri­sche Bi­lanz. Ach, es zeugt doch von ei­ner un­end­li­chen Hy­bris, sich nicht zu freu­en, wenn ei­nem ein Volks­lied ge­lun­gen ist. Ab ei­nem ge­wis­sen Al­ter kennt die­sen Song ein­fach je­der. Und „Uschi“hat auch Leu­ten ge­fal­len, die mit mir bis da­hin gar nichts an­fan­gen konn­ten, denn ich kam ja vom fran­zö­si­schen Chan­son.

Den Be­griff Lie­der­ma­cher ha­be ich im­mer ge­hasst – nicht des Wor­tes, son­dern des Sinns we­gen. Ich as­so­zi­ie­re da­mit den Bir­ken­stock­lat­schen-tra­gen­den, un­ra­sier­ten und oft un­ge­wa­sche­nen Links-An­ar­chis­ten, der un­me­lo­di­ös auf sei­ner Gi­tar­re rum­haut und ge­stelz­te Ver­se in ein aus mei­ner Sicht kom­plett ver­blö­de­tes Pu­bli­kum spuckt. Das ist mein Ur­bild des Lie­der­ma­chers. Heißt na­tür­lich nicht, dass es so ist. Aber wenn Sie mich ei­nen deutsch­spra­chi­gen Chan­son­nier nen­nen wol­len – ger­ne. Ich mag den Be­griff Sin­ger-Song­wri­ter am liebs­ten.

Ers­tens ist es ei­ne Art Heim­weh – ich kann ein­fach nicht an­ders als Mu­sik ma­chen. Das Auf­hö­ren hat­te da­mals mit Über­sät­ti­gung zu tun – zu viel Er­folg, dann ging es nur noch um Geld. Ir­gend­wann kam das Ge­fühl hin­zu, auf dem ab­stei­gen­den Ast zu sein. Mir wird des­we­gen vor­ge­hal­ten, ich hät­te kar­rie­re­tech­nisch ei­nen furcht­ba­ren Feh­ler ge­macht, weil mir ei­ne gan­ze Hö­rer­ge­ne­ra­ti­on ver­lo­ren ge­gan­gen sei. Aber ich bin eben nicht so der Typ mit dem Re­chen­schie­ber. Ich bin eher ei­ner, der nach See­len­ver­wand­ten sucht.

Mein ein­zi­ges Werk­zeug ist gu­ter Ge­schmack. Am An­fang steht im­mer ein Ge­fühl, das ich ha­be – Weh­mut oder Zy­nis­mus. Zu­erst al­so ein be­stimm­ter Ein­fall, und dann schal­tet sich mein Ge­hirn ein. Ich bin sehr sehr kri­tisch mit mei­nen Tex­ten. Am Schluss blei­ben oft nur noch drei Zei­len üb­rig von der ur­sprüng­li­chen Idee.

Ja, das ist ein Pop­song, den man sich so ne­ben­bei an­hö­ren kann, aber wenn man ge­nau­er auf die Wör­ter ach­tet, sagt man sich: Was sagt der denn da gera­de? Das ist mein be­währ­tes Gift­sprit­zen-Prin­zip. Wenn man sich selbst in Kri­tik mit ein­schließt, dann ist Mora­li­sie­ren auch er­laubt. Es gibt so viel weh­lei­di­ges Ge­schwätz über die Ar­mut an­de­rer Leu­te. Die­se Heu­che­lei, die­se Ver­lo­gen­heit wi­dert mich an. „Eu-Ro-Pa“ist ei­ner der zy­nischs­ten Songs, die ich je ge­schrie­ben ha­be. Aber ich muss­te mir das mal vom Her­zen schaf­fen.

Ja, auf je­den Fall. Ich bin sehr stolz auf mei­ne west­li­che Kul­tur. Bei al­ler be­rech­tig­ten Kri­tik ist Eu­ro­pa doch das Bes­te, was die Mensch­heit bis­her hin­be­kom­men hat. Wir ha­ben De­mo­kra­tie, Men­schen­rech­te, das Nie­der­rin­gen der Re­li­gi­on er­fun­den – so schlecht kann das al­les nicht sein. Al­so ich ste­he zu Eu­ro­pa. Die EU ist ei­ne ganz an­de­re Ge­schich­te – die­ses Pro­blem ist eher ein bü­ro­kra­ti­sches.

Mit Deutsch-Pop-Songs er­folg­reich: „Lie­be ist nichts für An­fän­ger“heißt Ste­phan Sul­kes neu­es Al­bum. Fo­to: avs Vie­le Leu­te ha­ben nach 35 Jah­ren noch „Uschi mach’ kein’ Quatsch“im Ohr, wenn sie an Ste­phan Sul­ke den­ken. Nervt es Sie, auf die­ses Lied re­du­ziert zu wer­den?

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