Sci­ence-Fic­tion im Sunshi­ne Sta­te

Ei­ne St­un­de süd­lich von Or­lan­do bie­tet die „Space Co­ast“er­staun­li­che Ru­he

Der Sonntag (Mittelbaden) - - REISE & URLAUB -

Den Flug sei­nes Le­bens un­ter­nahm Jon McB­ri­de 1984, als er die Raum­fäh­re Chal­len­ger als Pi­lot wohl­be­hal­ten ins All und wie­der zu­rück auf den Hei­mat­pla­ne­ten steu­er­te. Zum Glück nicht zwei Jah­re spä­ter, denn da ex­plo­dier­te der Space Shut­tle kurz nach dem Start. Das bis da­hin schlimms­te Un­glück in der Ge­schich­te der US-Raum­fahrt fand oh­ne den heu­te 73-jäh­ri­gen Ma­ri­ne­flie­ger aus Charles­ton, West Vir­gi­nia, statt. Ei­ne gött­li­che Fü­gung möch­te man mei­nen, dass der heu­ti­ge Tour Gui­de im Ken­ne­dy Space Cen­ter Vi­si­tor Com­plex auf Mer­rit Is­land für die­sen ver­häng­nis­vol­len Flug nicht ein­ge­teilt war. McB­ri­de ver­folg­te sein gro­ßes Ziel mit be­harr­li­cher Aus­dau­er. „Schon als klei­ner Jun­ge war mein gro­ßer Traum, ein­mal ins Wel­tall zu flie­gen. Als ich dann 1978 von der Na­sa in die Mann­schaft für den Space Shut­tle be­ru­fen wur­de, ahn­te ich, es könn­te da­mit klap­pen. Und schließ­lich konn­te ich die­sen groß­ar­ti­gen Traum sechs Jah­re spä­ter wahr ma­chen“, er­zählt der sym­pa­thi­sche Raum­fahrt-Ve­te­ran im blau­en Space Over­all den stau­nen­den Zu­hö­rern der Be­su­cher­grup­pe zur Be­grü­ßung. Es gibt viel zu ent­de­cken mit Jon McB­ri­de, und da­für muss man kein As­tro-Phy­si­ker oder Trek­kie sein. Der rie­si­ge, oran­ge­ne Tank des Space Shut­tle, den fast je­der aus den TV-Nach­rich­ten kennt, über­ragt das Ge­län­de als im­po­san­tes Denk­mal. Nie war die Be­nut­zung ei­nes Sel­fie-Sticks an­ge­brach­ter als vor die­sem Wun­der­werk der Tech­nik. Jon McB­ri­de bringt Kaf­fee und Co­ke und er­klärt die Druck­ver­hält­nis­se auf den Kör­per beim Start, wenn man mit 28 000 Ki­lo­me­tern pro St­un­de nach oben schießt. Mer­rit Is­land mit sei­nen gut 40 Ki­lo­me­tern ein­sa­mer Sand­strän­de steht größ­ten­teils un­ter Na­tur­schutz und dient ganz ne­ben­bei der Na­sa als Welt­raum­flug­ha­fen. Die Be­zeich­nung „Space Co­ast“kommt dar­um nicht von un­ge­fähr. In den Feucht­ge­bie­ten des Mer­ritt Is­land Na­tio­nal Wild­life Re­fu­ge ha­ben tro­pi­sche Vo­gel­ar­ten wie Ibis­se und Rei­her ei­nen ge­schütz­ten Le­bens­raum. Mee­res­schild­krö­ten brü­ten ge­las­sen am Strand. Die Ra­ke­ten­starts las­sen die ur­zeit­li­chen Rep­ti­li­en völ­lig kalt. Ein Rund­kurs für Au­to­fah­rer so­wie ei­ni­ge be­fes­tig­te Wan­der­we­ge füh­ren durch die­ses Na­tur­pa­ra­dies. Ne­ben­an im Ken­ne­dy Space Cen­ter Vi­si­tor Com­plex tum­meln sich ganz an­de­re Vö­gel aus Me­tall. Ra­ke­ten do­mi­nie­ren die Sky­line. Die Him­mels­stür­mer glän­zen in der war­men Flo­ri­da-Son­ne im Ro­cket Gar­den und täu­schen ech­te Star-Wars-Ku­lis­sen vor. Ei­nen Ra­ke­ten­start in Ca­pe Ca­na­veral als Zu­schau­er er­le­ben? Schwe­re­los für ei­ne Mis­si­on im All trai­nie­ren, die Ori­gi­nalRaum­fäh­re At­lan­tis be­gut­ach­ten oder his­to­ri­sche Ra­ke­ten im Ro­cket Gar­den be­stau­nen? Nicht nur Welt­raum-Fans be­kom­men leuch­ten­de Au­gen, wenn bei der Shut­tle Launch Ex­pe­ri­ence der ei­nem Erd­be­ben glei­chen­de Start der Raum­trans­por­ter si­mu­liert wird. Rund­fahr­ten über das weit­läu­fi­ge Na­sa-Ge­län­de bis zu den his­to­ri­schen Ab­schuss­ram­pen der Mer­cu­ry- und Ge­mi­niMis­sio­nen bei Ca­pe Ca­na­veral ste­hen eben­falls auf dem Pro­gramm und wer­den von fach­kun­di­gen Na­sa-Ve­te­ra­nen wie Jon McB­ri­de be­glei­tet. Im Ken­ne­dy Space Cen­ter Vi­si­tor Com­plex steht die Na­sa auch zu ih­ren Rück­schlä­gen: Ver­un­glück­te As­tro­nau­ten, et­wa die Op­fer des Chal­len­ger-Un­glücks von 1986, wer­den fei­er­lich ge­wür­digt. Ih­rer ge­denkt die Na­sa in ei­nem se­pa­ra­ten Be­reich mit ei­ner be­rüh­ren­den Aus­stel­lung. Knapp 40 Ki­lo­me­ter wei­ter süd­lich kommt wie­der Sunshi­ne Fee­ling wie aus dem Rei­se­ka­ta­log auf. Co­coa Beach emp­fängt als ech­ter Hot­spot für Sur­fer mit per­fek­ten Wel­len, Del­finschwär­men und fei­nen Sand­strän­den sei­ne Gäs­te – und na­tür­lich mit vie­len gu­ten Ho­tels. Kein Wun­der, dass der nach Mei­nung vie­ler bes­te Sur­fer al­ler Zei­ten aus Co­coa Beach stammt. Der viel­fa­che Welt­meis­ter Kel­ly Sla­ter ist dort ge­bo­ren und stemmt sich hier im­mer noch dann und wann auf sei­nem Brett den Wel­len ent­ge­gen. Wer ei­ne Ab­wechs­lung zum Strand­le­ben sucht, tauscht das Surf­board ge­gen ein Ka­nu und er­kun­det den Bana­na Ri­ver an der West­sei­te

