Pick­nick welt­weit

Aus­stel­lung in Frank­furt übers Spei­sen im Frei­en

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Frezeit & Ausfluge - Mt

Ob es sich um ein stil­voll ar­ran­gier­tes „Dî­ner en Blanc“han­delt oder ei­nen fröh­li­chen Aus­flug ins Grü­ne mit Kind, Ke­gel und Klapp­grill – ein Pick­nick lässt nie­man­den kalt. Schon die al­ten Grie­chen schätz­ten das ge­mein­sa­me Spei­sen in der Na­tur und spä­tes­tens mit der Er­fin­dung des Pick­nick­korbs im En­g­land des 18. Jahr­hun­derts wur­de das Mahl im Frei­en zum ge­sell­schaft­li­chen Er­eig­nis. Jetzt ist es so­gar mu­se­ums­reif: „Pick­nick-Zeit“heißt ei­ne gro­ße Aus­stel­lung, die das Mu­se­um An­ge­wand­te Kunst in Frank­furt am Main bis 17. Sep­tem­ber zeigt. Die Schau lädt zu ei­nem Gang qu­er durch ver­schie­de­ne Zei­ten und Kul­tur­krei­se ein. Der Be­su­cher macht ei­ne Stipp­vi­si­te beim prunk­vol­les Mahl wäh­rend der kö­nig­li­chen Ru­der-Re­gat­ta im eng­li­schen Hen­ley, schaut im Ori­ent vor­bei und be­sucht das Ja­pan der Kirsch­blü­te. Auf 1 000 Qua- Aus­stel­lungs­flä­che er­zäh­len Pick­nick-Uten­si­li­en un­ter­schied­lichs­ter Form, Mach­art und Her­kunft, zahl­rei­che Ob­jek­te, In­stal­la­tio­nen, Fo­to­gra­fi­en und Fil­me vom Va­ri­an­ten­reich­tum ei­ner be­lieb­ten Kul­tur­pra­xis. „Pi­que-Ni­que“– das klingt fran­zö­sisch. Tat­säch­lich avan­cier­te das Mahl im Frei­en in der Zeit des Ba­rock in der ge­zier­ten Adels­ge­sell­schaft Frank­reichs zum be­lieb­ten Som­mer­ver­gnü­gen. In En­g­land wird es noch heu­te beim be­rühm­ten Pfer­de­ren­nen von As­cot, der Hen­ley Roy­al Re­gat­ta, dem Ten­nis­tur­nier von Wim­ble­don und der Oper in Glyn­de­bourne als ge­sell­schaft­li­ches Groß­er­eig­nis ge­fei­ert. In Ja­pan trifft man sich zur Zeit der Kirsch­blü­te zu kunst­voll in­sze­nier­ten Pick­nicks, die auf ei­ne Tra­di­ti­on bis ins 8. Jahr­hun­dert zu­rück­bli­cken – Dich­tung und Ge­sang spie­len da­bei ei­ne gro­ße Rol­le. Bei Pick­nicks im Na­hen Os­ten wie­der­um füh­len sich vie­le Men­schen an ih­re no­ma­di­schen Wur­zeln er­in­nert, wenn sie im Kreis ih­rer Ver­wand­ten und Be­kann­ten im Frei­en gril­len und es­sen. Die Aus­stel­lung be­leuch­tet his­to­ri­sche wie zeit­ge­nös­si­sche Pick­nickRi­tua­le – in der Schweiz, in Deutsch­land, Frank­reich, den nor­di­schen Län­dern, aber auch in In­di­en, im Iran oder in Me­xi­ko. Dort wird et­wa beim Día de los Mu­er­tos, dem To­ten­tag in Me­xi­ko, mit den (ver­stor­be­nen) Ah­nen ge­fei­ert und auf den Fried­hö­fen ge­pick­nickt. Nicht we­ni­ger skur­ril mu­tet ein seit den Na­po­leo­ni­schen Krie­gen beim bri­ti­schen Adel be­lieb­ter Zeit­ver­treib an: das Pick­nick am Ran­de von Schlacht­fel­dern. Ob ver­fei­ner­tes Ri­tu­al oder un­ge­zwun­ge­ne All­tags­pra­xis: Ge­pick­nickt wird in al­len so­zia­len Schich­ten. Kein Wun­der, dass sich auch Künst­ler mit dem Phä­no­men be­schäf­ti­gen. Die Fo­to­gra­fin Barbara Klemm et­wa hat in den ver­gan­ge­nen 40 Jah­ren welt­weit zahl­rei­che Pick­nick-Sze­nen auf­ge­nom­men, die in der Aus­stel­lung erst­mals dem Pu­bli­kum ge­zeigt wer­den. In ei­ner ei­gens für Pick­nick-Zeit an­ge­fer­tig­ten Se­rie von Ka­ri­ka­tu­ren bringt der Ma­ler, Car­too­nist und Il­lus­tra­tor Hans Trax­ler die Be­son­der­hei­ten des bri­ti­schen Pick­nicks auf amü­san­te Wei­se auf den Punkt: Wer – au­ßer den Bri­ten – kä­me et­wa auf die ab­sur­de Idee, sich Mahl­zei­ten im (nicht am!) Swim­ming­pool ser­vie­ren zu las­sen? Auch in der Ak­ti­ons­kunst fin­det die Me­tho­de Pick­nick Ver­wen­dung. So lud der Nou­veau Réa­lis­te Da­ni­el Spo­er­ri 1983 hun­dert Per­so­nen aus der Pa­ri­ser Kunst­sze­ne zu ei­nem Ban­kett im Park des Schlos­ses Mont­cel in Jouy-en-Jo­sas ein. Die ge­sam­ten „Über­d­rat­me­tern res­te“, ei­ne 40 Me­ter lan­ge Ta­fel, Stüh­le, Ge­schirr, Be­steck, Fla­schen und Es­sens­res­te, ließ er an­schlie­ßend vor Ort ver­gra­ben. Erst im Jahr 2010 wur­den Tei­le von Spo­er­ris „Déjeu­ner sous l’her­be“als ers­tes zeit­ge­nös­si­sches Kunst­werk von Archäo­lo­gen aus­ge­gra­ben. Ein vom Künst­ler an­ge­fer­tig­ter Bron­ze­ab­guss der Aus­gra­bungs­ob­jek­te ist ne­ben vie­len wei­te­ren ver­blüf­fen­den Wer­ken in der Aus­stel­lung zu se­hen.

Ei­ne Pick­nick-Par­ty über dem Schau­platz ei­ner be­vor­ste­hen­den Schlacht wäh­rend des Krim­kriegs zeigt die Il­lus­tra­ti­on in der Zeit­schrift Look and Le­arn, Nr. 491, S. 5 (1971). Bild: © Look and Le­arn

Ein „Pick­nick am Gr­ab in Me­xi­ko wäh­rend des To­ten­ta­ges“von Fe­lix Pes­te­mer ist in der Frank­fur­ter Aus­stel­lung zu se­hen. Bild: aus: Der Staub der Ah­nen, 2012 © Fe­lix Pes­te­mer, avant Ver­lag

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