Stän­dig hieß es „Mahl­zeit“

Be­kann­te Leu­te und ih­re Fe­ri­en­jobs

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Die Region - Auf­ge­zeich­net von Tho­mas Liebs­cher und Wolf­gang We­ber

Vie­le Schü­ler und Stu­den­ten kön­nen es sich nicht leis­ten, in den Fe­ri­en nur aus­zu­span­nen, die Frei­zeit zu ge­nie­ßen oder zu reisen. Ein Job muss her. Am bes­ten ei­ner, bei dem man rich­tig viel Geld ver­dient. Aber die­se Jobs sind rar und be­gehrt. So neh­men dann eben zahl­rei­che jun­ge Leu­te ei­ne Stel­le an, die ge­ra­de noch frei war. Aber meis­tens wird man ja nicht nur mit Geld für die in­ves­tier­te Zeit ent­schä­digt. Schließ­lich er­hält man ei­nen Ein­blick in vi­el­leicht ganz frem­de Be­rufs­wel­ten samt den Men­schen dort und macht wert­vol­le Er­fah­run­gen – mit zu schwe­rer oder zu lang­wei­li­ger Ar­beit. Oft er­zählt man im wei­te­ren Le­ben im­mer wie­der ein­mal von die­sen et­was an­de­ren Som­mer­wo­chen. Der SONN­TAG frag­te Per­sön­lich­kei­ten aus der Re­gi­on, wel­chen Fe­ri­en­job sie einst hat­ten und an wel­che Si­tua­tio­nen sie sich da­bei be­son­ders er­in­nern.

De­ckel für Zahn­pas­ta­tu­ben

Mar­tin Wa­cker, Ge­schäfts­füh­rer der Karls­ru­her Event Gm­bH: Ich ha­be in mei­ner Gym­na­si­al­zeit ab mei­nem 16. Le­bens­jahr in je­den gro­ßen Fe­ri­en ge­jobbt – in ganz un­ter­schied­li­chen Fir­men. Ein­mal muss­te ich Schraub­de­ckel für Zahn­pas­ta pro­du­zie­ren, vom Ein­fül­len der Plas­ti­kroh­mas­se bis zum ge­stanz­ten End­pro­dukt. Zwei Som­mer lang half ich in ei­ner Spe­di­ti­on in der Nacht­schicht aus. Man muss­te die La­dun­gen der LKW auf Post­leit­zahl­be­zir­ke ver­tei­len. Wenn von der Bä­cke­rei die La­dung mit den Ham­bur­ger-Bröt­chen für ein gro­ßes Fast-Food­re­stau­rant kam und man aus­la­den muss­te, war hin­ter­her stets ei­ne Es­sens­pau­se an­ge­sagt ... die „hun­ger­för­dern­den“Düf­te hat­ten ih­ren Di­enst ge­tan ...

Mahl­zeit – Mahl­zeit

St­ef­fi Lack­ner, In­ten­dan­tin des Sand­kornThea­ters Karlsruhe: Mein ein­drück­lichs­tes Er­leb­nis war der Bü­ro­job bei ei­ner Bau­spar­kas­se. Ich muss­te aus dem Archiv Ak­ten zie­hen und den je­weils zu­stän­di­gen Sach­be­ar­bei­tern brin­gen. Die Ak­ten wa­ren durch end­lo­se Num­mern ge­kenn­zeich­net, die in rie­si­gen Bü­chern mit Com­pu­ter­aus­dru­cken ver­zeich­net wa­ren. Es war schwie­rig, die rich­ti­gen Ak­ten zu fin­den. Am meis­ten auf­ge­fal­len ist mir, dass zwi­schen 11 und 15 Uhr sich al­le Mit­ar­bei­ter stän­dig Mahl­zeit wünsch­ten. In al­len Bü­ros und Gän­gen. Es war un­glaub­lich skur­ril für mich als Neu­ling in der Fir­ma. Das hat­te schon et­was Ka­ba­ret­tis­ti­sches.

