Je ol­ler, je dol­ler

100 Jah­re – 29. Ok­to­ber 1917 gilt als „Ge­burts­tag“des mo­der­nen Hand­balls

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Reise & Urlaure - Pe­ter Tre­bing

Ei­ne ty­pisch deut­sche Sport­art? Rhön­rad­t­ur­nen viel­leicht? Klar, das passt. Auch weil es nach wie vor zu den doch eher exo­ti­schen Mög­lich­kei­ten ge­hört, den mensch­li­chen Kör­per zu trai­nie­ren. Oder Sport­ke­geln. Und nicht zu ver­ges­sen: Handball, die zwei­fel­los po­pu­lärs­te Sport­art mit deut­schen Wur­zeln, die in die­sem Jahr ihr 100-jäh­ri­ges Be­ste­hen fei­ert. Da­mals noch als rei­ner Frau­en­sport kon­zi­piert, wird Handball heu­te in den meis­ten Län­dern der Er­de ge­spielt – von Frau­en und Män­nern. Im Welt­ver­band IHF sind heu­te mehr als 200 na­tio­na­le Ver­bän­de or­ga­ni­siert. Selbst in Grön­land, Sa­moa oder Ne­pal wird die­ser Sport aus­ge­übt. Mit Ab­stand größ­ter na­tio­na­ler Ver­band ist der Deut­sche Hand­ball­Bund (DHB), in dem rund 4 400 Ver­ei­ne und knapp 770 000 Mit­glie­der ver­tre­ten sind.

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Doch zu­rück zum „Er­fin­der“des mo­der­nen Hand­balls – dem Ber­li­ner Ober­turn­wart Max Hei­ser. Sei­ne am 29. Ok­to­ber 1917 ver­öf­fent­lich­ten Re­geln do­ku­men­tier­ten den of­fi­zi­el­len An­fang ei­nes Sports, den es in ähn­li­chen For­men ei­gent­lich schon lan­ge vor­her ge­ge­ben hat­te. Doch Hei­ser und kurz da­nach auch der Ber­li­ner Turn­leh­rer Carl Cle­menz leg­ten mit ih­ren Re­geln die Ba­sis für den mo­der­nen Handball, der zu­nächst aus­schließ­lich im Frei­en prak­ti­ziert wur­de. Rich­tig po­pu­lär aber war die­ser Sport zu­nächst nicht. Und nur 1936, auf in­ten­si­ves Drän­gen des NS-Re­gimes hin, wur­de Feld­hand­ball ins Pro­gramm der olym­pi­schen Som­mer­spie­le in Berlin auf­ge­nom­men. Sie­ger des Fi­na­les vor 100 000 Zu­schau­ern im Olym­pia­sta­di­on ge­gen Ös­ter­reich war Aus­rich­ter Deutsch­land. Nach dem Zwei­ten Welt­krieg ver­schwand Handball bis 1972 aus dem Re­per­toire olym­pi­scher Sport­ar­ten. Das „Come­back“ge­lang als Hal­len­sport, zu­nächst bei den Män­nern, ab 1976 auch bei den Frau­en. Der Feld­hand­ball ver­lor völ­lig an Be­deu­tung, im Jahr 1975 wur­den die letz­ten of­fi­zi­el­le Meis­ter­schaf­ten aus­ge­tra­gen. Dass Deutsch­land ei­nen gro­ßen An­teil an der Ent­wick­lung des Hand­balls hat, ist un­be­strit­ten. Doch dies hat­te in den ver­gan­ge­nen 100 Jah­ren nur sel­ten ei­ne ad­äqua­te sport­li­che Do­mi­nanz zur Fol­ge. Bei den Frau­en reich­te es bei­spiels­wei­se nie zu ei­nem Olym­pia­sieg. Hier liegt Dä­ne­mark mit drei Gold­me­dail­len in Füh­rung. Et­was an­ders sieht es bei den Män­nern aus. 1936 gab es Gold in der da­mals noch prak­ti­zier­ten Feld­hand­ball-Va­ri­an­te, 1980 wur­de die da­ma­li­ge DDR Olym­pia­sie­ger in Mos­kau. Bes­ser sieht die Bi­lanz aus na­tio­na­ler Sicht bei den WMTi­teln aus. Hier ist zwar Frank­reich mit sechs Welt­meis­ter­schaf­ten klar vor­ne, vor Schwe­den und Ru­mä­ni­en (je­weils vier Tri­um­phe), doch dann folgt Deutsch­land mit drei Ti­teln (1938, 1978 und 2007). Und zwar bei den Män­nern. Bei den Frau­en liegt Deutsch­land (Bun­des­re­pu­blik und DDR) da­ge­gen auf Rang zwei (vier WM-Ti­tel) hin­ter Russ­land/ UdSSR (7). Wie dy­na­misch der har­te und span­nen­de Sport auch dank et­li­cher Re­gel­mo­di­fi­zie­run­gen und ef­fek­ti­ver Pro­fes­sio­na­li­sie­rung ge­wor­den ist, lässt sich üb­ri­gens wun­der­bar an zwei wich­ti­gen Spie­len be­le­gen. Das WM-Fi­na­le 1970 zwi­schen Ru­mä­ni­en und der DDR en­de­te nach zwei Ver­län­ge­run­gen (!) mit 13:12. Im letz­ten WM-Fi­na­le im Jahr 2017 zwi­schen Frank­reich und Nor­we­gen (33:26) fie­len oh­ne Ver­län­ge­rung mehr als dop­pelt so vie­le To­re. Je ol­ler, je dol­ler, könn­te man da mit Blick auf die hun­dert­jäh­ri­ge Ge­schich­te des Hand­balls for­mu­lie­ren.

Das „Win­ter­mär­chen“von 2007 – Bun­des­trai­ner Hei­ner Brand, sein Ko­trai­ner Mar­tin Heu­ber­ger, Micha­el Kraus, Hen­ning Fritz und Markus Baur fei­ern die Welt­meis­ter­schaft im ei­ge­nen Land. Das Fi­na­le in Köln am 4. Fe­bru­ar ge­wann die DHB-Aus­wahl mit 29:24 ge­gen Po­len. Fo­to: ima­go

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