Na­mens­for­schung: Die Groß­her­zo­gin mach­te Mo­de

Na­men­for­scher Kon­rad Kun­ze ist mit po­pu­lä­ren Vor­trä­gen viel un­ter­wegs

Der Sonntag (Mittelbaden) - - ERSTE SEITE - Tho­mas Liebs­cher

Als die Fuß­ball-Bun­des­li­ga 1963 ih­ren Ball­be­trieb auf­nahm und der SC Preu­ßen Müns­ter sein ers­tes Spiel in der Eli­te­klas­se be­stritt, da kick­te Dag­mar Drewes bei dem west­fä­li­schen Club. Ja, sie ha­ben rich­tig ge­le­sen. Was steck­te hin­ter dem Ein­satz von Dag­mar? Ein Scherz, ei­ne Aus­nah­me­ge­neh­mi­gung nach männ­li­chem Per­so­nal­man­gel oder ein Aus­nut­zen von Re­gel­wirr­warr in der Pre­mie­ren­sai­son? We­der noch. Ei­ne weib­li­che Dag­mar konn­te den Kick nicht auf­mi­schen, ein männ­li­cher Dag­mar schon. Der aus dem Dä­ni­schen kom­men­de zwei­glied­ri­ge Vor­na­me Dag-mar (Be­deu­tung: Tag + be­rühmt) darf auch an Män­ner, so­gar an Fuß­ball spie­len­de, ver­ge­ben wer­den. Da­mit der rech­te Läu­fer der „Preu­ßen“aber kei­ne Ge­schlechts­ver­wir­run­gen aus­lö­sen konn­te, hat­te er of­fi­zi­ell den Dop­pel­na­men Dag­marErnst. Nach 30 Bun­des­li­ga­spie­len stie­gen Dag­mar und Co ab. Sie ver­schwan­den in der Re­gio­nal­li­ga be­zie­hungs­wei­se im Ku­rio­si­tä­ten­ne­bel der Na­mens­ge­schich­te. Vor­na­men sor­gen leicht für Stau­nen und Er­hei­te­rung. Ein Ba­by, das Her­ku­les heißt? Im Jahr 2016 stram­pel­te es wahr­schein­lich enorm kräf­tig in sei­nem deut­schen Bett­chen. Neue, exo­ti­sche Na­men für Kin­der tau­chen auf und ver­schwin­den wie­der; Na­men, die un­se­re Groß­müt­ter tru­gen wie Ida, Lui­se und Frie­da ge­hö­ren un­ter die Top-Drei­ßig den Vor­jah­res. Die Mo­den wech­seln – und das war zu al­len Zei­ten so: „Ach, was ha­ben Sie für ei­nen wun­der­li­chen Na­men“wird in Goe­thes Ro­man „Wil­helm Meis­ters Lehr­jah­re“ei­ne Frau na­mens Su­san­ne an­ge­spro­chen. Und Jo­hann Wolf­gang Goe­the schrieb in sei­ner Au­to­bio­gra­fie „Dich­tung und Wahr­heit“: „Der Ei­gen­na­me ei­nes Men­schen ist (...) wie die Haut selbst ihm über und über an­ge­wach­sen, an der man nicht scha­ben oder schin­den darf, oh­ne ihn selbst zu ver­let­zen.“Na­men üben ei­ne Fas­zi­na­ti­on aus. Sich mit dem ei­ge­nen oder frem­den zu be­schäf­tig­ten hat et­was reiz­vol­les. Ein gan­zes Forscher­le­ben schon auf den Spu­ren von Vor- und Per­so­nen­na­men ist der Schwarz­wäl­der Kon­rad Kun­ze. Bis 2004 war er Pro­fes­sor am Ger­ma­manch nis­ti­schen Se­mi­nar der Uni­ver­si­tät Frei­burg. Dass er seit­her im Ru­he­stand ist, kann man nicht be­haup­ten. Er forsch­te wei­ter und schreibt der­zeit mit am sechs­bän­di­gen Deut­schen Fa­mi­li­en­na­men-At­las mit ho­hem wis­sen­schaft­li­chen An­spruch. Wer sich eben­falls gründ­lich, aber leicht an­schau­lich über Vor- und Fa­mi­li­en-Na­men in­for­mie­ren will, soll­te zum dtv-At­las Na­men­kun­de grei­fen. Auf je­de Sei­te gibt es Kar­ten und Il­lus­tra­tio­nen. Kun­ze