Spieg­lein, Spieg­lein

Me­di­um der Selbst­er­kennt­nis in Frank­fur­ter Aus­stel­lung

Der Sonntag (Mittelbaden) - - FREIZEIT & AUSFLÜGE - Mt

Als re­flek­tie­ren­de Fas­sa­den von Ban­ken­tür­men, in Bou­ti­quen, Fit­ness­stu­di­os und Emp­fangs­hal­len, in un­se­ren Woh­nun­gen und auf un­se­ren Smart­pho­nes – spie­geln­de Ober­flä­chen sind all­ge­gen­wär­tig. Aber wie er­klärt sich die ak­tu­el­le Hoch­kon­junk­tur spie­geln­der Ma­te­ria­li­en? Wie wer­den Spie­ge­lef­fek­te im De­sign ein­ge­setzt, wie wer­den sie in der Kunst re­flek­tiert? Und wie be­ein­flusst uns die om­ni­prä­sen­te Spie­gel­erfah­rung? Die Aus­stel­lung „SUR/FACE. Spie­gel“im Mu­se­um An­ge­wand­te Kunst in Frank­furt rich­tet bis zum 1. Ok­to­ber den Fo­kus auf das Phä­no­men des Spie­gelns in der Kunst, im De­sign und in der Ar­chi­tek­tur der Ge­gen­wart. Auf 1200 Qua­drat­me­tern zeigt die Schau De­si­gn­ob­jek­te un­ter an­de­rem von Ron Arad, Et­to­re Sott­s­ass und Os­kar Zie­ta ge­mein­sam mit künst­le­ri­schen Ar­bei­ten et­wa von Mo­nir Sh­ah­rou­dy Far­man­far­mai­an, Isa Genz­ken oder An­dy War­hol. Über 100 Ex­po­na­te aus Spie­gel­glas, hoch­po­lier­ten Me­tal­len oder re­flek­tie­ren­dem Kunst­stoff zie­hen den Blick der Be­su­cher auf sich, len­ken sie, ir­ri­tie­ren bis­wei­len und schaf­fen neue Per­spek­ti­ven. Spie­geln­de Ober­flä­chen öff­nen il­lu­sio­nis­tisch Räu­me. Sie deu­ten ins schein­bar End­lo­se und wer­fen zugleich den Blick zu­rück auf die (sich) Be­trach­ten­den. Spie­gel­bil­der exis­tie­ren nie au­to­nom, sie ent­ste­hen erst durch ih­ren räum­li­chen Kon­text, durch Bli­cke und Blick­win­kel des Schau­en­den. Die Aus­stel­lung „SUR/FACE“kre­iert da­her Raum­kon­stel­la­tio­nen, in de­nen die Be­su­cher als Er­zeu­ger in­di­vi­du­el­ler Be­deu­tun­gen im Mit­tel­punkt ste­hen. Durch den Ef­fekt des Spie­gelns kön­nen sie mit den Ob­jek­ten und der Ar­chi­tek­tur in Dia­log tre­ten – doch sie wer­den mit ih­rer in­di­vi­du­el­len Wahr­neh­mung nicht zu­letzt im­mer wie­der auf sich selbst zu­rück­ge­wor­fen. In der cha­rak­te­ris­ti­schen Ar­chi­tek­tur des Richard-Mei­er-Baus in­sze­niert die Frank­fur­ter Aus­stel­lung mit Blick auf die Ban­ken­tür­me der Frank­fur­ter Sky­line zwei weit­räu­mi­ge, ab­stra­hier­te Wohn­si­tua­tio­nen, die an Lofts oder tem­po­rä­re Re­si­den­zen er­in­nern. Da­rin bil­den re­flek­tie­ren­de De­si­gn­ob­jek­te und Mö­bel un­ter­schied­li­che In­te­ri­eurs, die an all­täg­li­che Le­bens­wel­ten an­ge­lehnt sind. So be­geg­nen den Be­su­chern in der Aus­stel­lung gleich­sam ver­trau­te wie ver­frem­de­te Räu­me täg­li­cher „Spie­gel­mo­men­te“: Vom öf­fent­li­chen Raum ei­ner ver­spie­gel­ten Lob­by führt der Rund­gang durch pri­va­te­re Räu­me wie ein Wohn- oder Ess­zim­mer bis in die in­tims­ten Be­rei­che des Woh­nens – die Schlaf- und Ba­de­zim­mer. In Re­la­ti­on zu den In­te­ri­eurs tre­ten Kunst­wer­ke, die, zu­meist selbst spie­gelnd, das Spie­geln the­ma­ti­sie­ren. Ehe­mals wa­ren Spie­gel ra­re Kost­bar­keit. Doch seit Be­ginn ih­rer in­dus­tri­el­len Her­stell­bar­keit im 19. Jahr­hun­dert ha­ben sie ei­nen wah­ren Sie­ges­zug an­ge­tre­ten und sich zum selbst­ver­ständ­li­chen Ele­ment un­se­rer Um- welt ent­wi­ckelt. Der Blick in den Spie­gel dient der Selbst­wahr­neh­mung und -be­ob­ach­tung, er er­mög­licht die täg­li­che Kör­per­pfle­ge, das Ins­ze­nie­ren des Äu­ße­ren und eman­zi­piert uns vom prü­fen­den Blick ei­nes An­de­ren. Zugleich aber si­mu­lie­ren spie­geln­de Flä­chen den Blick des An­de­ren – der Spie­gel als Me­di­um der Selbst­er­kennt­nis.

Re­flek­tie­ren­de Fas­sa­den ste­hen hoch im Kurs: „Emi­ra­tes, 2016-17“heißt die­se Fo­to­gra­fie von Ne­ven All­gei­er + Be­ne­dikt Fi­scher (Spi­ke Art Dai­ly). Fo­to: © Ne­ven All­gei­er + Be­ne­dikt Fi­scher, Frank­furt am Main

Über­ra­schen­de Sebst­be­trach­tun­gen im Mu­se­um An­ge­wand­te Kunst – hier mit dem Vin­kel Mir­ror von Halb/Halb Ber­lin aus Spie­gel­glas und Kunst­stoff (2013). Fo­to: © Halb/Halb, Ber­lin

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