Punkt, Punkt, Kom­ma, Strich

„Pa­per­worlds“: Der Me Collec­tors Room zeigt ver­blüf­fen­de Kin­der­zeich­nun­gen be­kann­ter Künst­ler

Der Tagesspiegel - - KUL­TUR - Von Chris­tia­ne Meix­ner

Na­tür­lich zieht man so­fort sei­ne Schlüs­se. Et­wa vor der Sci­ence-Fic­tionSze­ne­rie des klei­nen Micha­el Kun­ze mit Mars­männ­lein und ei­ner fu­tu­ris­ti­schen Ma­schi­nen­ar­chi­tek­tur aus dem Jahr 1972. Hat das nicht mit den Mo­ti­ven des längst er­wach­se­nen Künst­lers zu tun? Oder die ak­ku­ra­te Strand­an­sicht, die Nor­bert Bis­ky als 14-Jäh­ri­ger auf Hid­den­see zu Pa­pier brach­te. Ein rot lo­dern­der Son­nen­un­ter­gang, der sich im Meer spie­gelt. Das wirkt, je nach Stim­mungs­la­ge, ent­we­der un­ge­heu­er kit­schig oder to­xisch auf den Be­trach­ter.

Mit der pas­sen­den Per­so­na­ge könn­te dies auch der Hin­ter­grund für ei­nes sei­ner ak­tu­el­len Ge­mäl­de sein, auf de­nen sich Her­an­wach­sen­de ge­gen­sei­tig pei­ni­gen. Es sind Bil­der prominenter Schöp­fer, wenn auch äl­te­ren Da­tums. Blen­det man bei den knapp 60 Blät­tern vol­ler Ro­bo­ter, Mär­chen­ge­stal­ten und sur­rea­ler Köp­fe die Na­men al­ler­dings aus, dann sind es ein­fach – Kin­der­zeich­nun­gen.

Die Aus­stel­lung „Pa­per­worlds“ist ein chan­gie­ren­des Pro­jekt. Mit Ab­sicht, denn es tas­tet sich zu­rück zu den krea­ti­ven Wur­zeln von John Bock, Ro­bert Elf­gen, Lau­ra Bru­ce, Via Le­wan­dow­sky oder An­dy Ho­pe. Aus heu­ti­ger Sicht fällt es leicht, das Po­ten­zi­al in ei­nem frü­hen Strich­männ­chen oder je­nem Fern­seh­turm zu se­hen, den Olaf Holz­ap­fel als Erst­kläss­ler wie ei­nen über­gro­ßen Pilz mit Fahr­bahn-Mar­kie­rung ge­stal­tet hat. Schließ­lich weiß der ge­üb­te Be­trach­ter, was aus den klei­nen Künst­lern ge­wor­den ist. Da­mals aber hät­te man in teils un­ge­len­ken, dann wie­der er­staun­lich aus­ge­reif­ten Zeich­nun­gen kaum mehr ge­se­hen als ein ge­lun­ge­nes Zu­falls­pro­dukt. Und viel­leicht war die eins­ti­ge Leh­re­rin von Uwe Hen­ne­ken so­gar alar­miert, weil sei­nem lä­cheln­den Filz­stift­mäd­chen Bäu­me und Bü­sche aus den Ohren wach­sen: Das hat ja gar nichts mit der Wirk­lich­keit zu tun ...!

Un­bän­di­ge Fan­ta­sie spricht aus al­len Blät­tern, die Val­e­s­ka Ha­ge­ney und Syl­via Volz für ih­re Aus­stel­lung im Ber­li­ner Me Collec­tors Room zu­sam­men­ge­tra­gen ha­ben. Da­für klopf­ten die Ku­ra­to­rin­nen bei 19 Künst­lern an und be­ka­men über­wie­gend Se­hens­wer­tes aus­ge­hän­digt. Frü­he Por­träts von Ye­hu­dit Saspor­tas, de­ren Duk­tus so si­cher wirkt, als hät­te sie be­reits ein gan­zes Zei­chen­stu­di­um hin­ter sich. Ei­nen atem­be­rau­ben­den Kopf, den Ro­se­ma­rie Tro­ckel mit drei Jah­ren tusch­te. Ei­ne Fort­set­zungs­ge­schich­te von Ram­bo: Tin­ten­blaue Bil­der und Tex­te, in de­nen sich Ralf Zier­vo­gels Em­pa­thie für klein­tei­li­ge Mo­ti­ve an­kün­digt.

