Der Dok­tor und das lie­be Mo­tor­rad

Im Al­ter von 36 Jah­ren ist Va­len­ti­no Ros­si auf dem Weg zum zehn­ten WM-Ti­tel – da­bei schien sei­ne gro­ße Zeit in der Mo­toGP schon seit 2010 vor­bei zu sein

Der Tagesspiegel - - SPORT -

Va­len­ti­no Ros­si knie­te vor dem Po­di­um nie­der, be­vor er mit ei­nem Satz auf sei­ne Po­si­ti­on in der Mit­te sprang. Da­bei trug er das ar­gen­ti­ni­sche Na­tio­nal­tri­kot mit der Num­mer zehn und dem Na­men von Volks­held Die­go Ma­ra­do­na über sei­nem Mo­tor­ra­do­ver­all. Die­se Ges­te brach­te nicht nur die hei­mi­schen Fans zum To­ben. Der aus­ge­fal­le­ne Ju­bel nach dem zwei­ten Sieg im drit­ten Ren­nen der Mo­tor­rad-Welt­meis­ter­schaft war zu­gleich ein Si­gnal an die Kon­kur­renz: der Alt­meis­ter hat Spaß und Speed wie­der­ge­fun­den. Er er­lebt sei­nen drit­ten Früh­ling und peilt den ins­ge­samt zehn­ten Welt­meis­ter­ti­tel sei­ner Kar­rie­re an.

Durch sei­nen ins­ge­samt 110. Grand-Prix-Er­folg ka­ta­pul­tier­te sich der mitt­ler­wei­le 36 Jah­re al­te Ros­si vor dem vier­ten Ren­nen in Je­rez in zwei Wo­chen an die Spit­ze der Ge­samt­wer­tung der Mo­toGP. Die Art und Wei­se des Tri­umphs er­in­ner­te an die Zeit, als Ros­si die pro­mi­nen­tes­te Klas­se im Mo­tor­rad­sport zwi­schen 2001 und 2009 mit sie­ben Ti­teln so do­mi­nier­te, wie Micha­el Schu­ma­cher einst die For­mel 1.

Mit­un­ter ließ Ros­si sei­ne Geg­ner da­mals so­gar ein Stück weit vor­fah­ren, um dann ei­ne Ver­fol­gungs­jagd zu star­ten, die ihm al­les ab­ver­lang­te. Aus die­ser Zeit stammt sein Spitz­na­me „Il Dot­to­re – der Dok­tor“– er se­zier­te den Rück­stand zu sei­nen Kon­tra­hen­ten, Run­de für Run­de, Zehn­tel für Zehn­tel, um sich in der letz­ten Run­de den Sieg zu grei­fen.

Auf der Renn­stre­cke Ter­mas Rio Hon­do in Ar­gen­ti­ni­en schnapp­te sich Ros­si WM-Fa­vo­rit und Ti­tel­ver­tei­di­ger Marc Mar­quez in ähn­li­cher Ma­nier, holte fünf Se­kun­den in nur 13 Run­den auf. Dann über­hol­te der äl­tes­te Fah­rer im Feld den 22 Jah­re al­ten Mar­quez und trieb den Spa­nier in ei­nen Feh­ler. Mar­quez’ Sie­geshoff­nun­gen en­de­ten nach ei­ner Be­rüh- rung mit dem Heck von Ros­sis Ya­ma­ha im Kies. „Scha­de, dass es so aus­ge­gan­gen ist. Ich hät­te ihn ger­ne oh­ne Sturz be­siegt“, sag­te Ros­si hin­ter­her mit ei­nem Lä­cheln. Mar­quez schäm­te sich fast: „Er ist und bleibt mein Idol, ich kann noch so viel von ihm ler­nen. Es ist ei­ne Schan­de, was pas­siert ist.“

Mit der spek­ta­ku­lä­ren Nie­der­la­ge reih­te sich Mar­quez in ei­ne Rei­he gro­ßer Na­men ein, die an Ros­si in den ver­gan­ge­nen 16 Jah­ren ver­zwei­fel­ten: Ca­sey Sto­ner, Se­te Gi­ber­n­aud oder Max Biaggi. Ros­si war und ist die Kon­stan­te der Mo­toGP, der Star für den Renn­zir­kus, der im Ju­li auch wie­der auf dem Sach­sen­ring ein- kehrt und mehr als hun­dert­tau­send Be­su­cher an­lo­cken wird.

Ros­sis er­neu­ter Auf­schwung deu­te­te sich be­reits im ver­gan­ge­nen Jahr an: Zwei Sie­ge und 13 Po­dest­plat­zie­run­gen bei 18 Starts brach­ten 295 WM-Punk­te und die Vi­ze-Welt­meis­ter­schaft. „Er ar­bei­tet mehr – so­wohl kör­per­lich als auch in der Box mit den Tech­ni­kern und ver­bringt vie­le St­un­den da­mit, sein Mo­tor­rad und die Ab­stim­mung zu per­fek­tio­nie­ren“, sagt Team­kol­le­ge Jor­ge Lo­ren­zo.

Da­bei schien Ros­si nach sei­nem vor­erst letz­ten Ti­tel 2009 auf dem Weg nach un­ten. 2010 ver­letz­te er sich erst­mals bei ei­nem Sturz schwer und kam nicht mehr in Form. Es folg­te der Wech­sel von Ya­ma­ha zu Du­ca­ti, 2012 en­de­te die­se Trau­me­he al­ler ita­lie­ni­schen Mo­tor­sport­fans nach zwei sieg­lo­sen Jah­ren und er kehr­te 2013 zu­rück zu Ya­ma­ha.

Gleich­zei­tig fei­er­te Mar­quez sein De­büt in der Mo­toGP und galt mit sei­nem ag­gres­si­ven Fahr­stil und der ex­trems­ten Schräg­la­ge in den Kur­ven schnell als neu­er Su­per­star, als neu­er Ros­si und als Ge­sicht des Sze­ne. Ein Wen­de­punkt für Ros­si, der seit 20 Jah­ren um WM-Punk­te fährt. „Ich ha­be in den ver­gan­ge­nen zwei Jah­ren noch här­ter an mei­nem Fahr­stil ge­ar­bei­tet, mir auch Sa­chen von Jungs wie Mar­quez ab­ge­schaut“, sagt Ros­si. En­de 2013 trenn­te er sich so­gar von sei­nem lang­jäh­ri­gen Chef­tech­ni­ker Je­re­my Bur­gess. „Ich möch­te ein­fach ei­nen neu­en Im­puls be­kom­men“, sag­te Ros­si zu die­ser er­staun­li­chen Maß­nah­me. Die vie­len Um­stel­lun­gen schei­nen sich nun aus­zu­zah­len. „Wenn du al­le Ti­tel ge­won­nen hast, fährst du nur noch für den Spaß“, hat Va­len­ti­no Ros­si vor Jah­ren ein­mal dem ita­lie­ni­schen Fern­seh­sen­der „Rai“gesagt. Wie es scheint, hat er ihn nun end­lich wie­der­ge­fun­den. Zum Leid der Kon­kur­renz.

Foto: AFP/Ma­b­ro­ma­ta

Es geht wie­der nach oben. Ge­samt­wer­tung an.

Ros­si führt die

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