Mit Grü­ßen vom Tür­ken­lou­is

Kar­ten des Do­nau­raums – ge­würzt mit ei­ner kräf­ti­gen Pri­se Pro­pa­gan­da

Der Sonntag (Mittelbaden) - - DIE REGION - An­net­te Bor­chardt-Wen­zel

Im Mitt­le­ren Schwarz­wald ent­sprin­gen Bri­gach und Breg. Bei Do­nau­eschin­gen flie­ßen sie zur Do­nau zu­sam­men – ei­nem Strom mit ei­ner Ge­samt­län­ge von 2 857 Ki­lo­me­tern, der bis zu sei­ner Mün­dung im Schwar­zen Meer Län­der mit höchst un­ter­schied­li­chen Kul­tu­ren ver­bin­det. Die schö­ne blaue Do­nau – da ist Mu­sik drin. Spä­tes­tens seit vor 150 Jah­ren der Do­nau­wal­zer von Jo­hann Strauß ur­auf­ge­führt wur­de, ver­bin­det man mit dem Fluss ei­ne eu­ro­päi­sche Land­schaft, denkt man an Wi­en und Bu­da­pest, die eins­ti­gen Zen­tren der Do­nau­mon­ar­chie. Doch das war nicht im­mer so: Wei­te Tei­le Süd­ost­eu­ro­pas wur­den erst im 18. Jahr­hun­dert für die Habs­bur­ger er­obert – in blu­ti­gen Krie­gen ge­gen die Os­ma­nen. Ei­ner, der als kai­ser­li­cher Ober­be­fehls­ha­ber be­deu­ten­de Schlach­ten ge­wann, war Mark­graf Lud­wig Wil­helm von Ba­den-Ba­den (1655–1707), der „Tür­ken­lou­is“. In der Aus­stel­lung „Flie­ßen­de

Aus­stel­lung im Ge­ne­ral­lan­des­ar­chiv

Räu­me“im Ge­ne­ral­lan­des­ar­chiv Karls­ru­he (GLA) po­siert der ha­ge­re Er­bau­er des Ras­tat­ter Schlos­ses mit Al­lon­ge­pe­rü­cke und Har­nisch. Um­ge­ben ist sein Staats­por­trät von Kar­ten des Do­nau­raums aus den Jah­ren 1650 bis 1800. In die­sem Zei­t­raum, so er­zählt die Aus­stel­lung, wur­de der noch vie­le „wei­ße Fle­cken“auf­wei­sen­de Do­nau­raum ei­gent­lich erst „er­fun­den“. Die über­di­men­sio­na­le Re­pro­duk­ti­on ei­ner Kar­te aus dem Jahr 1635 emp­fängt die Be­su­cher im Ge­ne­ral­lan­des­ar­chiv: Sie zeigt den Ver­lauf der Do­nau von der Qu­el­le bis zur Mün­dung. Doch die Geo­gra­fie ist nicht al­les, wie man beim Blick auf die Ti­tel­kar­tu­sche er­kennt. Es geht auch um re­li­giö­se und im­pe­ria­le Macht­an­sprü­che, die an der Do­nau auf­ein­an­der­prall­ten: Links er­hebt der Kai­ser, das Ober­haupt des Hei­li­gen Rö­mi­schen Rei­ches, sein Schwert und stellt sich schüt­zend vor die Da­me, die das christ­li­che Kreuz hoch­hält. Rechts gibt sich der Sul­tan nicht we­ni­ger krie­ge­risch – die weib­li­che Gestalt an sei­ner Sei­te tritt das Kreuz in den Staub. Ei­ne pro­pa­gan­dis­ti­sche Meis­ter­leis­tung, die die Furcht des christ­li­chen Abend­lands vor ei­ner In­va­si­on der mus­li­mi­schen Tür­ken spie­gel­te, ver­stärk­te und die Kriegs­be­reit­schaft för­der­te. Ver­gleich­ba­ren Bild­bot­schaf­ten be­geg­net man beim Gang durch die Aus­stel­lung im­mer wie­der. Auf Mi­li­tär­kar­to­gra­fen, die die neu er­ober­ten Ge­bie­te er­schlos­sen, folg­ten Wis­sen­schaft­ler. De­ren ge­lehr­te, aber durch­aus ideo­lo­gisch ge­färb­ten Wer­ke über Süd­ost­eu­ro­pa tru­gen ent­schei­dend zur „Er­fin­dung des Do­nau­raums“bei. Die gras­sie­ren­de Tür­ken­angst ließ auch die Men­schen am Ober­rhein nicht un­be­rührt. Sie er­fass­te Ka­tho­li­ken und Pro­tes­tan­ten glei­cher­ma­ßen. Der Tür­ken­lou­is war nicht der ein­zi­ge sei­nes Hau­ses, der im Do­nau­raum kämpf­te, auch an­de­re ba­di­sche Mark­gra­fen zo­gen ge­gen die Os­ma­nen in den Krieg. Zu mi­li­tä­ri­schen Zwe­cken leg­ten sie sich ei­ne be­acht­li­che Samm­lung von hand­ge­zeich­ne­ten und ge­druck­ten Kar­ten zu, die heu­te vom Ge­ne­ral­lan­des­ar­chiv und der Ba­di­schen Lan­des­bi­blio­thek auf­be­wahrt wer­den. Dass die ba­di­schen Po­ten­ta­ten in der Aus­ein­an­der­set­zung mit den Tür­ken auch de­ren Kul­tur be­geg­ne­ten – und sich von ihr fas­zi­nie­ren lie­ßen –, ist ei­ne an­de­re Sei­te der Me­dail­le. Da­von zeugt in der Aus­stel­lung et­wa das Stamm­buch des Mark­gra­fen Ernst Fried­rich aus der evan­ge­li­schen Li­nie Ba­den-Dur­lach: Es ent­stand um 1580/90 und ent­hält Aqua­rel­le von Os­ma­nen in far­ben­präch­ti­gen Ge­wän­dern. Der De­tail­reich­tum die­ser Mi­nia­tu­ren spricht für ver­blüf­fend ge­naue Kennt­nis­se über die Bräu­che des mi­li­tä­ri­schen Geg­ners. Der ka­tho­li­sche Tür­ken­lou­is und sei­ne Frau Si­byl­la Au­gus­ta lie­ßen so­gar sich selbst in ori­en­ta­li­scher Klei­dung por­trä­tie­ren. Die Kar­ten­samm­lung der ba­di­schen Mark­gra­fen bil­det die Grund­la­ge der Aus­stel­lung „Flie­ßen­de Räu­me“. Wei­te­re Wer­ke ha­ben als Ko­ope­ra­ti­ons­part­ner das In­sti­tut für do­nau­schwä­bi­sche Ge­schich­te und Lan­des­kun­de in Tü­bin­gen so­wie pri­va­te Leih­ge­ber bei­ge­steu­ert. Die 70 im Ge­ne­ral­lan­des­ar­chiv prä­sen­tier­ten Kar­ten la­den ein, ein Stück „un­be­kann­tes Eu­ro­pa“zu ent­de­cken. Und sie kon­fron­tie­ren mit der Fra­ge, wel­che Bil­der von ein­zel­nen Re­gio­nen des „ge­mein­sa­men Hau­ses Eu­ro­pa“heu­te (noch) in un­se­ren Köp­fen ver­an­kert sind. Spä­ter soll die Aus­stel­lung durch den Do­nau­raum „wan­dern“und in Ös­ter­reich, Un­garn, Ru­mä­ni­en, Ser­bi­en und Kroa­ti­en Sta­ti­on ma­chen. Dort wer­den al­ler­dings Fak­si­mi­les der al­ten Kar­ten ge­zeigt. „Die wert­vol­len Ori­gi­na­le sind nur bei uns in Karls­ru­he zu se­hen“, sagt GLA-Chef Wolf­gang Zim­mer­mann. Bis 27. Ok­to­ber ist Ge­le­gen­heit da­zu.