Es gibt Was­ser­far­ben­pa­ra­die­se von Kat­ja Strunz, die na­he­le­gen, dass sie als Kind ne­ben ei­ner Ga­le­rie für Nai­ve Kunst ge­wohnt hat. In ih­nen zeich­net sich das vol­le kind­li­che Ver­trau­en in die Idyl­le ab. Gleich­zei­tig sind die Mo­ti­ve so sau­ber und kan­tig von­ein­an­der ab­ge­zir­kelt, wie Strunz bis heu­te ih­re kon­struk­ti­ven Skulp­tu­ren ge­stal­tet. Es gibt To­ten­schä­del, den ewi­gen Wie­der­keh­rer Darth Va­der, der die Jungs je­der neu­en Ge­ne­ra­ti­on in den Bann düs­te­rer Ster­nen­mäch­te zu zie­hen ver­mag, und Dra­chen wie aus dem Kas­perl­thea­ter. Es tau­chen aber auch Mo­ti­ve auf, in de­nen cha­rak­te­ris­ti­sche Mo­men­te der So­zia­li­sa­ti­on sicht­bar wer­den. Wenn et­wa Bis­ky ei­nen gi­gan­ti­schen För­der­bag­ger zeich­net, der sich durch die Er­de frisst. Oder ei­ne Mi­li­tär­pa­ra­de, die er als Sie­ben­jäh­ri­ger in der DDR ge­se­hen hat.

Val­e­s­ka Ha­ge­ney und Syl­via Volz ha­ben die Ex­po­na­te nach The­men wie „Por­trät und Selbst­por­trät“, „Stadt Land Fluss“oder „Krieg und Frie­den“sor­tiert. Manch­mal schie­ßen die bei­den Ku­ra­to­rin­nen bei der In­ter­pre­ta­ti­on al­ler­dings über das Ziel hin­aus. Wie im Fall von Tal R, der 1967 in Is­ra­el ge­bo­ren wur­de. Der Text zur Aus­stel­lung legt na­he, dass die Schie­ße­rei­en auf ei­nem sei­ner Blät­ter das Er­geb­nis ei­ge­ner Er­fah­run­gen sei­en. Tat­säch­lich ha­ben auch an­de­re El­tern jen­seits of­fi­zi­el­ler Kri­sen­schau­plät­ze die Schub­la­den vol­ler Zeich­nun­gen, auf de­nen Krieg herrscht, und sich des­halb ban­ge ge­fragt, was in der Er­zie­hung ih­rer Söh­ne falsch ge­lau­fen sein könn­te.

Un­ab­hän­gig vom Ta­lent der Künst­ler bil­det sich auf ih­ren Zeich­nun­gen die­sel­be Welt ab, die auch die Er­wach­se­nen se­hen. Nur an­ders. Der Fil­ter des kind­li­chen Blicks er­mög­licht es dem Be­su­cher, noch ein­mal hin­ter die ei­ge­ne, in Nüch­tern­heit er­starr­te Per­spek­ti­ve zu tre­ten und sich ein Stück von ih­rer schlau­en, nai­ven, skur­ri­len In­ter­pre­ta­tio­nen der Rea­li­tät ver­zau­bern zu las­sen.

Auch dar­an er­in­nert die Aus­stel­lung: Im frü­hen 19. Jahr­hun­dert galt Kin­der­zeich­nun­gen schon ein­mal er­höh­te Auf­merk­sam­keit. Da­mals ma­ni­fes­tier­te sich ein ech­tes In­ter­es­se an der Krea­ti­vi­tät des Nach­wuch­ses, Künst­ler und Aus­stel­lungs­ma­cher wa­ren fas­zi­niert von die­sem un­ver­stell­ten Im­puls. So passt die Aus­stel­lung zur Wun­der­kam­mer des Samm­lers Tho­mas Ol­bricht, die man nach dem Rund­gang durch „Pa­per­worlds“im Me Collec­tors Room au­to­ma­tisch be­tritt. — Me Collec­tors Room, Au­gust­str. 68, bis 6.4., Di–So 12–18 Uhr

Fo­to: VG Bild-Kunst

Früh­ver­su­che. Zeich­nung des zwölf­jäh­ri­gen Ralf Zier­vo­gel, 1987.

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