Ge­sel­li­ges Mul­ti­ta­lent

Nicht nur beim Sin­gen zeigt der Star ech­te Star-Qua­li­tä­ten

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Erste Seite - Patri­cia Klatt

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Ein „Al­ler­welts­vo­gel“als Vo­gel des Jah­res 2018? Der Na­tur­schutz­bund Deutsch­land (Na­bu) und sein baye­ri­scher Part­ner LBV, Lan­des­bund für Vo­gel­schutz, ha­ben den Star (Stur­nus vul­ga­ris) aus­ge­wählt und da­für gab es ge­wich­ti­ge Grün­de. Denn ob­wohl die Sta­re bei uns noch flä­chen­de­ckend ver­brei­tet sind, nimmt ihr Be­stand lang­sam, aber ste­tig ab. Ei­ne Mil­li­on Sta­ren­paa­re ha­be man al­lei­ne in Deutsch­land in nur zwei Jahr­zehn­ten ver­lo­ren, so der LBV-Vor­sit­zen­de Nor­bert Sch­äf­fer. Die ak­tu­el­len Zah­len schwan­ken jähr­lich zwi­schen drei und 4,5 Mil­lio­nen Paa­ren.

Bei Klein­gärt­nern sind sie nicht sehr be­liebt

Der ur­sprüng­li­che Le­bens­raum in Mit­tel­eu­ro­pa wa­ren Rand­la­gen und Lich­tun­gen von Laub­wäl­dern, heu­te hat der Star auch längst die Städ­te mit ih­ren Park­an­la­gen, Fried­hö­fen und Klein­gär­ten in­klu­si­ve Nist­käs­ten er­obert. „Ich kann mich noch gut dar­an er­in­nern, dass frü­her die Sta­re die Fut­ter­häus­chen in Grup­pen an­flo­gen und dort auch ganz schön frech wa­ren“, schmun­zelt Jo­chen Leh­mann, der Lei­ter der Or­ni­tho­lo­gi­schen Ar­beits­ge­mein­schaft Karls­ru­he, heu­te müs­se man schon froh sein, wenn ein Sta­ren­pär­chen im Gar­ten brü­te. Der schil­lern­de Ge­sel­le ist ein ty­pi­sches Bei­spiel für den stil­len Rück­gang der häu­fi­gen Vo­gel­ar­ten. Mo­der­ne Bau­vor­ha­ben oder Ver­kehrs­si­che­rungs­maß­nah­men neh­men dem Vo­gel in der Stadt die und auf dem Land ge­fähr­det die in­dus­tri­el­le Land­wirt­schaft zu­neh­mend Le­bens­räu­me und Brut­mög­lich­kei­ten des neu­en Jah­res­vo­gels. „Man braucht nur ei­nen Blick auf un­se­re heu­ti­ge Sied­lungs­struk­tur zu wer­fen“, be­dau­ert Leh­mann, „da gren­zen Acker­flä­chen oft di­rekt an den Orts­rand. Frü­her gab es da­zwi­schen noch Streu­obst­gür­tel, die idea­le Nist­be­din­gun­gen für die Sta­re bo­ten, heu­te sind die Obst­wie­sen weitB­rut­höh­len ge­hend ver­schwun­den und mit den Bäu­men auch die Le­bens­räu­me.“Auf den Wie­sen oder auch den Wei­den lässt sich üb­ri­gens ein ganz cha­rak­te­ris­ti­sches Ver­hal­ten der Sta­re be­ob­ach­ten, das „Zir­keln“. Mit ih­rem kräf­ti­gem Schna­bel ste­chen die Vö­gel Lö­cher in den Bo­den, die sie, eben­falls mit dem Schna­bel, ver­grö­ßern. Mit seit­lich ge­rich­te­tem Blick lau­fen die Sta­re dann um das Loch her­um (sie zir­keln), um ih­re Beu­te wie Re­gen­wür­mer oder Bo­den­in­sek­ten zu er­ha­schen. Ih­ren tie­ri­schen Spei­se­plan er­gän­zen die Sta­re zum Leid­we­sen man­cher Klein­gärt­ner und Obst­bau­ern auch durch ei­ne ve­ge­ta­ri­sche Kom­po­nen­te. Kir­schen, Bee­ren oder Wein­trau­ben müs­sen mit Net­zen vor ein­fal­len­den Sta­ren-Trupps ge­schützt wer­den, in der süd­li­che Wein­stra­ße ha­ben die Win­zer so­gar ei­nen Staren­schüt­zen be­auf­tragt, der die ein­fal­len­den Vö­gel mit Schreck­schuss­pis­to­len ver­trei­ben soll. Der Star ist ein be­gna­de­ter Imi­ta­tor, denn er kann prak­tisch al­le Tie­re oder auch Um­ge­bungs­ge­räu­sche per­fekt nach­ah­men. Wenn es aus ei­nem Baum pfeift, wie ein Han­dy klin­gelt oder gar knarzt wie ein ros­ti­ges Gar­ten­tor, dann wird das wahr­schein­lich ein Star sein. Über­lie­fert ist, dass sich Wolf­gang Ama­de­us Mo­zart drei Jah­re lang ei­nen Star als Haus­tier hielt, der ge­lernt hat­te, Tei­le des Kla­vier­kon­zerts Nr. 17 in G-Dur nach­zupfei­fen. „Es soll auch schon vor­ge­kom­men sein, dass Sta­re den Pfiff ei­nes Schä­fers nach­ge­ahmt und da­mit die Hun­de, die sei­ne Scha­fe hü­ten soll­ten, kom­plett ver­wirrt ha­ben“, er­klärt Jo­chen Leh­mann. Ei­ne wei­te­re Be­son­der­heit und ein ein­zig­ar­ti­ges Na­tur­schau­spiel ist die Schwarm­bil­dung der Sta­re, die in die­ser be­ein­dru­cken­den Grö­ße kaum ei­ne an­de­re Vo­gel­art zeigt. Im Ja­nu­ar letz­ten Jah­res hat man bei Schall­stadt im Mark­gräf­ler­land an die 100000 Vö­gel ge­zählt, im Sep­tem­ber in Schles­wig-Hol­stein so­gar 220 000. Auch in un­se­rer Um­ge­bung kann man jetzt oft be­ob­ach­ten, wie die im­po­san­ten Schwarm­wol­ken aus vie­len tau­send Sta­ren abends in die Schilf­ge­bie­te ein­fal­len, um dort zu über­nach­ten.

Fo­to: Na­bu/Marc Schar­ping

Der Star ist ein ge­sel­li­ges Mul­ti­ta­lent: Was das Out­fit be­trifft, so setzt er mit dem pur­pur-glän­zen­den Ge­fie­der, dem kur­zen Schwanz und dem lan­gen Schna­bel auf ele­gan­tes Un­der­state­ment. Ech­te Star-Qua­li­tä­ten zeigt der rund 22 Zen­ti­me­ter gro­ße Vo­gel je­doch beim Sin­gen. Ne­ben ei­ner Un­men­ge ei­ge­ner Ge­s­angs­mo­ti­ve be­sitzt der Star die Fä­hig­keit, an­de­re Vö­gel per­fekt nach­zu­ah­men. Fo­to: Na­bu/Zde­nek Tun­ka

Auch ein Vo­gel muss die Gar­de­ro­be der Jah­res­zeit an­pas­sen: Ein Star beim Wech­sel von Brut­kleid (dun­kel-me­tal­lisch) in das Win­ter­kleid (mit den wei­ßen Tup­fen). Fo­to: Klatt

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