El­fen und ganz viel Was­ser

Das eu­ro­päi­sche Er­be No­va Sco­ti­as

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Reise & Urlaub - Bea­te Baum

Sight­see­ing-Tou­ren fin­den in Ori­gi­nal Lon­do­ner Dop­pel­de­cker­bus­sen statt, die Ein­hei­mi­schen ste­hen or­dent­lich Schlan­ge und spre­chen ein sehr sau­be­res Eng­lisch. Ganz klar: No­va Sco­tia, die Pro­vinz im äu­ßers­ten Süd­os­ten Ka­na­das, fühlt sich bis heu­te Groß­bri­tan­ni­en sehr ver­bun­den. „Eu­ro­pa über­haupt“, meint Valerie Keith. „Wir sind doch so nah an eu­rem Kon­ti­nent!“Die Mitt­drei­ßi­ge­rin ar­bei­tet an der Dal­hou­sie-Uni­ver­si­tät und be­rich­tet stolz, dass Ha­li­fax die größ­te An­zahl an Stu­den­ten im Ver­hält­nis zu den Ein­woh­nern in ganz Ka­na­da hat. „Und an Pubs.“Die Stadt hat aber auch ei­ne sehr ent­spann­te At­mo­sphä­re. Da­bei ist der Groß­raum Ha­li­fax im Ver­gleich zum Rest der Pro­vinz dicht be­sie­delt: 390000 Men­schen le­ben dort – von knapp ei­ner Mil­li­on ins­ge­samt. Auf ei­ner Flä­che, die der von NRW und Rhein­land-Pfalz ent­spricht. No­va Sco­tia ist spek­ta­ku­lär von Was­ser um­ge­ben und durch­zo­gen, es gibt je­doch we­nig Ber­ge, da­für aus­ge­dehn­te Wäl­der. Mehr Low­lands als High­lands, ge­wis­ser­ma­ßen. Mit ei­ner ge­ne­ral­stabs­mä­ßig an­ge­leg­ten Über­sie­de­lung im Jahr 1773 be­gann die Ge­schich­te der Schot­ten in No­va Sco­tia. Ein se­hens­wer­tes Mu­se­um im an­sons­ten eher grau­en Ört­chen Pic­tou bringt Be­su­chern die Hin­ter­grün­de na­he. Vor ih­nen wa­ren be­reits Fran­zo­sen da, spä­ter ka­men die Deut­schen. Meist „Dutch“ge­nannt – kei­ne Ver­wechs­lung mit den Nie­der­län­dern, son­dern schlicht ein Aus­spra­che­feh­ler, wie Ralph Get­son er­klärt. Er führt Be­su­cher durch das hüb­sche Ha­fen­städt­chen Lu­nen­burg, das auf den eng­li­schen Kö­nig Ge­org II. zu­rück­geht, in des­sen Auf­trag Mit­te des 19. Jahr­hun­derts deut­sche und Schwei­zer Pro­tes­tan­ten nach No­va Sco­tia ge­bracht wur­den. Bis heu­te er­in­nern deutsch-klin­gen­de Na­men dar­an. „Lu­nen­burg war die Fi­sche­rei-Haupt­stadt Ka­na­das“, so Ralph Get­son. Ehe­ma­li­ge Ka­pi­täns­vil­len prun­ken mit schmu­cken Er­kern, Türm­chen und Ba­lus­tra­den. Da­bei wa­ren die ers­ten Sied­ler Bau­ern, die sich das Fi­schen erst an­eig­nen muss­ten. Doch der Wirt­schafts­zweig, der ehe­mals die gan­ze Pro­vinz er­nähr­te, wur­de nach Ein­füh­rung stren­ger Fang­quo­ten zur Kri­sen­bran­che. Bis heu­te ist man im Land nicht gut dar­auf zu spre­chen. Heu­te gibt es kaum noch Ka­bel­jau, aber im­mer noch schmack­haf­ten Lachs und na­tür­lich Hum­mer. En­thu­si­as­ten be­haup­ten, schon der Um­riss No­va Sco­ti­as ge­be das Scha­len­tier wi­der. In je­dem Fall ist die Pro­vinz ein wah­res Fein­schme­cker­pa­ra­dies – das fran­zö­si­sche, we­ni­ger das schot­ti­sche Er­be. Im Mi­kro­kli­ma das An­na­po­lis-Tals ge­deiht so­gar gu­ter Weiß­wein. Zwei Na­tio­nal­parks bie­ten Ka­na­da pur. Der­je­ni­ge auf Ca­pe Bre­ton nimmt im Na­men noch auf Schott­land Be­zug, eher ir­re­füh­rend al­ler­dings, denn auch dort gibt es kei­ne kar­gen, rau­en Hö­hen­la­gen, son­dern der High­land Na­tio­nal Park be­steht aus rie­si­gen Wäl­dern, die sich auf sanf­ten Hü­geln zwi­schen den Küs­ten er­stre­cken. Dort zu wan­dern heißt wirk­lich ein­tau­chen in die Na­tur. Der Ke­jim­ku­ji Na­tio­nal­park liegt im Wes­ten No­va Sco­ti­as. Sei­ne Flä­che ent­spricht nur et­wa ei­nem Drit­tel des High­land Parks, da­für ist er zu­gleich als na­tio­na­le his­to­ri­sche Stät­te ge­schützt, denn in dem Se­en- und Sumpf­ge­biet gibt es vie­le er­hal­te­ne Zeug­nis­se der Mi’kmaq-In­dia­ner, die einst die ge­sam­te Pro­vinz be­sie­del­ten. „Sie ha­ben dem Ge­biet den heu­ti­gen Par­kna­men ge­ge­ben – es be­deu­tet so viel wie ,Land der El­fen’“, er­zählt Mit­ar­bei­ter Ted Do­lan. „Seit min­des­tens 4 000 Jah­ren le­ben die Mi’kmaq hier, an den Ufern der Was­ser­we­ge ha­ben sie ih­re Pe­tro­gly­phen hin­ter­las­sen.“Die in die Fels­wän­de ge­ritz­ten Strich­zeich­nun­gen äh­neln Höh­len­ma­le­rei­en. Wie die Ur­ein­woh­ner soll­te man sich im „Ke­ji“auf dem Was­ser fort­be­we­gen. Ganz prak­tisch, weil vie­le Win­kel des Parks an­ders nicht er­reich­bar sind, aber auch, weil man nur so die Schön­heit der Wild­nis er­lebt. Ge­schütz­te Schild­krö­ten zei­gen sich selbst den un­ge­üb­tes­ten Ka­nu­ten; Bi­ber und Wild ge­ben sich ein Stell­dich­ein. Und vi­el­leicht ja auch El­fen ...

Von deut­schen Sied­lern ge­grün­det: Die ge­sam­te Alt­stadt Lu­nen­burgs zählt zum UNESCO-Welt­kul­tur­er­be, sie ist auf ei­nem sanft zum Was­ser hin ab­fal­len­den Hü­gel schach­brett­ar­tig an­ge­legt. Fo­to: Baum

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