Star-Wars-Ku­lis­se und Sur­fer­t­raum Fei­ne Bar- und Re­stau­rant­sze­ne

von Co­coa Beach. Ne­ben See­kü­hen sind in den Sumpf- und Man­gro­ven­land­schaf­ten auch Kro­ko­di­le zu Hau­se. Zu den dö­sig wir­ken­den Pan­zer­ech­sen soll­te man je­doch bes­ser Ab­stand hal­ten. Auf die klei­ne fei­ne Bar- und Re­stau­rant­Sze­ne am his­to­ri­schen Pier trifft das nicht zu. Pi­kan­te Mee­res­früch­te, ge­grill­ter Fisch und fruch­ti­ge Cock­tails sind hier Gr­und­nah­rungs­mit­tel und ge­nau die rich­ti­ge Be­glei­tung zu ei­nem traum­haft kit­schi­gen Son­nen­un­ter­gang an Flo­ri­das Space Co­ast. Man denkt ver­träumt: Den nächs­ten Ur­laub viel­leicht ins Wel­tall? Und so ab­we­gig ist das nicht, denn Jon McB­ri­des Ant­wort zum En­de der Tour ist haf­ten ge­blie­ben: „Von Welt­raum­rei­sen für nor­ma­le, durch­schnitt­li­che Men­schen sind wir schon nicht mehr so weit ent­fernt. Viel­leicht er­folgt hier schon im nächs­ten Jahr­zehnt der Durch­bruch“. Bald Mond- oder Mars­luft schnup­pern? Viel Geld und Zeit für den Flug mit­brin­gen! Wem die­se Art des Ur­laubs dann doch noch zu hoch ist, fühlt sich mit der Space Co­ast in Flo­ri­das gol­de­ner Mit­te gut be­dient.

DER WELT­RAUM GANZ NAH: Das Ken­ne­dy Space Cen­ter in Ca­pe Ca­na­veral, Flo­ri­da, ist nicht nur was für Tech­nik­freaks und Trek­kies. Fo­to: Wehr

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