Fin­ger im Eis­was­ser

Ul­ri­ke Krumm, Pfar­re­rin der Lu­ther­ge­mein­de in der Karls­ru­her Ost­stadt: Zwi­schen Schu­le und Theo­lo­gie­stu­di­um half ich im Ser­vice ei­ner from­men Fa­mi­li­en­frei­zeit ir­gend­wo in den Schwei­zer Ber­gen mit. Wenn ich dar­an den­ke, wie wir früh­mor­gens die But­terBlüm­chen aus den Kü­beln mit Eis­was­ser ho­len muss­ten, be­kom­me ich jetzt noch blaue Fin­ger­spit­zen! Au­ßer­dem muss­te ich mich ge­gen den Vor­wurf zur Wehr set­zen, war­um ich denn Pfar­re­rin wer­den woll­te – wo doch nach Pau­lus das Weib in der Ge­mein­de zu schwei­gen hät­te! Mei­nen Be­rufs­wunsch hat die­se Dis­kus­si­on deut­lich be­flü­gelt. Spä­ter in Tü­bin­gen ar­bei­te­te ich wäh­rend der Se­mes­ter­fe­ri­en als Hilfs­kraft in ei­nem In­sti­tut, das ein Stich­wort­re­gis­ter zur gro­ßen Wei­ma­rer Aus­ga­be der Wer­ke Mar­tin Lu­thers an­fer­tig­te. Un­zäh­li­ge Kar­tei­kar­ten, der Staub der Wis­sen­schaft in voll­ge­stopf­ten Räu­men. Und ei­ne Rei­ni­gungs­kraft na­mens Frau Maul, die mei­nen Ehr­geiz weck­te: Wenn ich sie ein­mal ver­ste­hen wür­de, könn­te ich von mir sa­gen, ich ver­stün­de schwä­bisch ...

Au­to­ri­tät im wei­ßen Kit­tel

Micha­el Obert, Bür­ger­meis­ter in Karlsruhe: Ei­nen klas­si­schen Fe­ri­en­job hat­te ich im Au­gust 1973, noch als Schü­ler, bei Wert­kauf. Ich war in der Le­bens­mit­tel­ab­tei­lung und ei­gent­lich fürs Auf­fül­len der Wa­ren zu­stän­dig. Es gab wei­ße und blaue Kit­tel, was aber kei­ne Be­deu­tung hat­te und nur dem Zu­fall ge­schul­det war. Die Leu­te mein­ten aber, die mit den wei­ßen Kit­teln sei­en was Bes­se­res und frag­ten mich, da ich weiß „be­kit­telt“war, im­mer al­les Mög­li­che. So woll­te ein Mann wis­sen, ob Ge­lier­zu­cker das glei­che sei wie Ein­mach­zu­cker, was ich (in Un­kennt­nis) be­jah­te. Abends frag­te ich mei­ne Mut­ter, die mich auf­klär­te, dass dies ein gro­ßer Un­ter­schied sei und man kei­nen Ge­lee be­kommt, wenn man da­für Ein­mach­zu­cker nimmt und um­ge­kehrt. Hof­fent­lich hat der ar­me Mann sei­ner Gat­tin dann doch noch das Rich­ti­ge mit­ge­bracht..

Roll­la­den­käs­ten im Ak­kord

Marc Mar­shall, Sän­ger aus Ba­den-Ba­den: Be­son­ders ge­liebt ha­be ich die Ar­beit beim Roll­la­den-Boh­nert in Ba­den-Ba­den. Hier ha­be ich mit mei­nen Kum­pel im Ak­kord Roll­la­den­käs­ten her­ge­stellt. Das war im­mer ei­ne Rie­sen­gau­di, wenn wir un­se­re ei­ge­nen Re­kor­de ge­bro­chen ha­ben. Un­ser St­un­den­lohn war echt spit­ze. Da­von ha­be ich mir mei­nen ers­ten ei­ge­nen Plat­ten­spie­ler ge­kauft. Das ver­gisst man nie! Und wenn dann noch Zeit war, ha­be ich im Schüt­zen­haus bei Ho­ge und Eli­sa­beth Bier ge­zapft. Da gab es zum St­un­den­lohn im­mer noch ei­ne gu­te Wurst für zu­hau­se da­zu!