hat ihn 1998 ge­schrie­ben. Das Buch ist ver­grif­fen, aber in Bi­b­lio­the­ken oder an­ti­qua­risch zu fin­den. Der Hoch­schul­leh­rer Kun­ze ver­mit­tel­te sei­nen Stu­den­ten den Stoff mit Be­geis­te­rung. Mit Lust und Elan hat er sich zu­sätz­lich im­mer an al­le sprach­in­ter­es­sier­ten Men­schen ge­wandt. Und nie auf­ge­hört, mit po­pu­lä­ren Re­fe­ra­ten über sei­ne Wis­sens­ge­biet auf­zu­tre­ten. „Ich kann nicht sa­gen, ob mich die Wis­sen­schaft und ih­re Ver­mitt­lung fit hält, oder ob ich eben noch so fit bin, dass ich mei­ne Er­kennt­nis­se ver­mit­teln kann“, meint der 78Jäh­ri­ge sechs­fa­che Groß­va­ter schmun­zelnd. Be­wan­dert ist er in der Sprach­ge­schich­te und er­wan­dert hat Kun­ze vie­le Tei­le Deutsch­lands und Eu­ro­pas. „Ein­mal ging es zu Fuß von Wi­en nach Niz­za.“Die ei­ge­ne Be­we­gung hat den in Neu­stadt (Schwarz­wald) ge­bo­re­nen Ale­man­nen stets mehr ge­reizt als Flü­ge in exo­ti­sche Län­der oder Kreuz­fahr­ten. Un­ter­wegs ist er trotz­dem viel – bei­spiels­wei­se mit sei­nen Vor­trä­gen über sein Fach­ge­biet. Am Don­ners­tag, 6. Ju­li, kommt Kon­rad Kun­ze zu den Ge­schichts­freun­den Kapp­ler­tal. In der Win­zer­ge­nos­sen­schaft Wal­dulm spricht er um 19.30 Uhr über „Un­se­re Vor­na­men – Be­deu­tung, Ver­brei­tung und Her­kunft“. Ha­ben sich die St­ein­zeit­men­schen schon Na­men ge­ge­ben? Hat der Na­me Wolf­gang wirk­lich et­was mit Wöl­fen zu tun? Wel­ches sind die äl­tes­ten Ruf­na­men in un­se­rer Ge­gend? Wo woh­nen die meis­ten Män­ner na­mens Franz-Jo­sef und die meis­ten Frau­en na­mens Kath­rin? Das sind Fra­gen, die Kun­ze be­ant­wor­ten wird. Die Zu­hö­rer be­kom­men man­che er­staun­li­chen Er­kennt­nis­se ser­viert. So ist bei­spiels­wei­se der Na­me Hil­da in Ba­den viel häu­fi­ger als an­ders­wo. Was ver­mut­lich auf die po­pu­lä­re Groß­her­zo­gin Hil­da zu­rück­geht. Sie kam 1907 mit ih­rem Mann auf den Thron und blieb auch zu Re­pu­blik­zei­ten nach 1918 in der Öf­fent­lich­keit prä­sent, nicht nur durch das nach mit ihr in Ver­bin­dung ge­brach­ten Hild­ab­röt­chen. Sie starb 1952. Ähn­lich wie die Kö­ni­gin Lui­se für Ber­lin und Bran­den­burg war die ba­di­sche Herr­sche­rin Hil­da of­fen­bar ein Na­mens­vor­bild für treue Un­ter­ta­nen. Im ver­gan­ge­nen Jahr tauch­te Hil­da zwar nicht un­ter den 35 häu­figs­ten Mäd­chen­na­men in Deutsch­land auf. Aber auf Rang 21 steht Mat­hil­da. Und dar­in steckt ja ei­ne Hil­da. Bei­des sind al­te ger­ma­ni­sche Na­men. Das alt­hoch­deut­sche Wort „hilfja“be­deu­tet Kampf. Mat­hil­da/ Mat­hil­de ist aus Macht und Kampf zu­sam­men­ge­setzt.

Fo­to: Ar­chiv BNN

Groß­her­zo­gin Hil­da von Ba­den, die Frau von Fried­rich II., der von 1907 bis 1918 re­gier­te. Die da­mals und noch spä­ter po­pu­lä­re Frau hat für ei­ne blei­ben­de re­gio­na­le Be­liebt­heit des Na­mens Hil­da ge­sorgt.

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