Auf­ge­fal­len

Der Sonntag (Mittelbaden) - - AKTUELL - An­net­te Bor­chardt-Wen­zel

Die­se Mel­dung kann ei­nem schon auf den Ma­gen schla­gen: 72 Hot­dogs hat ein Ka­li­for­ni­er ver­schlun­gen. Und zwar in­ner­halb von zehn Mi­nu­ten. Der 33-Jäh­ri­ge Jo­ey Chest­nut ging am ame­ri­ka­ni­schen Un­ab­hän­gig­keits­tag als Sie­ger aus dem Wet­tes­sen der New Yor­ker Kult-Würst­chen­bu­de „Nat­han’s“her­vor. Ist das nun ei­ne Sen­sa­ti­on? Oder ein Re­kord, den die Welt nicht braucht? In den USA ha­ben Wet­tes­sen vie­ler­orts lo­ka­le Tra­di­ti­on. Zu­dem gibt es dort in gro­ßem Stil kom­mer­zi­ell be­trie­be­ne Wet­tes­sen. Als Jo­ey Chest­nut am Di­ens­tag sei­ne Qua­li­tä­ten als mensch­li­che Bio-Ton­ne un­ter Be­weis stell­te, ju­bel­ten ihm da­bei rund 30000 Zu­schau­er zu. Ob Men­schen wie Jo­ey Ches­nut „ar­me Würst­chen“sind, die sich in Fress-Or­gi­en stür­zen, weil sie bei „se­riö­sen“Wett­kämp­fen kei­ne Chan­cen ha­ben? An­hän­ger des stil­vol­len Spei­sens nei­gen zu die­ser Mei­nung. Chest­nut selbst sagt von sich, er sei „ein­fach ein al­ber­ner Typ, der ger­ne isst“. Und es freue ihn, dass er da­mit an­de­re Men­schen zum La­chen brin­gen kön­ne. Was ja recht sym­pa­thisch klingt. Schwe­rer ver­dau­lich sind da schon die Lo­bes­hym­nen, die der Or­ga­ni­sa­tor des Hot­dog-Wet­tes­sens vor ver­sam­mel­tem Pu­bli­kum an­stimm­te: Jo­ey Chest­nut sei ein „ame­ri­ka­ni­scher Held“, ein „Re­prä­sen­tant der Frei­heit“. Da schluckt, wer bei „ame­ri­ka­ni­schen Hel­den“eher an Per­sön­lich­kei­ten vom Ka­li­ber ei­nes Abra­ham Lin­coln oder ei­nes Mar­tin Lu­ther King denkt. An Leu­te, die ei­nen Traum ha­ben, sich für hö­he­re Zie­le ein­set­zen und da­für un­ter Um­stän­den ihr Le­ben ris­kie­ren. Okay, auch Wet­tes­sen sind nicht oh­ne Ri­si­ko. Dass Re­kord­jä­ger beim dut­zend­fa­chen Her­un­ter­wür­gen von Pfann­ku­chen er­sti­cken oder nach ei­nem Ham­bur­ger-Ge­la­ge tot zu­sam­men­ge­bro­chen ist, wird im­mer wie­der mal be­rich­tet. Dass ihr Op­fer dem Ge­mein­wohl dient, darf man al­ler­dings be­zwei­feln. Ob­wohl – in den USA gilt je­der drit­te Er­wach­se­ne als fett­lei­big. Gut mög­lich, dass das kol­lek­ti­ve Über­ge­wicht die Wahr­neh­mung ver­än­dert. Dass die gro­ße Frei­heit im Land der un­be­grenz­ten Mög­lich­kei­ten eben auch als Frei­heit zum gren­zen­lo­sen Fres­sen ver­stan­den wird. Und Leu­te, die sinn­los Le­bens­mit­tel in sich hin­ein­schlin­gen, ge­nau die­se Frei­heit hel­den­haft ver­tei­di­gen. Ein rein ame­ri­ka­ni­sches Phä­no­men? Nach­weis­lich nimmt in Deutsch­land die Zahl der Di­cken zu. Und ge­fühlt gibt es auch hier­zu­lan­de im­mer häu­fi­ger Wett­be­wer­be im Schnell- und Vie­l­es­sen. Ein Zu­fall?

Ein Held auf Hot­dog-Ba­sis

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