Piz­za­ser­vice und Rei­se­lei­te­rin

Ste­fa­nie Tü­cking, Fern­seh- und Ra­dio­mo­de­ra­to­rin aus Ba­den-Ba­den: Ich ha­be lan­ge bei ei­nem Piz­za­ser­vice am Te­le­fon die Be­stel­lun­gen auf­ge­nom­men. Wit­zi­ger­wei­se war die Ab­kür­zung für die Stan­dard­piz­za Sa­la­mi/Pil­ze/Pe­pe­ro­ni bei uns in Kai­sers­lau­tern „smp“. Das „m“für mushrooms, weil das „p“schon für Pe­pe­ro­ni re­ser­viert war. Dar­auf muss man erst mal kom­men. Mein Va­ter hat mich bei Sie­mens auf Mon­ta­ge ge­schickt, da ha­be ich ge­hol­fen, Fern­mel­de­äm­ter auf­zu­bau­en. Seit­her weiß ich, wel­chen Na­men sämt­li­che Werk­zeu­ge ha­ben, und mit dem Löt­kol­ben kann ich im­mer noch ganz gut um­ge­hen! Da­nach bin ich als Rei­se­lei­te­rin an den Wo­che­n­en­den mit 50 Ame­ri­ka­nern im Bus nach Pa­ris ge­fah­ren, ha­be die Stadt­rund­fahr­ten ge­führt und die Ban­de zu­sam­men ge­hal­ten, bis wir wie­der in den Ka­ser­nen in Kai­sers­lau­tern wa­ren. Das wa­ren mei­ne ers­ten Er­fah­run­gen mit dem Mi­kro in der Hand .... In Kn­ei­pen und in der bes­ten Dis­co in town ha­be ich im Ser­vice und an der Bar ge­jobbt, spä­ter dann als Disc­jo­ckey Mu­sik auf­ge­legt und ein­ge­kauft. Al­les qua­si die Vor­be­rei­tung für mei­ne spä­te­re Ar­beit beim Ra­dio und Fern­se­hen, bes­ser je­den­falls als das Elek­tro­tech­nik­stu­di­um.

Drei Wo­chen im Su­per­markt

Andrea Krieg, Lei­te­rin der Stadt­bi­blio­thek Karlsruhe: Da fällt mir als ers­tes ein Fe­ri­en­job ein, den ich lei­der nie be­kom­men ha­be. Es war eben der be­gehr­tes­te da­mals un­ter den Schü­lern in Sch­wet­zin­gen. Es han­del­te sich um die sehr gut be­zahl­te Ar­beit am Fließ­band der Kon­ser­ven­fa­brik Bas­ser­mann. Ich ha­be statt­des­sen drei Wo­chen im Som­mer in ei­nem klei­nen Su­per­markt War­ren trans­por­tiert und Re­ga­le auf­ge­füllt. Da­bei muss­ten die Fe­ri­en­job­ber im­mer bis zum da­ma­li­gen La­den­schluss blei­ben. In den an­de­ren Schul­fe­ri­en ha­be ich dann eh­ren­amt­lich Kin­der im Tisch­ten­nis­ver­ein trai­niert.

Pfer­de und Mäd­chen

Sa­bi­ne Zen­ker, Ge­schäfts­füh­re­rin der Gar­ten­schau Bad Her­re­n­alb: Ich er­in­ne­re mich sehr ger­ne an mei­nen Fe­ri­en­job beim Kin­der­fe­ri­en­pro­gramm im Reit­stall. 15 bis 20 jun­ge pfer­de­be­geis­ter­te Mäd­chen, die ei­nen ganz schön auf Tr­ab ge­hal­ten ha­ben. Mor­gens wa­ren die meis­ten kaum wach und abends kaum ins Bett zu be­kom­men. Py­ja­ma­par­tys, Was­ser­schlach­ten und na­tür­lich je­de Men­ge Pfer­de stan­den auf dem Pro­gramm. Da war nicht nur Pfer­de­sach­ver­stand, son­dern auch Ner­ven­stär­ke ge­for­dert. High­light war im­mer das gro­ße Waf­fel­es­sen. Den Mäd­chen und mir hat es im­mer be­son­ders gut ge­schmeckt. Er­staun­lich, was da­bei an Waf­feln in den un­ter­schied­lichs­ten Va­ria­tio­nen ge­ges­sen wur­de!

Aus­ge­spro­chen be­liebt bei Schü­lern und Stu­den­ten sind Fe­ri­en­jobs in der Au­to­bran­che. Wer hier nichts fin­det, kann im­mer noch Schraub­de­ckel für Zahn­pas­ta pro­du­zie­ren (wie Mar­tin Wa­cker) oder Roll­la­den­käs­ten her­stel­len (wie Marc Mar­shall). Foto: Ado­be Stock / di­zfo­to1973

Mar­tin Wa­cker pro­du­zier­te einst in den Fe­ri­en Schraub­de­ckel für Zahn­pas­ta. Foto: Ho­ra

Ste­fa­nie Tü­cking war Rei­se­lei­te­rin für Ame­ri­ka­ner in Pa­ris. Foto: Imago/Star-Me­dia

Pfar­re­rin Ul­ri­ke Krumm war im Ser­vice in den Schwei­zer Ber­gen tä­tig. Foto: pr

Micha­el Obert füll­te als Schü­ler bei Wert­kauf in Karlsruhe Re­ga­le auf. Foto: pr

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.