Auf den Spu­ren der Alex­an­dra von Berck­holtz

Die Künst­le­rin ge­hör­te zu den ge­frag­tes­ten Por­trä­tis­tin­nen ih­rer Zeit / Le­bens­sta­tio­nen in Karlsruhe und Or­ten­berg

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Die Region - An­net­te Bor­chardt-Wen­zel

Ma­ler­wei­ber! An­ton von Wer­ner, ab 1875 Di­rek­tor der Preu­ßi­schen Aka­de­mie der Küns­te, hielt Pin­sel schwin­gen­de Frau­en al­le­samt für Di­let­tan­tin­nen. Dass sei­ne ei­ge­ne Schwie­ger­mut­ter, ei­ne Da­me na­mens Al­wi­ne Schrö­der, in Karlsruhe zu den an­er­kann­ten Künst­le­rin­nen ge­hör­te, än­der­te nichts an sei­nem har­schen Ur­teil. Die Über­zeu­gung, dass zu wah­rer Kunst nur Män­ner im­stan­de sein, war da­mals weit ver­brei­tet. Sie mach­te be­gab­ten Frau­en das Le­ben schwer. Zwar ge­lang es ei­ni­gen trotz­dem, sich als freie Künst­le­rin­nen von ih­rer Ma­le­rei zu er­näh­ren. Die meis­ten ge­rie­ten al­ler­dings rasch in Ver­ges­sen­heit. So er­ging es auch Alex­an­dra von Berck­holtz (1821-1899), ei­ner der be­rühm­tes­ten Por­trä­tis­tin­nen ih­rer Zeit. Doch vor drei Jah­ren hat sich die Kunst­his­to­ri­ke­rin Na­ta­lie Gut­ge­sell auf die Spu­ren der deutsch-bal­ti­schen Ma­le­rin be­ge­ben. Ih­re For­schun­gen führ­ten sie un­ter an­de­rem nach Karlsruhe und ins ba­di­sche Or­ten­berg. Über 200 Bild­nis­se hat Alex­an­dra von Berck­holtz al­lein in den 1860er Jah­ren ge­schaf­fen. Wie von den meis­ten Künst­le­rin­nen des 19. Jahr­hun­derts ist von ihr aber kein zu­sam­men­hän­gen­der Nach­lass vor­han­den: Die Er­ben ver­kauf­ten und ver­stei­ger­ten ih­re Hin­ter­las­sen­schaft, sie ist in al­le Welt zer­streut. Ent­ger spre­chend müh­sam ge­stal­te­te sich die Re­kon­struk­ti­on ih­res Le­bens und ih­res Wer­kes. Den Aus­gangs­punkt von Na­ta­lie Gut­ge­sells For­schun­gen bil­de­ten acht Ge­mäl­de, die sich im Mu­se­um im Rit­ter­haus in Of­fen­burg, im Au­gus­ti­ner­mu­se­um Frei­burg so­wie der Ge­mein­de Or­ten­berg be­fin­den. Der Hei­mat­pfle- der Or­ten­au-Ge­mein­de hat­te die Kunst­his­to­ri­ke­rin ein­ge­la­den, die dor­ti­gen Bil­der zu be­gut­ach­ten und ei­ne Mo­no­gra­fie über Alex­an­dra von Berck­holtz zu ver­fas­sen: Man wol­le sie vor dem Ver­ges­sen be­wah­ren. Das An­den­ken an die Fa­mi­lie Berck­holtz wird in Or­ten­berg hoch ge­hal­ten: Alex­an­dras aus Ri­ga stam­men­der Va­ter, der 1833 nach Karlsruhe ge­zo­gen war, hat­te noch im sel­ben Jahr den Wie­der­auf­bau der Schloss­rui­ne Or­ten­berg be­auf­tragt. Zehn Jah­re dau­er­ten die Ar­bei­ten. Bis heu­te gilt das Schloss als Wahr­zei­chen der Or­ten­au. In sei­nem „Mal­er­turm“hat­te Alex­an­dra, die bei nam­haf­ten Künst­lern Pri­vat­un­ter­richt er­hielt, bis 1863 ihr Ate­lier. Dann – ih­re El­tern wa­ren ge­stor­ben – zog die Künst­le­rin nach München um. Im Rit­ter­haus in Of­fen­burg fin­det sich ein Por­trät von Alex­an­dras Va­ter. Di­rekt da­ne­ben hängt das Bild­nis ei­nes wür­di­gen Herrn, in dem man eben­falls ei­nen Ade­li­gen ver­mu­ten könn­te. Tat­säch­lich han­delt es sich um ei­nen Die­ner der Fa­mi­lie Berck­holtz. Na­ta­lie Gut­ge­sell fand das in­ter­es­sant: Sie woll­te mehr er­fah­ren über die Künst­le­rin, die ei­nen Be­diens­te­ten der­art re­spekt­voll ver­ewig­te. Das Er­geb­nis von Gut­ge­sells Re­cher­chen liegt jetzt in ei­nem über 450 Sei­ten star­ken, reich be­bil­der­ten Band vor. Dem merkt man durch­aus an, wie müh­sam die Spu­ren­su­che war. Ent­stan­den ist kei­ne flott zu le­sen­de Le­bens­ge­schich­te, son­dern die da­ten­rei­che „Re­kon­struk­ti­on ei­ner Künst­le­rin­nen­bio­gra­fie“mit star­kem Fo­kus auf dem kunst­his­to­ri­schen und ge­sell­schaft­li­chen Kon­text. Wei­te­re Ka­pi­tel be­leuch­ten eben­falls das Um­feld der Künst­le­rin – Gut­ge­sell stellt et­wa ih­re Fa­mi­lie vor und die Berck­holtz-Stif­tung in Karlsruhe, ein von Alex­an­dras Nef­fen ge­grün­de­tes Se­nio­ren­wohn­heim (auch die Künst­le­rin selbst tat sich durch ka­ri­ta­ti­ves En­ga­ge­ment her­vor). Zu­dem geht es um ih­re künst­le­ri­schen Leh­rer und ihr ge­sell­schaft­li­ches Netz­werk, zu dem Ade­li­ge aus al­ler Welt eben­so zähl­ten wie Ma­ler­kol­le­gin­nen und -kol­le­gen aus Karlsruhe. Auch an­de­ren Künst­le­rin­nen des 19. Jahr­hun­derts ist ein Ka­pi­tel ge­wid­met. Der ein­drück­lichs­te Teil des Bu­ches aber ist der rund 200 Sei­ten um­fas­sen­de Ka­ta­log, in dem Bil­der und Skiz­zen Alex­an­dras von Berck­holtz ge­zeigt und er­läu­tert wer­den. War­um die Künst­le­rin „an der Schwel­le zur Avant­gar­de“ge­ra­de als Por­trä­tis­tin so sehr ge­schätzt wur­de? Wer ih­re Wer­ke be­trach­tet, weiß die Ant­wort. Und wird sie ge­wiss nicht als „Ma­ler­weib“be­lä­cheln.

Die Ma­le­rin Alex­an­dra von Berck­holtz (1821-1899) in ei­ner Darstel­lung von Lou­is Wa­gner (Li­tho­gra­fie aus dem Jahr 1845). Bild: Stadt­ar­chiv Karlsruhe

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