Das Wort zum Sonn­tag

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Die Region -

Heu­te schon in den Spie­gel ge­schaut? Wenn ja – wie be­geg­ne­ten Sie sich im Spie­gel? Grüß­ten Sie am Mor­gen den zer­knit­ter­ten Un­be­kann­ten, der Ih­nen ent­ge­gen­blin­zel­te, oder die Un­be­kann­te? Zwin­ker­ten Sie sich auf­mun­ternd zu? „Passt schon.“Oder „Gut siehst Du aus.“Oder: „Auf geht’s“. Viel­leicht ging es ja auch eher tech­nisch zu und Sie ach­te­ten auf Ra­sur oder Ma­ke-up? Pau­lus er­zählt noch von ei­ner ganz an­de­ren Wei­se, in den Spie­gel zu se­hen. Er schreibt: „Wo der Geist des Herrn ist, da ist Frei­heit. Wir se­hen al­le mit un­ver­hüll­tem Ge­sicht die Herr­lich­keit des Herrn wie in ei­nem Spie­gel. Und wir wer­den ver­klärt in sein Bild von ei­ner Herr­lich­keit zur an­dern von dem Herrn, der der Geist ist.“(2. Korin­ther 3,17f). Ich stel­le mir vor, wie ich in den Spie­gel se­he, und dort ver­schwim­men zwei Bil­der in­ein­an­der: Mei­nes. Und ein an­de­res Bild. Herr­lich ist dies an­de­re Bild. Herr­lich of­fen und frei. Bin ich das auch, wenn doch die Bil­der in­ein­an­der­flie­ßen? Dann sä­he ich dort nicht nur den, den ich schon ken­ne, son­dern den, den ich noch nicht ken­ne. Ich sä­he die Frei­räu­me, die Gott im mir sieht. Frei­räu­me von den Zwän­gen mei­nes Le­bens. Frei­räu­me, mich neu zu ent­wer­fen. „Wo der Geist Got­tes ist, da ist Frei­heit.“Zwei Bil­der ver­schwim­men in ei­nes. Mein Spie­gel­bild und das Bild der Frei­heit. Wenn ich mor­gen in den Spie­gel se­he, dann will ich an die­ses an­de­re Spie­gel­bild den­ken. Dann wer­de ich an­ders auf­bre­chen in den Tag – mit mir selbst, zu mir selbst und zu den Men­schen. Viel­leicht soll­te ich dann ei­nen Stift neh­men und das auf mei­nen Spie­gel schrei­ben: „Gott sieht das Herz an: Frei­heit.“

von Pfar­rer Wal­ter Bo­ës, evan­ge­li­sche Lu­kas­ge­mein­de Karlsruhe

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