Im­pres­sio­nen aus dem Ru­he­be­reich

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Aktuel - Wolf­gang We­ber

„Ja, hal­lo, ich bin jetzt in Ful­da! Hörst Du mich? Der Emp­fang ist ganz schlecht! Hal­lo! Hal­lo! Ich hör grad gar nichts mehr! Du, ich ruf aus Frankfurt wie­der an!“Wir be­fin­den uns im Ru­he­be­reich des ICE von Ber­lin nach Karls­ru­he. Die Ru­he­be­rei­che wur­den von der Bahn ei­gens „für Fahr­gäs­te mit Wunsch nach Ru­he und Ent­span­nung“ein­ge­rich­tet. Han­dy­te­le­fo­na­te, Klin­gel­tö­ne, lau­tes Mu­sik­hö­ren (auch via Kopf­hö­rer) oder sons­ti­ge lär­men­de Tä­tig­kei­ten sind hier nicht er­wünscht. Klingt theo­re­tisch gut. Ist in der Pra­xis aber nicht im­mer so. Der „Hal­lo! Hal­lo!“-Ru­fer hat sein Te­le­fo­nat eben be­en­det, als zwei Me­ter wei­ter ein häss­li­cher Klin­gel­ton das hal­be Zug­ab­teil auf­schreckt. Der Smart­pho­ne­be­sit­zer, dem äu­ße­ren An­schein nach ein wich­ti­ger Mensch aus der IT-Bran­che, nimmt ab, hört fünf Se­kun­den lang zu, und star­tet dann ei­nen et­wa 20-mi­nü­ti­gen Dia­log, in dem er nicht nur in oh­ren­be­täu­ben­der Laut­stär­ke ein un­ver­ständ­li­ches EDV-Kau­der­welsch von sich gibt, son­dern zwi­schen­durch auch noch sei­ne frü­he­re Kol­le­gin S., sei­ne ehe­ma­li­ge Ge­lieb­te T. und sei­nen der­zei­ti­gen Chef R. der Lä­cher­lich­keit preis­gibt. War­um auch nicht? Hört ja kei­ner zu au­ßer 50 bis 60 Zug­rei­sen­den, die sich auf ei­ne ge­müt­li­che Zug­fahrt ge­freut hat­ten. Zwei Rei­hen wei­ter er­klärt un­ter­des­sen ein schnei­di­ger An­zug­trä­ger mit Gel­fri­sur ei­nem un­sicht­ba­ren „Trot­tel“am Te­le­fon, dass die­ser ein „Trot­tel“sei, weil er ir­gend­ei­ne Frist ir­gend ei­nes Ge­richts ver­säumt hat. „Trot­tel, ver­damm­ter!“brüllt er si­cher­heits­hal­ber noch ein­mal laut ins Ab­teil, nach­dem er das Te­le­fo­nat wut­schnau­bend be­en­det hat. In­zwi­schen ist un­ser Schrei­hals aus Ful­da ge­mein­sam mit uns in Frankfurt an­ge­kom­men. Und wie ver­spro­chen, teilt er das sei­ner „Mut­ti“frist­ge­recht und pünkt­lich mit. „Du, wir sind jetzt in Frankfurt!“, brüllt er so laut, dass die Men­schen in sei­ner Um­ge­bung Trom­mel­fell­schä­den be­fürch­ten. „Der Emp­fang ist wie­der ganz schlecht!“, schreit er, „so ei­ne Sch..., wir sind im Jahr 2017 und die Bahn schafft es nicht, ein ge­schei­tes Netz zu in­stal­lie­ren!“Zum Glück, möch­te man nun eben­so laut aus­ru­fen. Und hin­zu­fü­gen: Das ist so­gar pu­re Ab­sicht der Bahn. Der Emp­fang ist hier ab­sicht­lich schlecht! Denn wer gu­ten Han­dy­emp­fang will, kann in den „Han­dy­be­reich“ge­hen. Wer aber im deut­lich ge­kenn­zeich­ne­ten Ru­he­be­reich sitzt: Der soll­te ein­fach mal wie­der ein gu­tes Buch le­sen. Und das Han­dy am bes­ten aus­schal­ten.

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