Mann im Kas­ten

Der ka­na­di­sche Künst­ler Rod­ney Gra­ham zeigt sei­ne Ar­bei­ten im Mu­se­um Frie­der Bur­da

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Freizeit & Ausflüge - SO

Er gilt als ei­ner der in­ter­na­tio­nal an­ge­sag­tes­ten Ge­gen­warts­künst­ler und als Mul­ti­ta­lent: der Ka­na­di­er Rod­ney Gra­ham. Im Mu­se­um Frie­der Bur­da in Ba­den-Ba­den wer­den der­zeit 22 sei­ner groß­for­ma­ti­gen In­stal­la­tio­nen ge­zeigt: Foto-Ins­ze­nie­run­gen im rie­si­gen Leucht­kas­ten. Die Prä­sen­ta­ti­on geht noch bis zum 26. No­vem­ber. Ku­ra­tiert wur­de die Aus­stel­lung von Frie­der Bur­das Toch­ter Patri­cia Kamp. Die Ent­schei­dung, sei­ne Bio­gra­fie in den Di­enst der Kunst zu stel­len, be­inhal­tet im­mer auch ei­ne Ent­schei­dung für ei­ne be­stimm­te Rol­le. Der Dan­dy oder der Bo­he­mi­en, der Kom­pli­ze der Un­ter­drück­ten oder der Lie­fe­rant der Pri­vi­le­gier­ten – wie je­des Be­rufs­bild lie­fert auch das Künst­ler­tum sei­ne Kli­schees gleich mit. Der ka­na­di­sche Künst­ler Rod­ney Gra­ham in­sze­niert die­se Rol­len­bil­der vir­tu­os – und hin­ter­fragt da­bei, wie sich aus der so­zi­al de­fi­nier­ten Rol­len­zu­schrei­bung in­di­vi­du­el­le Iden­ti­tä­ten her­aus­bil­den. Pro­fes­si­on als Ob­ses­si­on. Und im­mer in der Haupt­rol­le: Er selbst. Sein Me­di­um: Der klas­si­sche Wer­be-Leucht­kas­ten. So wer­den der de­tail­reich in­sze­nier­te An­ti­quar oder auch der mo­der­ne Cow­boy zum Wer­be­trä­ger ih­res Selbst. Doch hin­ter der glat­ten, strah­len­den Ober­flä­che der il­lu­mi­nier­ten Fo­to­gra­fie, hin­ter der per­fek­tio­nis­ti­schen Szeno­gra­fie ver­birgt sich im­mer auch ein An­flug von Me­lan­cho­lie, die von den Las­ten kün­det, sei­ne Rol­le im gro­ßen Thea­ter des Le­bens per­fekt spie­len zu müs­sen. Ein Lä­cheln wird kaum ge­schenkt, dem Blick nur sel­ten be­geg­net. Ger­ne schweift er ins Nichts, in die Fer­ne – oder auch in die Ver­gan­gen­heit. Wie kaum ein an­de­rer Ge­gen­warts­künst­ler hat sich der 1949 ge­bo­re­ne, heu­te in Van­cou­ver le­ben­de Rod­ney Gra­ham auf die Spu­ren der Le­bens­wel­ten des 19. und 20. Jahr­hun­derts be­ge­ben. Da­bei ar­bei­tet er seit den 1970er Jah­ren an ei­nem kon­zep­tio­nel­len Werk, das im­mer neue Zeit- und Gen­re­sprün­ge wagt. In sei­nem Schaf­fen ver­knüpft er Film, Fo­to­gra­fie, In­stal­la­ti­on, Per­for­mance, Ma­le­rei, Li­te­ra­tur und Mu­sik. Gra­ham, der ge­mein­sam mit Künst­lern wie Jeff Wall oder Stan Dou­glas zu der so­ge­nann­ten „Van­cou­ver School“zählt, zi­tiert Sti­le, Mo­den und Dis­kur­se von der Ro­man­tik bis zur Post­mo­der­ne, um sie mit lei­ser Iro­nie zu kom­men­tie­ren, wei­ter­zu­den­ken und um­zu­schrei­ben. Sei­ne In­spi­ra­ti­ons­quel­len rei­chen von Grö- ßen wie Sig­mund Freud, Richard Wa­gner oder Ed­gar Al­lan Poe bis zu Pop-He­ro­en wie Kurt Co­bain. Das ei­ge­ne künst­le­ri­sche Selbst­ver­ständ­nis, Hal­tun­gen wie Be­find­lich­kei­ten, wer­den da­bei glei­cher­ma­ßen ent- und auch ver­hüllt. In en­ger Zu­sam­men­ar­beit mit dem Künst­ler ist es dem Mu­se­um Frie­der Bur­da nun ge­lun­gen, die bis­her größ­te Über­sichts­aus­stel­lung mit Rod­ney Gra­hams Fo­to­leucht­käs­ten zu prä­sen­tie­ren. Die Leucht­käs­ten, ein zen­tra­wi­e­der les Me­di­um in sei­nem kom­ple­xen Werk, rei­chen von 2000 bis in die ak­tu­el­le Ge­gen­wart. „Im­mer ste­hen die man­nig­fal­ti­gen Selbst­in­sze­nie­run­gen Gra­hams im Zen­trum. Im­mer wirkt er wie ein me­lan­cho­li­scher Zei­t­rei­sen­der, ein mo­der­ner Bus­ter Kea­ton, der sich in ver­schie­de­nen Ver­klei­dun­gen durch die Ir­run­gen und Wir­run­gen mo­der­ner Kul­tur be­wegt und da­bei in die Rol­le von Pro­du­zen­ten, Zu­schau­ern oder Ver­mitt­lern schlüpft“, so Ku­ra­to­rin Patri­cia Kamp über das Werk Rod­ney Gra­hams. Den Auf­takt zur Aus­stel­lung bil­det im Erd­ge­schoss des Mu­se­ums das mo­nu­men­ta­le Tri­pty­chon „An­ti­qua­ri­an Sleeping in his Shop“von 2017. Gra­ham ver­kör­pert dar­in ei­nen An­ti­quar, der in sei­nem mit Ku­rio­si­tä­ten de­ko­rier­ten La­den beim Le­sen ein­ge­nickt ist. Die Re­qui­si­ten da­zu sam­mel­te Gra­ham selbst in den An­tikund Trö­del­lä­den Van­cou­vers. Sei­ne „Me­dia Stu­dies 77“(2016) im Mez­za­nin er­schei­nen wie ei­ne Par­odie auf die Me­di­en­for­schung und den aka­de­mi­schen Be­trieb. Hier tritt Gra­ham in der Rol­le ei­nes dan­dy­haf­ten Pro­fes­sors auf. Im Ober­ge­schoss des Mu­se­ums sind Schlüs­sel­wer­ke aus der letz­ten De­ka­de zu se­hen – Leucht­käs­ten, von de­nen vie­le Gra­hams be­kann­tes­te In­kar­na­tio­nen zei­gen. Da­zu ge­hö­ren et­wa die Rol­len des Ama­teur­ma­lers, des

