Das Wort zum Sonn­tag

Der Sonntag (Mittelbaden) - - DIE REGION - von Ga­b­rie­le Hug, Pfarrerin an der Chris­tus­kir­che Karls­ru­he

„Wer ist schuld?“Die­se Fra­ge wird so­fort ge­stellt, wenn et­was Schlim­mes ge­schieht: Ver­kehrs­ka­ta­stro­phen, au­ßer Kon­trol­le ge­ra­te­ne De­mons­tra­tio­nen wie beim G20 in Ham­burg, ge­schei­ter­te Be­zie­hun­gen. Das hat na­tür­lich häu­fig ge­wich­ti­ge Grün­de wie et­wa Rechts­an­sprü­che, Scha­dens­er­satz und so wei­ter. Doch auch bei ver­meint­lich oder tat­säch­lich viel ge­rin­ge­ren Vor­komm­nis­sen sind wir Men­schen rasch da­bei, nach dem Schul­di­gen zu su­chen. Und wie er­leich­ternd es oft wirkt, wenn der oder die aus­zu­ma­chen ist. Wenn je­mand an­ders „es“war, dann ha­be ich es von der Ba­cke. Hin­ter die­ser Schuld­fra­ge steckt im All­tag nicht sel­ten die Fra­ge „Wer trägt ei­gent­lich die Ver­ant­wor­tung für et­was oder für mein Le­ben?“Und da wird es für vie­le of­fen­bar aus­ge­spro­chen schwie­rig, Ver­ant­wor­tung zu über­neh­men. Ob die un­ge­rech­ten Lehr­kräf­te, die un­fä­hi­ge Ärz­tin, die bö­se Po­li­zei, mein miss­güns­ti­ger Nach­bar oder die doo­fe Vor­ge­setz­te – im­mer sind al­le an­de­ren schuld an der je­wei­li­gen Mi­se­re. Ab­ge­se­hen da­von, dass es von au­ßen oft an­ders aus­sieht als für die Be­trof­fe­nen sel­ber, macht man es sich nur auf den ers­ten Blick leich­ter, wenn man die Ver­ant­wor­tung im­mer wie­der ab­gibt und al­les auf die an­de­ren schiebt. Denn: wenn ich mich der Auf­ga­be nicht stel­le, ma­che ich mich zu ei­ner pas­si­ven Fi­gur, an der an­de­re han­deln, an­stel­le dass ich sel­ber die Är­mel hoch­krem­pe­le. Ge­wiss ist in der Ge­schich­te des Chris­ten­tums manch un­gu­tes mit dem Schuld­be­griff ge­trie­ben wor­den. Und doch: wer die Ver­ant­wor­tung für sein Tun über­nimmt, sich stellt und ehr­li­che Klä­rung sucht, der lässt sich be­frei­en für ei­ne ge­öff­ne­te Zu­kunft.

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