Die Re­gi­on Apos­to­los Nau­mis: Vom Mu­si­ker zum Schau­spie­ler

Der Karls­ru­her Re­gis­seur Ser­dar Do­gan bringt „Ich, Ju­das“mit Ben Be­cker in die Ki­nos

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Erste Seite - Wolf­gang We­ber

Ei­gent­lich woll­te Ben Be­cker das Ein­per­so­nen­stück „Ich, Ju­das“nur drei Mal im Ber­li­ner Dom auf­füh­ren – als Lieb­ha­ber­in­sze­nie­rung, ent­stan­den aus der Fas­zi­na­ti­on des Schau­spie­lers für den rhe­to­risch bril­lan­ten Text von Wal­ter Jens und für die Fi­gur des Ju­das als dem ver­meint­li­chen Ver­rä­ter an der Sei­te von Je­sus. Was dann folg­te, hat­te nie­mand ah­nen kön­nen: ei­ne lan­ge Tour­nee durch die größ­ten Kir­chen Deutsch­lands, ste­hen­de Ova­tio­nen al­ler­or­ten, bril­lan­te Kri­ti­ken. Jetzt kommt „Ich, Ju­das“auch in die Ki­nos: In dem Karls­ru­her Re­gis­seur Ser­dar Do­gan („Der ach­te Kon­ti­nent“) fand Be­cker den idea­len Mit­strei­ter für das au­ßer­ge­wöhn­li­che Pro­jekt. Nach sorg­fäl­ti­ger Vor­be­rei­tungs­zeit wur­de im März 2017 im Ber­li­ner Dom ge­dreht –

