Wie ein Zelt in der Wüs­te

Ar­chi­tekt ei­ner so­zia­len Mo­der­ne: Aus­stel­lung über Ot­to Bart­ning in Karls­ru­he

Der Sonntag (Mittelbaden) - - DIE REGION - An­net­te Bor­chardt-Wen­zel

Deutsch­land 1945. Vie­le Städ­te glei­chen Trüm­mer­land­schaf­ten. Mil­lio­nen Men­schen sind ob­dach­los, Flücht­lin­ge su­chen ei­ne neue Hei­mat. Da­zu ge­hört für vie­le: ei­ne Kir­che. Doch das ein­zi­ge, was es im Über­fluss gibt, ist Schutt. War­um nicht dar­aus neue Got­tes­häu­ser bau­en? Der Ar­chi­tekt Ot­to Bart­ning ent­wi­ckelt für das Evan­ge­li­sche Hilfs­werk ein Not­kir­chen-Pro­gramm: Se­ri­ell her­stell­ba­re Holz­kon­struk­tio­nen sind die Lö­sung, in sie kön­nen die Ge­mein­de­mit­glie­der das über­all vor­han­de­ne Trüm­mer­ma­te­ri­al ver­bau­en. 48 sol­cher Not­kir­chen sind in Deutsch­land ent­stan­den. Ei­ne da­von, die Wei­her­fel­der Frie­dens­kir­che, in Bart­nings Hei­mat­stadt Karls­ru­he. Jetzt wür­digt ei­ne Aus­stel­lung in der Städ­ti­schen Ga­le­rie das Le­bens­werk des Man­nes, der über sei­nen ho­hen künst­le­ri­schen An­spruch nie die Men­schen ver­gaß: Sei­ne Bau­ten soll­ten ih­ren Be­dürf­nis­sen

