In Würz­burg blüht die Lie­be

Deutsch­lands ver­kann­tes Klein­od

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Reise & Urlaue -

Je­der Ja­pa­ner, der schon mal in Deutsch­land war, kennt Würz­burg. Die meis­ten Mit­tel­eu­ro­pä­er da­ge­gen fah­ren auf der Au­to­bahn dar­an vor­bei, über­las­sen das Welt­wun­der Re­si­denz den Bus­grup­pen und das fast schon ita­lie­ni­sche Flair den Ein­hei­mi­schen. Sel­ber schuld. Sie­ben ge­wal­ti­ge Eier aus Be­ton sind die Stars. Licht­grau schim­mern sie in der in­di­rek­ten Be­leuch­tung wie mo­der­ne Kunst. Und ir­gend­wie sind sie das ja auch. Lud­wig Knoll hat die Be­ton­ei­er kürz­lich in sei­nen neu­en, ul­tra­mo­der­nen Wein­kel­ler ein­bau­en las­sen. Und fünf über­manns­gro­ße Am­pho­ren da­zu. Wein oh­ne Ecken und Kan­ten: Deutsch­lands Win­zer des Jah­res 2016 probiert halt al­les aus. Klim­bim oder öno­lo­gi­sche Of­fen­ba­rung? Wer die neu­en Wei­ne aus dem Ei ver­kos­tet, der hat vi­el­leicht auch ein be­son­de­res sen­so­ri­sches Er­leb­nis. Ganz si­cher aber ge­nießt er da­bei ei­nen pracht­vol­len Aus­blick. Vom St­ein, dem be­rühm­ten Wein­berg di­rekt über der Stadt Würz­burg, wirkt der ICC-Bahn­hof tief un­ten wie ei­ne Mo­dell­ei­sen­bahn­an­la­ge, der Main wie ein blau­es Band und die Fe­s­tung Ma­ri­en­berg am Ge­gen­hang wie ein Play­mo­bil-Schloss. Das Wein­gut am St­ein selbst über­rascht zwi­schen den Re­ben mit zwei Wür­fel­häu­sern. In ei­nem macht Knoll sei­nen Wein. Das an­de­re dür­fen Gäs­te als Fe­ri­en­haus mie­ten. Kann es ei­nen bes­se­ren Start­punkt ge­ben für ei­nen Be­such der vi­el­leicht un­ter­schätz­tes­ten Stadt Deutsch­lands? Würz­burg war vor noch nicht all­zu lan­ger Zeit ver­schrien als „Wein­fass an der Au­to­bahn“. Heu­te trinkt man dort im­mer noch gern ei­nen Schop­pen. Aber der kann es mit den bes­ten Trop­fen aus dem Bur­gund und der Tos­ka­na auf­neh­men. Und die ku­bi­sche Fe­ri­en­woh­nung am St­ein schlägt oh­ne­hin die bes­ten Häu­ser im Chi­an­ti. Früh­stück be­kommt man da al­ler­dings keins. Da­zu wan­dert der Wein­freund ent­we­der wie einst Ge­heim­rat Goe­the auf dem his­to­ri­schen St­ein­wein­pfad hin­auf zum ro­man­ti­schen Schloss­ho­tel St­ein­burg. Oder er läuft schnell über ein paar Trep­pen hin­un­ter in die Stadt, ins „Bä­cker­lä­de­le“zu Ro­si. Ro­sa­lin­de Schraut ist ge­lern­te Bä­cker­meis­te­rin aus dem Stadt­teil Stet­ten; in ih­rem Tan­te-Em­ma-La­den ser­viert sie wun­der­ba­res Früh­stücks­ge­bäck und gibt da­zu noch bes­se­re Tipps. Nun denn: Die Fe­s­tung Ma­ri­en­berg kann man sich al­so spa­ren, da baut Bay­erns Fi­nanz­mi­nis­ter Sö­der ge­ra­de sein „Mu­se­um für Fran­ken“auf. Aber kei­nes­falls ver­pas­sen darf man die Re­si­denz. Nicht nur, weil sie Wel­ter­be ist. Je nach Jah­res­zeit sind im Gar­ten Ma­gno­li­en, Blut­pflau­men oder Ro­sen zu be­stau­nen. Und drin leuch­ten ganz- jäh­rig Gi­an Bat­tis­ta Tie­po­los ge­wal­ti­ge De­cken­fres­ken über Trep­pen­haus und Kai­ser­saal. Wo ist der Hund? Den hat der Meis­ter auf je­dem Ge­mäl­de ir­gend­wo ver­steckt – und zwar nicht als Run­ning-Gag, son­dern als Sym­bol der Treue, sagt die freund­li­che