„Wir wa­ren auf der glei­chen Wel­len­län­ge“

zwei Vor­stel­lun­gen mit Pu­bli­kum, zu­sätz­lich gab es ein paar nächt­li­che Nach­drehs. Das Re­sul­tat ist ein bild­ge­wal­ti­ges Film­werk, das am 31. Ok­to­ber in über 250 deut­schen Ki­nos an­läuft – Pre­mie­re ist im be­rühm­ten „ZooPa­last“in Berlin. Der Start­ter­min am Re­for­ma­ti­ons­tag 2017 wur­de üb­ri­gens ganz be­wusst aus­ge­wählt. Ist dies doch der Tag, an dem Mar­tin Lu­ther vor 500 Jah­ren sei­ne 95 The­sen ver­öf­fent­lich­te und die Um­wäl­zung der Kir­che und un­se­rer Ge­sell­schaft ein­lei­te­te. „Für mich war es ei­ne un­glaub­li­che Sa­che, in dem be­rühm­ten Ber­li­ner Dom dre­hen zu dür­fen“, freut sich Re­gis­seur Ser­dar Do­gan im Ge­spräch mit dem SONN­TAG. „Ich ha­be gro­ße Ehr­furcht vor die­sem Ge­bäu­de.“Doch wie kam’s über­haupt zur Zu­sam­men­ar­beit mit dem be­rühm­ten und bis­wei­len als ex­zen­trisch ver­schrie­nen Schau­spie­ler? Ver­mit­telt hat den Kon­takt kein Ge­rin­ge­rer als Wolf­gang Schmidt-Dahl­berg, der mitt­ler­wei­le über 80 Jah­re al­te le­gen­dä­re Film­ver­mit lei­her, der gro­ße al­te Mann der Ber­li­ner Film­fest­spie­le. Schmidt-Dahl­berg ist seit Do­gans Ki­no­film „Der ach­te Kon­ti­nent“ein Fan des Karls­ru­hers und als er ge­mein­sam mit Ben Be­cker die Vi­si­on hat­te, das Stück ins Ki­no zu brin­gen, brach­te er den deutsch­tür­ki­schen Re­gis­seur aus der Fä­cher­stadt ins Ge­spräch. „Zum Glück wa­ren Ben und ich so­fort auf der glei­chen Wel­len­län­ge“, sagt Do­gan. „Die Dreh­ar­bei­ten wa­ren ei­ne gro­ße Her­aus­for­de­rung, denn wir woll­ten die ge- ball­te Ener­gie des Thea­ter­stücks auch im Film spür­bar ma­chen.“Gleich­zei­tig muss­te man wäh­rend der Dreh­ar­bei­ten dar­auf ach­ten, die je­weils rund 1000 Zu­schau­er im Ber­li­ner Dom nicht ab­zu­len­ken oder gar zu stö­ren. „Ich bin to­tal stolz auf mein Team von Si­de­kick Pictures“, sagt Do­gan, der ge­mein­sam mit Ben Be­cker auch für den Schnitt des Films ver­ant­wort­lich ist. Mit „Ich, Ju­das – Ei­ner un­ter Euch wird mich ver­ra­ten!“hat Ben Be­cker of­fen­sicht­lich den Nerv der Zeit ge­trof­fen und die Men­schen zum Nach­den­ken an­ge­regt. Sei­ner lei­den­schaft­li­chen und ein­drück­li­chen Per­for­mance über Ver­rat und Ge­hor­sam liegt der eben­so fas­zi­nie­ren­de wie pro­vo­ka­ti­ve Text von Wal­ter Jens „Die Ver­tei­di­gungs­re­de des Ju­das Ischa­ri­ot“zu Grun­de. „Ju­das ist ei­ne neue Di­men­si­on“, sagt Be­cker. „Er ist mehr als ei­ne Rol­le, ei­ne Fil­mo­der Thea­ter­fi­gur: Ju­das ist ei­ne Kampf­zo­ne, ein Schlacht- und Kraft­feld, auf­ge­la­den der Ver­ach­tung und Feind­se­lig­keit der Jahr­tau­sen­de, ei­nem mör­de­ri­schen Hass, wie die Zeit im­mer wie­der zeigt.“Im Text von Wal­ter Jens spricht Ju­das da­von, dass er ei­ne Rol­le zu über­neh­men hat­te in ei­nem ab­ge­kar­te­ten Spiel – die Rol­le des Ver­rä­ters, des Bö­sen. Hat Be­cker selbst auch das Ge­fühl, dass fürs Pu­bli­kum im­mer ei­ner den Teu­fel spie­len muss? „Im Thea­ter ist der Teu­fel ei­ne dank­ba­re Fi­gur“, sagt Be­cker. „Me­phis­to er­scheint erst mal fas­zi­nie­ren­der als Faust. Und er ist bei al­lem Dia­bo­li­schen im­mer auch der grö­ße­re Spaß­ma­cher. Bei Ju­das ist das an­ders. Sei­ne Rol­le ist nicht selbst ge­wählt, er wur­de von Got­tes Sohn da­für be­stimmt. Wäh­rend Je­sus den Mär­ty­rer­tod stirbt, er­hängt sich Ju­das, oh­ne dass ihm da­bei je­mand zu­schaut, ihn be­dau­ert und be­trau­ert. Den Ju­das in die­ser Ge­schich­te zu spie­len, heißt ei­ne Schuld an­zu­neh­men, die das mensch­li­che Maß über­steigt. An ihr muss man zu­grun­de ge­hen.“Der am Thea­ter­stück und Film be­tei­lig­te Dra­ma­turg John von Düf­fel fin­det es „be­mer­kens­wert, dass bei der sen­sa­tio­nel­len Auf­füh­rungs­se­rie von ,Ich, Ju­das‘ ei­ne Re­ak­ti­on feh­le: der Vor­wurf der Blas­phe­mie. „We­der von Kir­chen­sei­te noch von dem Ge­mein­de- oder Thea­ter­pu­bli­kum gab es Stim­men, die be­klag­ten, dass es ket­ze­risch sei, der­art mit dem Chris­ten­tum und sei­nen Über­lie­fe­run­gen ins Ge­richt zu ge­hen.“Den gro­ßen und un­er­war­te­ten Er­folg des „An­ti-Main­stream-Stücks“führt von Düf­fel auf „ei­ne re­gel­rech­te Sehn­sucht der Zu­schau­er nach In­halt und Sub­stanz“zu­rück. Er sieht hier „ei­ne gro­ße, oft un­er­füll­te Be­reit­schaft nach ei­ner exis­ten­zi­el­len und in­ten­si­ven Form der Aus­ein­an­der­set­zung mit den gro­ßen The­men“.

Die wich­tigs­ten Prot­ago­nis­ten des Films „Ich, Ju­das“von links nach rechts: Nor­man Gör­litz (Ma­na­ger von Ben Be­cker), Wolf­gang Schmidt-Dahl­berg (Film­ver­leih), Schau­spie­ler Ben Be­cker und der Karls­ru­her Re­gis­seur Ser­dar Do­gan. Fo­to: Si­de­kick Pictures

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