Bei Kir­chen auf die schlich­te Ein­falt ge­setzt

ent­spre­chen, ih­re Ak­zep­tanz war ihm wich­tig. „Ot­to Bart­ning (1883-1959). Ar­chi­tekt ei­ner so­zia­len Mo­der­ne“heißt die Schau, die bis 22. Ok­to­ber zu se­hen ist. Bart­ning war ein „Gro­ßer“. Ei­ner, der der Bau­kul­tur des 20. Jahr­hun­derts sei­nen Stem­pel auf­drück­te. Ein Re­for­mer, der die grund­le­gen­den Ide­en des Bau­hau­ses in Wei­mar mit­ent­wi­ckel­te. Ei­ner, der nach dem Ers­ten Welt­krieg den Kir­chen­bau re­vo­lu­tio­niert hat. Der Auf­se­hen er­re­gen­de Sa­kral-, Kul­tur-, So­zi­alund Wohn­bau­ten in ganz Deutsch­land so­wie im eu­ro­päi­schen Aus­land ge­plant hat. Ei­ne Schlüs­sel­fi­gur des deut­schen Wie­der­auf­baus nach dem Zwei­ten Welt­krieg. Trotz­dem ist er bis­lang au­ßer­halb der Ar­chi­tek­ten­sze­ne eher we­nig be­kannt. In Karls­ru­he hat der Streit um das Franz-Roh­de-Haus, ein Pfle­ge­heim in Mühl­burg, sein Ge­dächt­nis be­lebt: Der Bart­ning-Bau von 1938 soll­te ab­ge­ris­sen wer­den, die Ge­neh­mi­gung der Stadt lag be­reits vor. Jetzt sucht man auf­grund von Bür­ger­pro­tes­ten ei­ne neue Lö­sung – und Ober­bür­ger­meis­ter Frank Men­trup zeigt sich in der Aus­stel­lung si­cher, dass man sie fin­den wird: „Die Be­reit­schaft zu Ge­sprä­chen ist da, das ist das Wich­tigs­te“, sagt er. Ne­ben dem Al­ten­heim hat Bart­ning in Karls­ru­he drei Kir­chen hin­ter­las­sen – aus ganz ver­schie­de­nen Schaf­fens­pha­sen. Die Mar­kus­der kir­che am Yorck­platz war die ers­te, da wa­ren die Na­tio­nal­so­zia­lis­ten schon am Ru­der. Ro­bert Wa­gner, der NSDAP-Gau­lei­ter von Ba­den, tob­te an­ge­sichts der Plä­ne, er­zählt die Aus­stel­lungs­ku­ra­to­rin und Bart­ning-For­sche­rin San­dra Wa­gner-Con­zel­mann von der TU Darm­stadt: Das Ge­bäu­de sei „bol­sche­wis­tisch“, es han­de­le sich um „Fa­b­rik­hal­len­ar­chi­tek­tur“, das pas­se nicht zu Karls­ru­he. Ot­to Bart­ning kon­ter­te, ver­wies auf Par­al­le­len zu Bau­ten von Fried­rich Wein­bren­ner, dem gro­ßen ba­di­schen Bau­meis­ter des Klas­si­zis­mus: Die Mar­kus­kir­che wur­de ge­baut. Nach dem Krieg ent­stand die Frie­dens­kir­che im Wei­her­feld, ei­ne Not­kir­che vom Typ B. Ih­re Sand­stein-Fas­sa­de be­steht aus Trüm­mern des Karls­ru­her Rat­hau­ses, die Ge­mein­de­mit­glie­der pack­ten beim Bau kräf­tig mit an. Bart­ning be­trach­te­te die Not­kir­chen nicht als Not­be­helf, so Wa­gner-Con­zel­mann, son­dern als wür­di­ge, dau­er­haf­te Lö­sung und zu­gleich als Aus­druck der in­ne­ren und äu­ße­ren Not ih­rer Zeit: „Zel­te in der Wüs­te hat er sie ge­nannt“. Das Bild passt auch des­halb so gut zur Frie­dens­kir­che im Wei­her­feld, weil sie da­mals kei­nen Turm hat­te. Er wur­de erst 1962 vom Ar­chi­tek­ten Erich Ross­mann er­gänzt. Die 1958 bis 1960 er­rich­te­te Thomaskirche in Dax­lan­den – Bart­nings letz­ter Sa­kral­bau – ori­en­tier­te sich in ih­rer Gestal­tung eben­falls an den Not­kir­chen. Schon früh hat­te Bart­ning, der den über­la­de­nen His­to­ris­mus der Kai­ser­zeit ver­ab­scheu­te, bei Sa­kral­bau­ten auf „schlich­te Ein­falt“ge­setzt. Wie spek­ta­ku­lär sol­che Kir­chen trotz­dem sein konn­ten, wird dem Be­su­cher Städ­ti­schen Ga­le­rie un­ter an­de­rem mit ei­nem Mo­dell der ex­pres­sio­nis­ti­schen „Stern­kir­che“vor Au­gen ge­führt. Der Ent­wurf von 1922 wur­de zwar nie rea­li­siert, stell­te aber ein Fa­nal in der Re­form des evan­ge­li­schen Kir­chen­baus dar. Die Aus­stel­lung, die be­reits in Ber­lin zu se­hen war und ab No­vem­ber in Darm­stadt ge­zeigt wird, wür­digt nicht nur Bart­nings Bau­ten, son­dern auch sei­ne Leis­tun­gen als Theo­re­ti­ker, In­spi­ra­tor, Kri­ti­ker, Schrift­stel­ler und Be­ra­ter. Zeich­nun­gen, Fo­to­gra­fi­en, Mo­del­le, Ton­auf­nah­men und Fil­me do­ku­men­tie­ren sein Le­bens­werk. Spe­zi­ell für die Schau in der Städ­ti­schen Ga­le­rie wur­de die Prä­sen­ta­ti­on um rund 100 Ex­po­na­te mit Karls­ru­her Be­zug er­wei­tert. Aus Ot­to Bart­nings pri­va­ten Nach­lass, den sei­ne Wit­we der TU Darm­stadt über­gab, stam­men et­wa Bil­der aus sei­ner Kind­heit in der Fä­cher­stadt so­wie Ob­jek­te, die an sei­ne Stu­di­en­zeit in Ber­lin und Karls­ru­he er­in­nern. Bart­ning hat die Hoch­schu­le al­ler­dings oh­ne aka­de­mi­schen Ab­schluss ver­las­sen. Denn 1905 ar­bei­te­te er be­reits an ei­nem ers­ten Bau­auf­trag, dem rasch wei­te­re folg­ten: „Es sind so vie­le un­ver­brauch­te Kräf­te in mir und drän­gen mich nach Ar­beit und Leis­tung ...“, schrieb der Ar­chi­tekt ei­ner so­zia­len Mo­der­ne in sein Ta­ge­buch.

Die Thomaskirche in Karls­ru­he, ent­stand in den Jah­ren 1958 bis 1960. Sie war der letz­te Sa­kral­bau Bart­nings. Sein Mit­ar­bei­ter Dörz­bach hat die Kir­che voll­endet (Auf­nah­me um 1960). Fo­to: © Stadt­ar­chiv Karls­ru­he

Die Frie­dens­kir­che in Karls­ru­he-Wei­her­feld (Auf­nah­me 1954) wur­de 1948/49 als Bart­ning’sche Not­kir­che er­rich­tet. Fi­nan­ziert wur­de der Bau durch ame­ri­ka­ni­sche Spen­den, die Ge­mein­de­mit­glie­der pack­ten mit an. Die Fas­sa­de ent­stand aus Trüm­mer­ma­te­ri­al des 1944 zer­bomb­ten Rat­hau­ses. Fo­to: © Stadt­ar­chiv Karls­ru­he

Ar­chi­tekt der so­zia­len Mo­der­ne: Ot­to Bart­ning um 1930. Fo­to: © Ot­to-Bart­ning-Ar­chiv der TU Darm­stadt

Not­kir­che Typ B: In der Nach­kriegs­zeit ent­wi­ckel­te Ot­to Bart­ning ge­mein­sam mit In­ge­nieu­ren vier Ty­pen von Kir­chen­se­ri­en­bau­ten. Fo­to: bo

Die Frie­dens­kir­che heu­te: 1962 wur­de nach Plä­nen von Erich Ross­mann ein Turm er­gänzt und der Haupt­zu­gang in die Mit­tel­ach­se ver­legt. Fo­to: ONUK

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