Hel­sin­kis bun­tes Sze­ne­vier­tel

Kal­lio gilt selbst in Ja­pan als „Must See“in Finn­lands Haupt­stadt

Der Sonntag (Mittelbaden) - - REISE & URLAUB - Franz Ler­chen­mül­ler

Clau­dio Evan­ge­lis­ta ist sich sei­ner Sa­che sehr si­cher. Kal­lio ist Hel­sin­kis neu­es Sze­ne­vier­tel. Das ehe­ma­li­ge Ar­bei­ter­vier­tel am Fuß der grau­en Kal­lio-Kir­che, nörd­lich der Markt­hal­le Ha­ka­nie­mi, gilt in Sa­chen Li­fe­style als die Top­adres­se des Lan­des. Hier gibt es Trö­del­lä­den ne­ben Ca­fés und Kn­ei­pen. „Wan­ha Kaar­le“hat sich auf fin­ni­sches De­sign der 60er und 70er Jah­re spe­zia­li­siert. Spar­do­sen, Guss­ei­sen­pfan­nen, Schnaps­glä­ser, Uh­ren und Brief­be­schwe­rer sta­peln sich in Re­ga­len und auf Ti­schen und fül­len die bei­den Räu­me bis oben­hin. Vor bei­na­he 30 Jah­ren kam Clau­dio, der ge­bür­ti­ge Bra­si­lia­ner, we­gen ei­ner fin­ni­schen Frau nach Hel­sin­ki. Die Ehe hielt nicht lan­ge, die zwei­te, mit Kai­ja, dau­ert schon über 20 Jah­re. Kai­ja ist nicht we­ni­ger leb­haft als ihr Mann und teilt mit ihm die Be­geis­te­rung für All­tags­ge­gen­stän­de. Sie be­gan­nen zu kau­fen und zu ver­kau­fen. Glä­ser­ne Brief­be­schwe­rer, Sah­ne­quir­le, Mör­ser, Spiel­zeug­trak­to­ren – bis vor fünf Jah­ren war das al­les mit et­was Glück noch bil­lig zu ha­ben. In­zwi­schen gilt ihr Ge­schäft, nach­dem in ja­pa­ni­schen Ma­ga­zi­nen Be­rich­te dar­über er­schie­nen sind, gera­de un­ter Tou­ris­ten aus Fer­n­ost als hei­ße Adres­se. Dass Kal­lio ein Sze­ne­quar­tier ist, sieht man ihm nicht un­be­dingt an. Auf und ab füh­ren die Stra­ßen rund um Kar­hu­puis­to, den klei­nen Park mit dem nost­al­gi­schen Ki­osk und der Sta­tue des Bä­ren aus ro­tem Gra­nit. Ge­säumt sind sie von fünf-, sechs­stö­cki­gen Wohn­blocks, in de­ren Erd­ge­schoss im­mer schon klei­ne Lä­den un­ter­ge­bracht wa­ren. Erst in den ver­gan­ge­nen Jah­ren wur­den die von De­si­gnern, Start-up-Fir­men und Thai-Mas­seu­sen über­nom­men. Aber sie bal­len sich nicht, sie sind über das Vier­tel ver­teilt, man muss wis­sen, wo und wo­nach man sucht. „Ta­pet­ti­ta­lo“in der Fle­min­gin­ka­tu et­wa hat 200 Ar­ten von De­si­gner Ta­pe­ten zur Aus­wahl. „Fri­da ma­ri­na“in der Kaar­len­ka­tu 10 und „An­se“in der Flin­gin­ka­tu 8 ha­ben ei­ne wech­seln­de Aus­wahl an Se­cond­hand-Kla­mot­ten: Klei­der, Ta­schen, Schu­he, Ket­ten. Schon schön – und manch­mal auch schreck­lich –, was sich fin­ni­sche De­si­gne­rin­nen und De­si­gner über die Jah­re aus­ge­dacht ha­ben. Zwi­schen den Wohn­häu­sern tritt im­mer wie­der mal der blo­ße Fels