So viel Hei­mat steckt im Mu­se­um

Wel­che Rol­le der Be­griff im All­tag von Karls­ru­her Kul­tur­in­sti­tu­tio­nen spielt

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Die Region - Zu­sam­men­ge­stellt von An­net­te Bor­chardt-Wen­zel und Wolf­gang We­ber

Kul­tur ist Hei­mat“– un­ter die­sem Mot­to öff­nen die Karls­ru­her Mu­se­en und Kul­tur­in­sti­tu­tio­nen am Sams­tag, 5. Au­gust, zur Karls­ru­her Mu­se­ums­nacht, „Ka­mu­na“ge­nannt. Für die Ka­mu­na wird das Mot­to je­des Jahr neu ge­wählt – und die be­tei­lig­ten Häu­ser so­wie Gas­t­in­sti­tu­tio­nen rich­ten da­nach ihr Pro­gramm aus. So be­stimmt bei al­ler Viel­falt der Karls­ru­her Mu­se­ums­land­schaft ein „ro­ter Fa­den“das nächt­li­che Ge­sche­hen. „Kul­tur ist Hei­mat“– die­ses Ka­mu­na-Mot­to passt na­tür­lich präch­tig zu den Hei­mat­ta­gen Ba­den-Würt­tem­berg, die in die­sem Jahr in der Fä­cher­stadt statt­fin­den. Aber wel­che Rol­le spielt das The­ma „Hei­mat“in der all­täg­li­chen Ar­beit der Karls­ru­her Kul­tur­ein­rich­tun­gen? Der SONN­TAG hat nach­ge­fragt – und vie­le in­ter­es­san­te Ant­wor­ten er­hal­ten.

ZKM

Pe­ter Wei­bel, Vor­stand des Zen­trums für Kunst und Me­di­en (ZKM): Das The­ma „Hei­mat“spielt in der Ar­beit des ZKM ei­ne zen­tra­le Rol­le. Wir den­ken glo­bal und füh­len lo­kal, nach dem Mot­to „Glo­bal den­ken – lo­kal han­deln“. Die Hei­mat ist für uns das lo­ka­le Pu­bli­kum, das wir adres­sie­ren. Hei­mat ist ge­wis­ser­ma­ßen die Adres­se des ZKM, ob­wohl es und weil es ein Glo­bal Play­er ist, des­sen Ar­beit von Chi­na bis Chi­le wahr­ge­nom­men wird.

Na­tur­kun­de­mu­se­um

Nor­bert Lenz, Di­rek­tor des Staat­li­chen Mu­se­ums für Na­tur­kun­de Karls­ru­he: In der Ar­beit des Na­tur­kun­de­mu­se­ums Karls­ru­he spielt Hei­mat ei­ne gro­ße Rol­le. Die Dau­er­aus­stel­lung „Hei­mi­sche Na­tur“prä­sen­tiert Le­bens­räu­me der Re­gi­on mit ih­rer Fau­na und Flo­ra. Im Saal „Geo­lo­gie am Ober­rhein“wird die Erd­ge­schich­te er­klärt. Un­se­re Wis­sen­schaft­ler for­schen schwer­punkt­mä­ßig im Lan­des­teil Ba­den. Zwar kommt nicht die gan­ze Be­leg­schaft von hier (ich auch nicht), aber die Iden­ti­fi­ka­ti­on da­mit ist groß.

Kunst­hal­le

Pia Mül­ler-Tamm, Di­rek­to­rin der Staat­li­chen Kunst­hal­le Karls­ru­he: Hei­mat spielt bei uns ak­tu­ell ei­ne gro­ße Rol­le, weil wir der­zeit die Aus­stel­lung „Hier­zu­lan­de. An­sich­ten aus Ba­den-Würt­tem­berg“zei­gen – un­ser Bei­trag zu den Hei­mat­ta­gen 2017. Da­bei geht es uns nicht al­lein um Bil­der von der ba­di­schen Hei­mat, son­dern allgemein um das, was hei­mat­li­che Ge­füh­le weckt. Das kann auch das Mu­se­um selbst sein. In der Aus­stel­lung gibt es ei­nen Film, in dem die Mit­ar­bei­ter und Mit­ar­bei­te­rin­nen der Kunst­hal­le das The­ma Hei­mat auf per­sön­li­che Wei­se aus­lo­ten.