Füh­re­rin. Die Füh­rung ist üb­ri­gens stets im Ein­tritts­preis ent­hal­ten. Kunst macht Ap­pe­tit. Al­so nichts wie ab auf den Markt­platz. Da hat sich zwi­schen Ge­mü­se- und Obst­stän­den schon ei­ne War­te­schlan­ge ge­bil­det; je­der will beim Brat­wurst­stand Knüp­fing „Ei­ne mit“be­stel­len. Die ori­gi­nal Würz­bur­ger Brat­wurst isst man im­mer im Bröt­chen, das in Würz­burg Kipf heißt. Die Wurst ist viel grö­ßer als die Nürn­ber­ger und wird des­halb ge­knickt. Mit oder oh­ne be­zeich­net nur den Senf. Man kann auch „mit aweng“be­stel­len, al­so mit we­nig Senf. Würz­burg steckt vol­ler Ent­de­ckun­gen. Ei­ne der schöns­ten ist das Lu­sam­gärt­lein. Der frü­he­re Kreuz­gang des Ne­u­müns­ter­stifts bil­det heu­te ei­ne Oa­se der Ru­he. BeE­so­te­ri­scher rühmt macht ihn ein Ge­denk­stein un­ter ei­ner ro­man­ti­schen Lin­de: Der be­rühm­te Min­ne­sän­ger Walt­her von der Vo­gel­wei­de liegt dort be­gra­ben. Und egal, wann man das Lu­sam­gärt­lein auf­sucht: Stets ist der St­ein mit fri­schen Blu­men ge­schmückt. Das bringt Glück in der Lie­be, sagt man. Die Lie­be, sie blüht in Würz­burg, und sie kann so­gar schwim­men. Zu je­der vol­len St­un­de fährt am Kra­nen­kai der Aus­flugs­damp­fer „Al­te Lie­be“ab. Die Fahrt dau­ert et­wa ei­ne hal­be St­un­de und führt – vor­bei an den Klös­tern Him­mels­pfor­ten und Ober­zell – in das na­he Veits­höch­heim mit sei­nem put­zi­gen Ro­ko­ko­schloss. Da hat­ten einst Bay­erns Kö­ni­ge ih­re Som­mer­re­si­denz – und die Wein­trau­ben wuch­sen ih­nen ge­ra­de­zu in den Mund. Ei­ne ver­gleichs­wei­se jun­ge Lie­be der Würz­bur­ger ist die Al­te Main­brü­cke. Vie­le Jah­re we­nig be­ach­tet, hat sich auf der his­to­ri­schen Fuß­gän­ger­brü­cke erst jüngst der Brauch des „Brü­cken­schop­pens“ein­ge­bür­gert. Un­ter zwölf über­le­bens­gro­ßen „Brü­cken­hei­li­gen“steht an lau­schi­gen Aben­den halb Würz­burg mit ei­nem Vier­tel „Würz­bur­ger St­ein“oder „Eschern­dor­fer Lump“in der Hand und ver­eint so mit­tel­al­ter­li­che Stren­ge mit süd­li­cher Leich­tig­keit. So­gar ein Pro­gramm wird an der Al­ten Main­brü­cke ge­ge­ben: Prak­tisch un­un­ter­bro­chen fährt eins der im­mer be­lieb­ter wer­den­den Fluss­kreuz­fahrt­schif­fe in die Schleu­se di­rekt un­ter der Brü­cke ein und wird dort an­ge­ho­ben oder ab­ge­senkt. Da schau­en vie­le Tou­ris­ten ger­ne zu. Noch mehr Ab­wechs­lung bie­tet ein kur­zer Spa­zier­gang zum „Krebs“. So heißt gleich ne­ben­an der aus­ran­gier­te Fisch­kut­ter am Main­kai. Stu­den­ten ha­ben auf das Boot ei­ne knall­rot la­ckier­te Block­hüt­te ge­stellt und ver­kau­fen aus ihr her­aus Fisch­bröt­chen und di­ver­se Cock­tails. Die Be­su­cher sit­zen der­weil ge­müt­lich an Bis­tro­ti­schen und blin­zeln in den Son­nen­un­ter­gang – coo­ler geht es auch in Pa­ris an der Sei­ne nicht zu.

Süd­li­che Leich­tig­keit: Der Brü­cken­schop­pen ist ein bei Ein­hei­mi­schen wie Tou­ris­ten be­lieb­tes An­ge­bot auf der Al­ten Main­brü­cke, wo vor al­lem abends Hoch­be­trieb herrscht. Ab­stel­len der Glä­ser auf dem Brü­cken­sims ist frei­lich bei Stra­fe ver­bo­ten. Foto: wit

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.