„Vi­el­leicht klappt es doch noch“

Was der 14-jäh­ri­ge Li­bi­an aus So­ma­lia und an­de­re Flücht­lin­ge er­zäh­len

Der Sonntag (Mittelbaden) - - DIE REGION - An­net­te Bor­chardt-Wen­zel

Li­bi­an hat sei­ne Ma­ma wie­der­ge­fun­den. Fünf Jah­re war der Jun­ge aus So­ma­lia alt, als er von ihr ge­trennt wur­de. Neun Jah­re ist das her. An Ein­zel­hei­ten sei­ner Kind­heit in Mo­ga­di­schu kann sich Li­bi­an nur noch schwach er­in­nern. Aber der Tag, an dem die Re­bel­len die Stadt stürm­ten und auf al­les schos­sen, was sich be­weg­te, der hat sich in sein Ge­dächt­nis ge­brannt. Fast sei­ne gan­ze Fa­mi­lie hat Li­bi­an im dem Cha­os ver­lo­ren. Doch seit ei­ni­gen Mo­na­ten weiß er, dass sei­ne Mut­ter mit vier sei­ner Ge­schwis­ter in ei­nem UN-Flücht­lings­la­ger in Äthio­pi­en lebt. Die Asy­l­ein­rich­tung in Of­fen­burg hat den Kon­takt her­ge­stellt und Li­bi­an te­le­fo­niert jetzt je­de Wo­che mit sei­ner Mut­ter. Der Jun­ge strahlt, als er Eliz­a­beth Fle­cken­stein da­von er­zählt. Li­bi­an hat Ver­trau­en zu der Frau, die ihm so vie­le Fra­gen stellt. Sie hat vor ei­ni­ger

