Moskau ver­ab­schie­det Me­tro-Ba­busch­ki

Die U-Bahn be­kommt zur Fuß­ball-Welt­meis­ter­schaft 2018 ei­nen in­ter­na­tio­na­len An­strich

Der Sonntag (Mittelbaden) - - TIPPS & THEMEN - Anaïs Llo­bet

Sie sind ei­ne In­sti­tu­ti­on der Mos­kau­er Me­tro: Äl­te­re Frau­en, die in glä­ser­nen Ka­bi­nen die gi­gan­ti­schen Roll­trep­pen über­wa­chen und die Pas­sa­gie­re zur Ord­nung ru­fen. Doch recht­zei­tig zur Fuß­bal­lWelt­meis­ter­schaft 2018 wird die 82 Jah­re al­te Me­tro mit ih­ren pom­pö­sen Kron­leuch­tern, Bron­ze-Sta­tu­en und Mo­sai­ken mo­der­ni­siert, und die in Moskau lie­be­voll als „Ba­busch­ki“be­zeich­ne­ten Frau­en müs­sen stan­dar­di­sier­ten An­sa­gen und spe­zi­ell ge­schul­tem Si­cher­heits­per­so­nal wei­chen. Seit April wer­den die Auf­pas­se­rin­nen er­setzt durch „Per­so­nal, das si­cher­heits­tech­nisch bes­ser ge­schult ist“, sagt Ana­st­a­sia Fjo­do­ro­wa, die Spre­che­rin der Me­tro. Doch: Für vie­le Leu­te ge­he da­mit ein Stück Mos­kau­er Folk­lo­re zu En­de, klagt Alex­and­re Rib­kow. Er ist Phi­lo­so­phie-Stu­dent und be­geis­ter­ter Pas­sa­gier der Ro­ten Li­nie, ei­ner der äl­tes­ten Me­troLi­ni­en der rus­si­schen Haupt­stadt. Die Ba­busch­ki, die „Groß­müt­ter­chen“, er­mahn­ten seit Er­öff­nung der ers­ten Me­troLi­ni­en 1935 Mil­lio­nen Pas­sa­gie­re über knis­tern­de Mi­kro­fo­ne, rechts zu ste­hen, links zu ge­hen, sich fest­zu­hal­ten und nicht zu ren­nen. „Es gibt zahl­rei­che Re­geln und ich wur­de oft er­mahnt, manch­mal lau­ter als von mei­ner Mut­ter“, er­in­nert sich Rib­kow. „Aber ich ha­be sie sehr gern ge­habt, ich wer­de sie ver­mis­sen.“Die Mo­der­ni­sie­rung bringt Zü­ge mit WLAN und Han­dy­la­de­sta­tio­nen, neue Roll­trep­pen, eng­lisch­spra­chi­ge Fahr­schein­ver­käu­fer und ei­ne eng­li­sche Be­schil­de­rung. Au­ßer­dem soll nun an den Ti­cket­schal­tern die Zah­lung per Kre­dit­kar­te mög­lich sein. Stra­ßen­mu­si­ker dür­fen nur noch an be­stimm­ten Or­ten spie­len, Schil­der wei­sen dar­auf hin, dass die Ent­loh­nung frei­wil­lig ist. Die neu­en Zü­ge ha­ben ein „lehr­rei­ches“De­sign: Ei­ner in­for­miert über die Ret­tung ein­hei­mi­scher Ti­ger und Leo­par­den, ein an­de­rer über das rus­si­sche Ki­no, ein drit­ter the­ma­ti­siert die Ge­schich­te der rus­si­schen Kunst im 20. Jahr­hun­dert. Die Neue­run­gen sol­len der U-Bahn ei­nen in­ter­na­tio­na­len An­strich ge­ben und vor al­lem Aus­län­dern die Nut­zung der Me­tro er­leich­tern, ehe im Ju­ni und Ju­li 2018 Be­su­cher aus al­ler Welt zur Fuß­ball-WM 2018 kom­men. Doch für man­che Pas­sa­gie­re sind die stei­len, schnell lau­fen­den Roll­trep­pen ei­ne täg­li­che Her­aus­for­de­rung. Schließ­lich ge­hö­ren die Mos­kau­er Bahn­hö­fe zu den tiefs­ten der Welt, weil die Sta­tio­nen im Zen­trum als Luft­schutz­bun­ker die­nen soll­ten. Die längs­te Roll­trep­pe an der Sta­ti­on Park Po­be­dy führt in fast fünf Mi­nu­ten lang 126 Me­ter in die Tie­fe. „Ich ha­be im­mer Angst“, sagt die 24-jäh­ri­ge Je­ka­te­ri­na Ar­chi­pen­ko­wa, wäh­rend sie nach un­ten schaut und sich mit blei­chem Ge­sicht am Hand­lauf fest­hält. „Ich stel­le mir vor, dass ich mein Gleich­ge­wicht ver­lie­re und fal­le.“1982 star­ben beim bis­her schlimms­ten Un­fall acht Men­schen, als ei­ne Roll­trep­pe auf­grund ei­nes Mecha­nik­scha­dens un­ge­bremst ab­wärts ras­te – die so­wje­ti­schen Be­hör­den ver­tusch­ten dies da­mals. In ei­nem Ma­schi­nen­raum am Smo­len­s­ka­jaBahn­hof küm­mert sich Alexander Ko­wal­jow bei oh­ren­be­täu­ben­dem Lärm um die Si­cher­heit der Roll­trep­pen, die al­lein an die­ser Sta­ti­on täg­lich mehr als 90 000 Men­schen trans­por­tie­ren. „Wäh­rend der Rush­hour lau­fen al­le drei Roll­trep­pen gleich­zei­tig“, er­klärt er. „Es ist ei­ne tech­ni­sche Meis­ter­leis­tung.“Ei­ni­ge der al­ten Roll­trep­pen mit Mes­sing- und Holz­be­schlä­gen wer­den im Zu­ge der Mo­der­ni­sie­rung nun ge­gen neue mit LED-Be­leuch­tung aus­ge­tauscht. Im Ma­schi­nen­raum wer­de es da­durch ru­hi­ger, sagt Alexander Ko­wal­jow. Die neu­en Fahr­trep­pen hät­ten zwar „we­ni­ger Charme, sind aber an­ge­neh­mer“.

Ein Stück Folk­lo­re geht ver­lo­ren Mit der Roll­trep­pe 126 Me­ter in die Tie­fe

Be­ein­dru­ckend wirkt der Kom­so­mols­ka­ya-Bahn­hof in Moskau mit dem Kron­leuch­ter über der Roll­trep­pe. Im Vor­feld der WM wird die 82 Jah­re al­te Me­tro mo­der­ni­siert. Das ge­fällt nicht je­dem. Fo­to: AFP

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