We­spen im An­flug

Nur zwei Ar­ten in­ter­es­sie­ren sich für Kaf­fee­ti­sche und Grill­gut

Der Sonntag (Mittelbaden) - - DIE REGION - Nt

Die We­spen sind wie­der im An­flug – nicht un­be­dingt zur Freu­de von Leu­ten, die es sich im Gar­ten oder auf der Ter­ras­se mit Obst­ku­chen ge­müt­lich ge­macht ha­ben. „Vie­le füh­len sich durch her­um­schwir­ren­de We­spen ge­stört oder ge­ra­ten gar in Pa­nik, wenn sie ein We­s­pen­nest an ih­rem Haus ent­de­cken“, weiß Mar­tin Klatt. Er ist Re­fe­rent für Ar­ten- und Bio­top­schutz beim Na­bu Ba­den-Würt­tem­berg. „Vor­sicht ist zwar an­ge­bracht, doch für Pa­nik gibt es kei­nen Grund“, sagt Klatt. 700 We­spen­ar­ten ge­be es im deutsch­spra­chi­gen Raum – doch ge­ra­de Mal zwei Ar­ten in­ter­es­sie­ren sich laut Klatt für Kaf­fee­ti­sche, Grill­gut oder Li­mo­na­de. „Nur die Deut­sche und die Ge­mei­ne We­s­pe sind ech­te Schle­cker­mäul­chen“, er­läu­tert Klatt. So lan­ge die In­sek­ten mit der Auf­zucht ih­rer jun­gen Kö­ni­gin­nen be­schäf­tigt sind, wür­den sie ih­re zwei­bei­ni­gen Nach­barn nicht wei­ter stö­ren. Das än­dert sich al­ler­dings: „Ist die­se Ar­beit ge­tan, kom­men sie ver­mehrt zum Tisch und flie­gen gera­de­zu auf Süß­spei­sen und Säf­te, Fleisch und Wurst“, be­rich­tet Klatt. Die tie­ri­schen Fein­schme­cker ge­hö­ren zur Gat­tung der Kurz­kopf­wes­pen. Als un­ge­be­te­ne Gäs­te tau­chen sie auch auf, wenn sie in der Na­tur nicht ge­nug Nah­rung fin­den. „Dann heißt es, Ru­he be­wah­ren und hek­ti­sche Be­we­gun­gen ver­mei­den. We­spen ste­chen nur, wenn sie sich be­droht füh­len“, sagt Klatt. Um die Tie­re ab­zu­len­ken, kön­ne man ih­nen ei­ne Scha­le mit ver­dünn­tem Ho­nig oder ein Stück­chen Wurst ab­seits vom ge­deck­ten Gar­ten­tisch ser­vie­ren. Der Duft der Spei­sen len­ke die Tie­re zu dem Er­satz­mahl. Al­le üb­ri­gen We­spen­ar­ten be­vor­zu­gen dem Ex­per­ten zu­fol­ge an­de­re Nah­rung: Sie de­lek­tie­ren sich et­wa an Nekt­ar und Pol­len, zu­dem an Flie­gen, Blatt­läu­sen, Rau­pen, Kä­fer­lar­ven so­wie an­de­ren In­sek­ten – dar­un­ter et­li­che, die man nicht ger­ne im Gar­ten hat: „Das ist ei­ne Win-Win-Si­tua­ti­on auch für uns“, sagt Klatt.All­zu mas­si­ve Stö­run­gen durch her­um­schen schwir­ren­de We­spen dürf­te es nach Ein­schät­zung von Klatt in die­sem Som­mer nicht ge­ben: „Die­ses Jahr scheint kein über­mä­ßig star­kes We­spen- und Hor­nis­sen­jahr zu wer­den“, schätzt der Bio­lo­ge, der re­gel­mä­ßig im Feld un­ter­wegs ist und dort Wild­bie­nen er­fasst: „Zwar sind die Völ­ker seit dem Früh­jahr enorm ge­wach­sen. Doch der Ein­satz von Pes­ti­zi­den in Land­wirt­schaft und Gar­ten so­wie das In­sek­tenster­ben ma­chen auch den We­spen das Le­ben schwer.“Lang­kopf­wes­pen sind zu­rück­hal­ten­de Tier­chen – doch auch sie wer­den oft als Stö­ren­frie­de be­trach­tet. Weil ih­re Nes­ter – im Ge­gen­satz zu de­nen der Kurz­kopf­wes­pen – oft frei hän­gen und gut sicht­bar sind, wer­den sie häu­fig „als Qu­el­le des Übels“an­ge­se­hen. „Wie un­se­re Vö­gel ha­ben We­spen im­mer mehr Pro­ble­me, ge­eig­ne­te Nist­mög­lich­kei­ten zu fin­den“, er­läu­tert Klatt. Wenn die In­sek­ten da­her et­wa Roll­la­den­käs­ten als „Er­satz­woh­nung“nut­zen, sei­en Kon­flik­te mit dem Men- pro­gram­miert. „Doch oft­mals reicht es, ei­nen Ein­flug­schutz an Fens­tern an­zu­brin­gen, et­wa ein Flie­gen­git­ter“, rät der Bio­lo­ge. Er meint, dass man ein Nest mög­lichst hän­gen las­sen soll­te, wenn es sich in min­des­tens vier Me­tern Ent­fer­nung be­fin­det und die Ein­flug­schnei­se frei ist. In sol­chen Fäl­len könn­ten „Mensch und In­sekt ganz fried­lich ne­ben­ein­an­der le­ben“. Die Hit­ze­wel­le im Ju­ni ha­be auch den We­spen sehr zu schaf­fen ge­macht, be­rich­tet Klatt. So sei­en vie­le Ar­bei­te­rin­nen aus pu­rer Er­schöp­fung ge­stor­ben: „Wenn es sehr heiß ist, sind die Ar­bei­te­rin­nen der Ven­ti­la­tor und müs­sen rund um die Uhr Luft ins We­s­pen­nest fä­cheln, um die Brut zu küh­len“, er­klärt Klatt. Trin­ken sei da­her auch für die We­spen sehr wich­tig. Wer den Tie­ren hel­fen wol­le, soll­te da­her an hei­ßen Ta­gen Was­ser­stel­len im Gar­ten oder auf dem Bal­kon an­bie­ten – et­wa in Form ei­nes klei­nen Teichs, ei­ner fla­chen Schüs­sel oder auch ei­ner Un­ter­tas­se.

Die Hit­ze­wel­le im Ju­ni hat den We­spen ganz schön zu schaf­fen ge­macht: Vie­le Ar­bei­te­rin­nen sind aus pu­rer Er­schöp­fung ge­stor­ben. Fo­to: avs

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