22 groß­for­ma­ti­ge In­stal­la­tio­nen

Ka­me­ra­ver­käu­fers, des Hand­wer­kers, des „Ram­bling Man“und des Cow­boys. In al­len De­tails, in al­len still­le­ben­ar­ti­gen Ar­ran­ge­ments las­sen sich Bild­zi­ta­te fin­den. Stets un­ter­mi­niert er die Gren­zen zwi­schen Ho­chund Mas­sen­kul­tur und ver­knüpft ba­na­le, all­täg­li­che Zu­sam­men­hän­ge mit ela­bo­rier­ten An­spie­lun­gen auf die Kunst- und Geis­tes­ge­schich­te. „Mit der Über­tra­gung sprach­li­cher Bil­der und Ety­mo­lo­gi­en in ei­ne leuch­ten­de Bild­spra­che gibt sich Gra­ham als Hom­me de Lettres zu er­ken­nen, der sich nacht­wand­le­risch zwi­schen künst­le­ri­schen Gat­tun­gen, Me­tho­den und Re­fe­renz­fi­gu­ren hin- und her­be­wegt.“So be­schreibt Do­ro­thea Zwir­ner, Ken­ne­rin des Gra­ham­schen Wer­kes, sei­ne Ar­beit im auf­wen­dig pro­du­zier­ten Ka­ta­log (Preis 36 Eu­ro im Mu­se­um).

Mal Dan­dy, mal Hand­wer­ker

Rod­ney Gra­ham, Din­ner Break (Sa­lis­bu­ry Steak), 2017. Leucht­kas­ten, 113,3 x 87,9 x 17,8 cm. Cour­te­sy Hauser & Wirth and the ar­tist © Rod­ney Gra­ham, 2017

Rod­ney Gra­ham, News­pa­per Man, 2016. Leucht­kas­ten, 182 x 136 x 18 cm. Mu­se­um Frie­der Bur­da, Ba­den-Ba­den © Rod­ney Gra­ham, 2017

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