„Gott hat Sy­ri­en längst ver­las­sen“

Zeit in der Of­fen­bur­ger Ein­rich­tung ge­ar­bei­tet und sich um Kin­der wie ihn ge­küm­mert. Um Min­der­jäh­ri­ge, die oh­ne Be­glei­tung nach Deutsch­land ge­kom­men sind. Ih­re Un­ter­hal­tung wird auf­ge­zeich­net, sie soll ver­öf­fent­licht wer­den. In ei­nem Buch mit dem Ti­tel „Schat­ten­da­sein. Flücht­lin­ge be­rich­ten.“In­zwi­schen ist das Buch er­schie­nen, und es ist kei­nes ge­wor­den, das Eliz­a­beth Fle­cken­stein zur ge­müt­li­chen Abend­lek­tü­re vor dem Ein­schla­fen emp­fiehlt. Die 32-jäh­ri­ge Deut­schPa­läs­ti­nen­se­rin war für in­ter­na­tio­na­le Or­ga­ni­sa­tio­nen in Kri­sen- und Kriegs­ge­bie­ten in al­ler Welt tä­tig, ehe sie sich in Of­fen­burg und Frei­burg der Flücht­lings­ar­beit wid­me­te. Sie kennt die Sta­tis­ti­ken, die ste­reo­ty­pen Sprü­che über die Flücht­lings­kri­se. Bei ih­rer Ar­beit aber be­geg­ne­te sie Men­schen. In­di­vi­du­en mit Schick­sa­len, Ängs­ten, Hoff­nun­gen. Von ih­nen han­delt das Buch, das sie mit dem Theo­lo­gen, TV-Jour­na­lis­ten und Pro­fes­sor Michael Al­bus ver­fass­te. Die Na­men der Frau­en und Män­ner, der Ju­gend­li­chen und Kin­der, der Mus­li­me und Chris­ten, die den Mut hat­ten, sich für das Buch­pro­jekt „zu öff­nen“, ha­ben die Au­to­ren ge­än­dert – „da­mit sie nicht un­ter die Räu­ber fal­len“. Flucht und Flücht­lin­ge, das sind Reiz­the­men. Es sei „schon hef­tig“, was ihr die Flücht­lin­ge aus Sy­ri­en, dem Irak, Af­gha­nis­tan und Gam­bia er­zählt ha­ben, sagt Eliz­a­beth Fle­cken­stein. Um Li­bi­an aus So­ma­lia küm­mer­te sich, nach­dem sei­ne El­tern ver­schwun­den wa­ren, ein On­kel. Der nahm das Kind mit, als er sich in Rich­tung Eu­ro­pa auf­mach­te. In Li­by­en be­geg­ne­te die Grup­pe, mit der sie un­ter­wegs wa­ren, Isis-Kämp­fern. Elf Chris­ten wa­ren un­ter den Flücht­lin­gen, auch Frau­en. „Es war schreck­lich, was die Män­ner von Isis mit de­nen ge­macht ha­ben“, sagt der 14-Jäh­ri­ge. Am En­de muss­ten die Chris­ten nie­der­kni­en, ein Isis-Kämp­fer schnitt ih­nen die Keh­le durch: „Das ha­be ich mit ei­ge­nen Au­gen ge­se­hen“. Li­bi­an und sein On­kel ka­men da­von – doch in Tri­po­lis hat das Kind bei ei­ner Aus­ein­an­der­set­zung zwi­schen Schlep­pern und Flücht­lin­gen auch die­sen Ver­wand­ten ver­lo­ren. Übers Mit­tel­meer ge­lang­te Li­bi­an nach Si­zi­li­en. Von Ca­ta­nia schlug er sich bis Of­fen­burg durch. Dort griff die Po­li­zei das Kind auf. „Wir hat­ten ein gu­tes Le­ben“: Der Satz fällt oft in den In­ter­views mit den Flücht­lin­gen, die Eliz­a­beth Fle­cken­stein über­wie­gend auf Ara­bisch ge­führt hat. Ein gu­tes Le­ben – bis Furcht­ba­res über die Men­schen her­ein­brach. Krieg, Ver­fol­gung, Will­kür, Zer­stö­rung, Hun­ger, ex­tre­me Ge­walt­er­fah­run­gen: Die Schil­de­rung ei­ner Mut­ter über Fol­ter­prak­ti­ken in den Ge­fäng­nis­sen ih­res Lan­des („Gott hat Sy­ri­en längst ver­las­sen“) er­spa­ren die Au­to­ren von „Schat­ten­da­sein“den Le­sern. Alb­traum­haft mu­ten auch die Be­rich­te über die Flucht an: Je­der ist an­ders und doch äh­neln sie ein­an­der. Und schließ­lich: Karls­ru­he, Lan­des­erst­auf­nah­me. Ein ers­ter Schritt her­aus aus den Schat­ten? Der 20-jäh­ri­ge Ra­mi aus Alep­po ver­brach­te nur ein paar Ta­ge in der Fä­cher­stadt, dann ging es wei­ter in ei­ne Not­un­ter­kunft in Hei­del­berg. Hart sei das Le­ben in Deutsch­land von An­fang an ge­we­sen, er­zählt er: „Ich ha­be aber Un­ter­stüt­zung von vie­len Deut­schen be­kom­men.“Amar (35) aus Af­gha­nis­tan wur­de vor der gro­ßen „Flücht­lings­kri­se“in Karls­ru­he re­gis­triert. Da­mals wa­ren die Un­ter­künf­te noch nicht über­füllt. Nach ein­ein­halb Mo­na­ten wur­de er nach Frei­burg ver­legt. Sei­ne ers­te An­hö­rung be­kam Amar erst nach 14 Mo­na­ten. Heu­te be­zeich­net er es als den größ­ten Feh­ler sei­nes Le­bens, in Deutsch­land Asyl be­an­tragt zu ha­ben. Die 33-jäh­ri­ge Is­raa sehnt sich nach dem Irak, ih­rer Hei­mat, ob­wohl sie dort nichts als Krieg er­lebt hat. Aber sie muss an ih­re Kin­der den­ken, we­gen ih­nen ist sie ge­flo­hen: „Wenn ich se­he, wie mei­ne Kin­der hier die Schu­le be­su­chen, geht mir das Herz auf“, sagt sie. Und Li­bi­an? Sein Vor­mund vom Ju­gend­amt hat ge­sagt, dass es schwie­rig wür­de, sei­ne kran­ke Mut­ter nach Deutsch­land zu ho­len. Weil er aus So­ma­lia ist und wahr­schein­lich nur sub­si­diä­ren Schutz be­kommt. Li­bi­an will jetzt ei­ne Elek­triker­leh­re ma­chen und um die Fa­mi­li­en­zu­sam­men­füh­rung kämp­fen. „Vi­el­leicht kappt es doch noch“, sagt er zu Eliz­a­beth Fle­cken­stein: „Al­ham­du­lil­lah. Gott sei Dank.“

Ein Mann und ein Kind spie­len in ei­ner Flücht­lings­ein­rich­tung: „Schat­ten­da­sein“heißt ein Buch von Eliz­a­beth Fle­cken­stein und Mar­tin Al­bus. Dar­in be­rich­ten in Ba­den le­ben­de Flücht­lin­ge von ih­rem Schick­sal. Fo­to: avs

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