Mit dem Mut der Ver­zweif­lung

Ten­nis­star An­ge­li­que Ker­ber „beißt“sich ins Ach­tel­fi­na­le von Wim­ble­don

Der Sonntag (Mittelbaden) - - SPORT - Cai-Si­mon Preu­ten

Der nächs­te sport­li­che Tief­punkt nahm be­droh­li­che For­men an, da pack­te An­ge­li­que Ker­ber der Mut der Ver­zweif­lung. 4:6, 2:4 und 30:40 lag die Welt­rang­lis­ten­ers­te ge­gen Shel­by Ro­gers zu­rück. Das Aus in der ers­ten Wim­ble­don-Wo­che und der Sturz vom Ten­nis-Thron stan­den kurz be­vor. Doch in die­sem Mo­ment setz­te Ker­ber mit ei­ner kraft­vol­len Rück­hand zur Wen­de an. We­nig spä­ter, nach ins­ge­samt 2:16 St­un­den Spiel­zeit, mach­te die Vor­jah­res­fi­na­lis­tin aus Kiel ihr Come­back mit 4:6, 7:6 (7:2), 6:4 per­fekt und zog – als ein­zi­ge Deut­sche – er­neut ins Ach­tel­fi­na­le ein. Zum drit­ten Mal in fünf Ta­gen zit­ter­te Ker­ber, zum drit­ten Mal be­hielt sie die Ner­ven. Doch von Mal zu Mal wur­de es knap­per, und ob Gar­bi­ne Mu­guru­za die kampf­star­ke Ker­ber am Mon­tag auch ent­kom­men lässt, ist

Welt­rang­lis­ten­ers­te lag 4:6, 2:4, 30:40 zu­rück

mehr als frag­lich. Ge­gen die Spa­nie­rin, die 2015 im All En­g­land Club im Fi­na­le stand, hat Ker­ber zu­letzt vier Mal ver­lo­ren. Dar­un­ter vor zwei Jah­ren in der drit­ten Run­de von Wim­ble­don. Mu­guru­za hat ih­re drei Par­ti­en oh­ne Satz­ver­lust ge­won­nen, sie strotzt vor dem Selbst­ver­trau­en, das Ker­ber fehlt. Es ist nicht mehr als ei­ne va­ge Hoff­nung, dass die 29-Jah­re al­te Kie­le­rin durch den Ar­beits­sieg ge­gen die Welt­rang­lis­ten-70. Ro­gers die „Hand­brem­se im Kopf“ge­löst hat, wie es sich Bun­des­trai­ne­rin Bar­ba­ra Ritt­ner wünscht. Im­mer­hin war ge­gen Ro­gers, die in den letz­ten Jah­ren in Wim­ble­don ge­gen Sa­bi­ne Li­si­cki und Andrea Pet­ko­vic je­weils in der ers­ten Run­de kla­re Nie­der­la­gen kas­siert hat­te, ein Fort­schritt zu er­ken­nen. Die wei­ner­li­che Ker­ber der ers­ten zwei Mat­ches wan­del­te sich zur Kämp­fe­rin. Tak­tisch traf sie zwar ei­ne Men­ge Fehl­ent­schei­dun­gen, brach­te die nicht aus­trai­nier­te Ro­gers zu sel­ten in Be­we­gung, ließ sich aber nie ab­schüt­teln und brach­te schließ­lich ner­ven­stark ih­ren Auf­schlag zum Sieg durch. Mit dem Rü­cken zur Wand hat­te Ker­ber in der Ver­gan­gen­heit oft ih­re bes­ten Mat­ches ab­sol­viert, im letz­ten Jahr schaff­te sie es mehr und mehr, ih­rer Fa­vo­ri­ten­rol­le ge­recht zu wer­den. So tri­um­phier­te sie bei den Grand-Slam-Tur­nie­ren in Mel­bourne und New York, lie­fer­te im Ra­sen­mek­ka an der Lon­do­ner Church Road der gro­ßen Se­re­na Wil­li­ams ein Match auf Au­gen­hö­he und ge­wann in Rio die olym­pi­sche Sil­ber­me­dail­le. Von sol­chen Er­fol­gen ist sie in die­ser Sai­son weit ent­fernt, aber im­mer­hin hat sie auf dem „Hei­li­gen Ra­sen“von Wim­ble­don nun drei Mat­ches nach­ein­an­der für sich ent­schie­den. Das war ihr zu­letzt beim klei­nen Tur­nier im me­xi­ka­ni­schen Mon­ter­rey vor drei Mo­na­ten ge­lun­gen. Es war Ker­bers bis­lang ein­zi­ger Fi­nal­ein­zug im Jahr 2017.

Kraft­akt in drei Sät­zen: 4:6, 2:4 und 0:30 liegt An­ge­li­que Ker­ber in der drit­ten Run­de von Wim­ble­don zu­rück, wehrt ei­nen Break­ball zum 2:5 ab – und dreht das Match ge­gen Shel­by Ro­gers noch. Im Ach­tel­fi­na­le, das Ker­ber als ein­zi­ge Deut­sche er­reich­te, war­tet nun mor­gen ih­re Angst­geg­ne­rin Gar­bi­ne Mu­guru­za aus Spa­ni­en. Fo­to: AFP

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