Li­te­ra­tur am Ober­rhein

Hans­ge­org Schmidt-Berg­mann, Lei­ter des Mu­se­ums für Li­te­ra­tur am Ober­rhein: „Hei­mat ist in der Spra­che“und über Spra­che ver­mit­telt sich Iden­ti­tät. Der Ober­rhein war in der Ge­schich­te im­mer ein we­sent­li­cher eu­ro­päi­scher Kul­tur­raum. Li­te­ra­tur hat das Po­ten­ti­al, Hei­mat zu re­flek­tie­ren und emo­tio­nal zu be­för­dern. In un­ru­hi­gen Zei­ten ist es die Ver­mitt­lung der deut­schen Spra­che, die In­te­gra­ti­ons­pro­zes­se be­schleu­nigt. In Work­shops und mit dem „Schef­fel-För­der­preis“an be­rufs­qua­li­fi­zie­ren­den Schu­len be­tei­li­gen wir uns ak­tiv an die­ser ge­sell­schaft­lich not­wen­di­gen Bil­dungs­ar­beit.

Städ­ti­sche Mu­se­en

Alex­an­dra Kaiser, Lei­te­rin des Pfinz­gau­mu­se­ums und stell­ver­tre­ten­de Lei­te­rin des Stadt­mu­se­ums: Hei­mat ist ein schwie­ri­ger und oft miss­brauch­ter Be­griff. Wenn man un­ter „Hei­mat“al­ler­dings die ge­schicht­li­chen Ent­wick­lun­gen ei­nes Or­tes und sei­ner Be­woh­ne­rin­nen und Be­woh­ner, die lo­ka­len Le­bens­wel­ten, Be­zie­hungs­netz­wer­ke und All­tags­struk­tu­ren in Ver­gan­gen­heit und Ge­gen­wart ver­steht, dann ist „Hei­mat“si­cher ein zen­tra­les The­ma der stadt­ge­schicht­li­chen Mu­se­en.

Lan­des­mu­se­um

Eck­art Köh­ne, Di­rek­tor Ba­di­sches Lan­des­mu­se­um: Im Ba­di­schen Lan­des­mu­se­um ver­mit­teln wir Men­schen aus al­ler Welt un­se­re kul­tu­rel­len Wur­zeln, die uns al­le mit­ein­an­der ver­bin­den. Was macht uns aus? Wie ha­ben sich Re­li­gi­on, Tech­nik und po­li­ti­sche Sys­te­me über die Jahr­tau­sen­de zu dem ent­wi­ckelt, was uns heu­te prägt? Wir glau­ben, dass wir im Ba­di­schen Lan­des­mu­se­um da­zu viel er­zäh­len und ein Ge­fühl der hei­mat­li­chen Ver­traut­heit her­stel­len kön­nen. In­so­fern ver­ste­hen wir uns als ein iden­ti­täts­stif­ten­des Haus. „Hei­mat“im Ba­di­schen Lan­des­mu­se­um be­deu­tet nicht nur den Be­zug zu Ba­den, zu Karls­ru­he, zum Schwarz­wald. Hei­mat ist so viel­fäl­tig, wie die Men­schen die dar­in le­ben.

Städ­ti­sche Ga­le­rie

Bri­git­te Baum­stark, Lei­te­rin der Städ­ti­schen Ga­le­rie Karls­ru­he: Die Ver­bin­dung der Wor­te „Hei­mat + Kunst = Hei­mat­kunst“ist durch den Na­tio­nal­so­zia­lis­mus ne­ga­tiv be­legt. Die Kunst­samm­lung der Städ­ti­schen Ga­le­rie Karls­ru­he nimmt Wer­ke auf, die in Karls­ru­he, in der Re­gi­on und deutsch­land­weit ent­stan­den und ent­ste­hen. Was „Hei­mat“für Künst­ler al­ler Spar­ten be­deu­ten kann, macht die Son­der­aus­stel­lung zum Werk Ot­to Bart­nings deut­lich: Die Geis­tes­grö­ßen der Stadt und de­ren Wer­ke sind für den Ar­chi­tek­ten Qu­el­len nach­hal­ti­ger In­spi­ra­ti­on.