zu­ta­ge, auf dem Hel­sin­ki er­baut wur­de. Hü­ge­li­ge Wie­sen­stü­cke lie­gen da­zwi­schen, auf de­nen ab­ge­klär­te Hips­ter in der Son­ne ih­re Bär­te lüf­ten, hüb­sche Stu­den­tin­nen nicht stu­die­ren und Stra­ßen­bahn­fah­rer tei­gi­ge Bäu­che zur Schau stel­len – noch lebt man bunt durch­ein­an­der in Kal­lio. Dass es zwei öf­fent­li­che Sau­nen gibt, ge­hört da un­be­dingt da­zu. An Ca­fés und Kn­ei­pen herrscht kein Man­gel. „Ca­fe Berg­ga“hei­ßen sie, „Sir­die“oder „Baa­ri Bree­ze­ri“. Vor den ei­nen sit­zen Män­ner mit Glat­ze, flä­chen­de­cken­den Tat­toos und Gangs­ta-Son­nen­bril­le und trin­ken bil­li­ges „Lo­u­ma“. In an­de­ren wird Bio-Bier aus klei­nen Braue­rei­en vom Land aus­ge­schenkt. Abends fül­len sich fast al­le Lä­den. Hip-Hop und ka­rier­te Hem­den aus den 70ern do­mi­nie­ren in den ei­nen, Ma­r­imek­ko-Blü­schen, ein biss­chen Rouge und Wo­che­n­end-Ra­sier­was­ser in den an­de­ren. Im „Cel­la“tref­fen sich die Frak­tio­nen, Hun­ger hat schließ­lich je­der. „Kal­lios­sa jo Vuo­des­ta – Gast­stät­te in Kal­lio seit 1969“, ver­mel­det die Spei­se­kar­te stolz. Zum Ab­fei­ern zieht es die ei­nen ins „Kun­des Lin­ja“– ein DJ aus Tal­lin ist heu­te Abend an­ge­sagt. Die an­dern wan­dern zum Ka­rao­ke ins „Tenk­ka“. Fast 700 Jah­re ge­hör­te das Ge­biet zu Schwe­den, ehe es 1809 an Russ­land über­ging. Erst 1917 er­klär­te das Land sei­ne Un­ab­hän­gig­keit. Viel­leicht am wich­tigs­ten für das fin­ni­sche Selbst­ver­ständ­nis ist die Na­tur. So ist in Punkahar­ju ei­ne Aus­stel­lung über den Wald zu se­hen – aus Sicht des Wan­de­rers, des Jä­gers, des Bee­ren­samm­lers und des Na­tu­ren­thu­si­as­ten. Am 26. Au­gust ste­hen im gan­zen Land Pick­nicks, Aus­flü­ge, Kräu­ter­fuß­bä­der, die Her­stel­lung von Na­tur­kos­me­tik, Ski- und Ka­nutrips an. Na­tür­lich sticht die Haupt­stadt mit Ver­an­stal­tun­gen zum Ju­bi­lä­um her­vor: Vom 1. bis 7. Ok­to­ber fin­den im Ha­fen bei­spiels­wei­se die Bal­ti­schen He­rings­ta­ge statt. Und im No­vem­ber füh­ren Bal­lett und Oper ein Stück über das Na­tio­nal­epos Ka­le­va­la auf. Aber die klei­ne­ren Städ­te wol­len nicht da­hin­ter zu­rück­ste­hen. Riihi­mä­ki, die Haupt­stadt des fin­ni­schen Gla­ses, zeigt 100 be­son­ders schö­ne Wer­ke. Finn­land wä­re nicht Finn­land, könn­te es nicht mit ei­ner Rei­he be­son­ders skur­ri­ler Ver­an­stal­tun­gen auf­war­ten. Im Au­gust be­her­bergt Ou­lu, wie je­des Jahr, wie­der die bes­ten Luft­gi­tar­ris­ten der Welt. „Ma­ke air, Not war!“– auch die nächs­ten 100 Jah­re.

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