Fo­to: GLAK

Im um­kämpf­ten Do­nau­raum prall­ten die Wel­ten zu­sam­men: Links der Kai­ser und ei­ne Da­me, die das Kreuz hoch­hält, rechts der Sul­tan und ei­ne Frau, die das Kreuz mit Fü­ßen tritt: Die Ti­tel­kar­tu­sche ei­ner um 1635 ent­stan­de­nen Kar­te, die den Ver­lauf der Do­nau („Da­nu­bi­us“) zeigt, dien­te auch der Pro­pa­gan­da. Die Kar­te, ei­ne Leih­ga­be des Do­ku­men­ta­ti­ons­zen­trums der Ba­na­ter Schwa­ben in Ulm, wur­de zum Haupt­mo­tiv für die Aus­stel­lung im Ge­ne­ral­lan­des­ar­chiv ge­wählt.

Fo­to: bo

Die Aus­stel­lung „Flie­ßen­de Räu­me. Kar­ten des Do­nau­raums 1650–1800“im Ge­ne­ral­lan­des­ar­chiv Karls­ru­he prä­sen­tiert Ori­gi­nal-Kar­ten aus der Zeit der Tür­ken­krie­ge und der habs­bur­gi­schen Ero­be­rung Süd­ost­eu­ro­pas. Vie­le der Ex­po­na­te sind hand­ge­zeich­net – und erst­mals öf­fent­lich zu se­hen.

Fo­to: bo

Die Fas­zi­na­ti­on des Frem­den: Im Stamm­buch des Mark­gra­fen Ernst Fried­rich von Ba­den-Dur­lach fin­den sich Mi­na­tu­ren von Os­ma­nen in far­ben­präch­ti­gen Ge­wän­dern. Der „Tür­ken­lou­is“, Lud­wig Wil­helm von Ba­denBa­den, und sei­ne Frau Si­byl­la Au­gus­ta lie­ßen sich in ori­en­ta­li­schen Ko­s­tü­men so­gar por­trä­tie­ren.

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