Ba­di­scher Kunst­ver­ein

Li­sa-Kath­rin Wel­zel, Pres­se­spre­che­rin des Ba­di­schen Kunst­ver­eins: Ob­wohl sich der Ba­di­sche Kunst­ver­ein in sei­nem Pro­gramm auf in­ter­na­tio­na­le zeit­ge­nös­si­sche Kunst kon­zen­triert, ist er – vor al­len Din­gen auch über sei­ne Mit­glie­der – stark mit der Stadt und der Re­gi­on ver­bun­den. So­mit ist Karls­ru­he die Hei­mat ei­nes der äl­tes­ten Kunst­ver­ei­ne Deutsch­lands, der im nächs­ten Jahr statt­li­che 200 Jahre alt wird. Neue und al­te Bür­ger und Bür­ge­rin­nen Karls­ru­hes und der Re­gi­on sind herz­lich ein­ge­la­den, die­ses gro­ße Ju­bi­lä­um mit uns zu fei­ern!

Lan­des­bi­blio­thek

Ka­ren Evers, Re­fe­ren­tin Pres­se- und Öf­fent­lich­keits­ar­beit der Ba­di­schen Lan­des­bi­blio­thek: Mit ih­rem viel­fäl­ti­gen Be­stand an Li­te­ra­tur und Me­di­en aus und über Ba­den do­ku­men­tiert die BLB die Ent­wick­lung des ba­di­schen Lan­des­teils auf ein­zig­ar­ti­ge Wei­se. Be­reits in den Sta­tu­ten von 1874 heißt es: „Voll­stän­dig soll er­wor­ben wer­den die auf Ba­den be­züg­li­che Li­te­ra­tur.“Aber auch in ih­rem Kul­tur­pro­gramm be­leuch­tet die BLB re­gel­mä­ßig die kul­tu­rel­len Schät­ze der Re­gi­on: Ab 8. No­vem­ber zeigt sie an­läss­lich der Hei­mat­ta­ge die Aus­stel­lung „Rhein­hei­misch – Aus­ge­wähl­te Er­in­ne­rungs­or­te am Ober­rhein“. Im Zen­trum ste­hen ba­di­sche Or­te, Per­so­nen und Er­eig­nis­se, die noch heu­te ei­ne star­ke Wir­kung auf die Er­in­ne­rungs­kul­tur und das kol­lek­ti­ve Ver­ständ­nis von Hei­mat aus­üben.

Ge­ne­ral­lan­des­ar­chiv

Wolf­gang Zim­mer­mann, Lei­ter des Ge­ne­ral­lan­des­ar­chivs Karls­ru­he: Hei­mat und Archiv – Le­ben in der Ver­gan­gen­heit? Nein, Hei­mat ist der Raum, der im All­tag der Ge­gen­wart un­ser Le­bens­um­feld ist. Aber das Heu­te baut auf dem Ver­gan­ge­nen, auf den Le­bens­ge­schich­ten frü­he­rer Ge­ne­ra­tio­nen auf. Das Ba­di­sche Ge­ne­ral­lan­des­ar­chiv lädt als of­fe­nes Haus der Ge­schich­te da­zu ein, die­sen Le­bens­spu­ren nach­zu­ge­hen. Die his­to­ri­schen Do­ku­men­te in ei­nem kaum vor­stell­ba­ren Um­fang von 38 000 Re­gal­me­tern bil­den da­für ein fast un­er­schöpf­li­ches Re­ser­voir. Der Blick in die Ge­schich­te lädt ein zu ei­ner Aus­ein­an­der­set­zung mit un­se­rer his­to­risch ge­wach­se­nen Iden­ti­tät, macht uns da­mit die Ge­gen­wart ver­trau­ter und hei­mi­scher.

Am kom­men­den Sams­tag la­den zahl­rei­che Karls­ru­her Mu­se­en und Kul­tur­in­sti­tu­tio­nen zur 19. Karls­ru­her Mu­se­ums­nacht „Ka­mu­na“. Mit da­bei sind auch die Kunst­hal­le (links) und das ZKM (rechts). Der Ka­mu­na-But­ton, der zum frei­en Ein­tritt und zur kos­ten­lo­sen Nut­zung des ge­sam­ten KVV-Net­zes (von Sams­tag, 14 Uhr, bis Sonn­tag, 6 Uhr) be­rech­tigt, ist un­ter an­de­ren in al­len BNN-Ge­schäfts­stel­len er­hält­lich. Fotos: ONUK

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