Schi­cke Bü­ros im Knast

In den Nie­der­lan­den zie­hen jun­ge Un­ter­neh­men in al­te Ge­fäng­nis­se

Der Sonntag (Mittelbaden) - - TIPPS & THEMEN - AFP

Un­ter der präch­ti­gen, licht­durch­flu­te­ten Kup­pel des Ge­fäng­nis­ses von Bre­da herrscht ge­schäf­ti­ges Kom­men und Ge­hen. Wie Dut­zen­de ehe­ma­li­ge Haft­an­stal­ten der Nie­der­lan­de be­her­bergt es in­zwi­schen kei­ne Häft­lin­ge mehr, son­dern Un­ter­neh­men, de­ren Mit­ar­bei­ter im Ge­gen­satz zu den frü­he­ren In­sas­sen ein und aus ge­hen kön­nen, wie es ih­nen be­liebt. Sin­ken­de Kri­mi­na­li­täts­ra­ten und neue Kon­zep­te im Straf­voll­zug führ­ten da­zu, dass in den Nie­der­lan­den 27 Voll­zugs­an­stal­ten seit 2014 ge­schlos­sen und ei­ni­ge zu Bü­ro- oder Wohn­ge­bäu­den, Re­stau­rants und Uni­ver­si­tä­ten um­ge­baut wur­den. Auch in Bre­da schlos­sen sich 2014 die Ge­fäng­nis­to­re. In der 1886 ge­bau­ten An­stalt konn­te vom zen­tra­len Hof un­ter der HauptVon kup­pel al­les ein­ge­se­hen wer­den – ein klas­si­sches Bei­spiel für den Pa­n­op­tis­mus, ei­ne So­zi­al­theo­rie des 18. Jahr­hun­derts. Sie be­sagt, dass Men­schen, die un­ter per­ma­nen­ter Über­wa­chung ste­hen, sich so­zi­al an­ge­passt ver­hal­ten. Rund­um win­den sich me­tal­le­ne Wen­del­trep­pen hin­un­ter zur ehe­ma­li­gen Kan­ti­ne, die heu­te un­ter ei­nem Glas­bo­den liegt. Auf dem Be­ton sind noch Sport­fel­der mar­kiert, um­ge­ben von vier­stö­cki­gen Zel­len­blocks, de­ren ros­ti­ge Tü­ren jetzt of­fen­ste­hen. Auch Mi­guel de Waard geht hier ein und aus, er ist Mit­be­grün­der des Start-ups 3D Red Pan­da VR. Für ihn ist es der per­fek­te Stand­ort: „Wir ha­ben uns ein­fach so­fort in die­ses be­son­de­re Bü­ro ver­liebt – die ho­he De­cke, die schö­nen De­tails, die gro­ßen Fens­ter und die Hel­lig­keit. Wir se­hen kei­ne Git­ter; wenn wir nach drau­ßen schau­en, se­hen wir ei­nen wun­der­schö­nen Teil von Bre­da.“Den­noch sei die Ver­gan­gen­heit prä­sent. In Tei­len des frü­he­ren Ge­fäng­nis­ses sei es ziem­lich düs­ter, sagt de Waard. „Und manch­mal spürt man auch, dass da viel Ge­schich­te ist.“2016 war das Un­ter­neh­men VPS mit der Um­wid­mung des Ge­fäng­nis­ses mit gut 33000 Qua­drat­me­tern Flä­che zu „so­zia­len Zwe­cken“be­auf­tragt wor­den. Die Re­so­nanz war enorm, rund 300 In­ter­es­sen­ten mel­de­ten sich. Heu­te ha­ben rund 90 von ih­nen dort ih­ren Stand­ort. Nach­dem stark an­stei­gen­de Kri­mi­na­li­täts­ra­ten die Häft­lings­zah­len in den 1990er Jah­ren eu­ro­pa­weit hat­ten an­stei­gen las­sen, fie­len die Zah­len in den Nie­der­lan­den wie­der, un­ter an­de­rem dank Prä­ven­ti­ons­pro­gram­men und ei­nem grö­ße­ren Fo­kus auf der Wie­der­ein­glie­de­rung. Nach of­fi­zi­el­len An­ga­ben sank die Ver­bre­chens­ra­te zwi­schen 2007 und 2015 um rund 26 Pro­zent. In ei­nem Jahr­zehnt fiel die Zahl de­rer, die jähr­lich ins Ge­fäng­nis kom­men, in den Nie­der­lan­den von 50650 im Jahr 2005 auf 37 790 im Jahr 2015. Pro 100 000 Ein­woh­ner sind hier 57 Men­schen in Haft, ver­gli­chen mit 458 in den USA. „Die Rich­ter ver­ur­tei­len die Leu­te heu­te zu an­de­ren Stra­fen. Nicht mil­der, son­dern an­ders, zu ge­mein­nüt­zi­ger Ar­beit oder zu Fuß­fes­seln und zu Re­ha­bi­li­ta­ti­ons­maß­nah­men“, sagt An­ne­loes van Box­tel, die die Im­mo­bi­li­en des In­nen­mi­nis­te­ri­ums ver­wal­tet. In­zwi­schen sind in den Nie­der­lan­den noch 38 Haft­an­stal­ten in Be­trieb. den 27 seit 2014 ge­schlos­se­nen Ge­fäng­nis­sen wur­den sechs für rund 20,7 Mil­lio­nen Eu­ro ver­kauft, an­de­re für ins­ge­samt rund 18 Mil­lio­nen Eu­ro ver­mie­tet, oft als Zen­tren für Asyl­su­chen­de. Ei­ne Haft­an­stalt in Ve­en­hui­zen im Nor­den wur­de in­klu­si­ve Wach­per­so­nal an Nor­we­gen ver­pach­tet, das dort ei­ge­ne Häft­lin­ge un­ter­bringt. Ein ehe­ma­li­ges Frau­en­gefäng­nis in Zwol­le im Nord­os­ten be­her­bergt heu­te ein preis­ge­krön­tes Re­stau­rant. Ei­ne Voll­zugs­an­stalt in Ams­ter­dam Over­am­s­tel soll für 60 Mil­lio­nen Eu­ro in ein Wohn­vier­tel mit tau­sen­den Woh­nun­gen um­ge­baut wer­den. Und ein Ge­fäng­nis in Haar­lem, das die ört­li­che Stadt­ver­wal­tung für 6,4 Mil­lio­nen Eu­ro er­wor­ben hat, soll 2019 als Uni­ver­si­täts­ge­bäu­de sei­ne To­re öff­nen.

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