Mehr Tschicks

Kirs­ten Fuchs und ihr Ro­man „Mäd­chen­meu­te“

Der Tagesspiegel - - LITERATUR -

Sie­ben Mäd­chen klau­en sechs Hun­de und su­chen ei­nen Stol­len im Erz­ge­bir­ge: Mit die­sem Satz lie­ße sich Kirs­ten Fuchs’ Ro­man „Mäd­chen­meu­te“pro­blem­los be­schrei­ben – oh­ne ihm nur an­nä­hernd ge­recht zu wer­den. Denn der La­ger­feu­er­ge­ruch des Ro­mans fehlt dar­in, sei­ne le­bens­klu­ge Be­knackt­heit. Fuchs er­zählt ei­ne Aben­teu­er­ge­schich­te. Ih­re Hel­din Char­lot­te ent­kommt mit an­de­ren Te­enagern ei­nem zwie­lich­ti­gen Fe­ri­en­camp. Fort­an steht Frei­heit in der Na­tur ge­gen Ge­bor­gen­heit in der Zi­vi­li­sa­ti­on, geht es durch Wäl­der und um Freund­schaft.

Der Stol­len im Erz­ge­bir­ge ist für eins der Mäd­chen ein kind­li­cher Sehn­suchts­ort – und die Hun­de hat ein Tier­fän­ger ka­ser­niert, des­halb müs­sen sie be­freit wer­den. Be­son­ders wich­tig ist das nicht – im Ge­gen­satz zur Spra­che. Wäh­rend es nicht al­le Tie­re bis auf die letz­te Sei­te schaf­fen, hält Fuchs den Ton von der ers­ten an durch, mit er­le­sen schnodd­ri­gen Sät­zen: „Die Stil­le zwi­schen uns war ge­wal­tig wie zwei Stil­len“. Oder: „Es war ge­mein, dass ich das dach­te, aber was soll man­ge­genGe­dan­ken ma­chen? Die sind schnell.“

Char­lot­te klingt na­iv. Sie weiß, dass sie kaum et­was weiß, vom Lie­ben, gar vom Lei­den. Aber wirk­lich na­iv ist nichts an ih­rem Bericht. Viel­mehr steht dort Wahr­heit in sel­te­ner Klar­heit – nicht nur über Mäd­chen und Hun­de. Char­lot­te er­in­nert an Ma­ik aus Wolf­gang Herrn­dorfs „Tschick“, und wenn Fuchs ein­mal Un­sinn schreibt, dann der­art leuch­ten­den, dass die Wirk­lich­keit nur fahl er­scheint. Ne­ben­bei er­wach­sen die­ser Dik­ti­on die glaub­wür­digs­ten Ju­gend­li­chen der jüngs­ter Ge­gen­warts­li­te­ra­tur: Die Back­fi­sche sind we­der irr­sin­nig klug noch irr­sin­nig stumpf, kei­ne Me­di­en­op­fer, nicht zer­fres­sen von Ori­en­tie­rungs­lo­sig­keit, ha­ben aber auch kei­nen Plan. Glaub­wür­di­ge Te­enager eben. Un­si­cher, vor­laut, wun­der­voll.

Was macht es da, dass sich der Ro­man ge­gen En­de noch an ei­nem Kri­mi­plot ver­hebt? Ge­schenkt auch, dass die Auf­ma­chung „Ju­gend­buch!“schreit und „Män­ner? Fin­ger weg!“. Auch die DDR-His­to­rie bleibt ein Fremd­kör­per an­ge­sichts des be­glü­ckend lan­gen Mit­tel­teils. Doch noch schlecht­ge­laun­tes­te Kri­ti­ker er­freu­en sich an der Dich­te er­fri­schen­der Pas­sa­gen. Mal ge­lingt der Er­zäh­le­rin ei­ne le­sens­wert rot­zi­ge Cha­rak­te­ri­sie­rung des In­ter­nets, mal ein ent­waff­nen­des Fe­mi­nis­mus-Plä­doy­er. Und wie sie das Frech­heit-Ehr­furcht-Ge­misch ei­ner han­dels­üb­li­chen Pu­ber­tät auf we­ni­gen Zei­len fasst! „Ich hat­te im­mer ge­dacht, so ein Wald wä­re zum An­se­hen. Man setz­te sich da­vor oder im Fal­le des Wal­des mit­ten hin­ein, und dann in­dia­ner­te man ein paar Weis­hei­ten vor sich hin. Der Kreis­lauf. Die Tie­re. Die Stil­le. Der Frie­den.“

Ein Fre­vel, dass der U-Vir­tuo­sin Fuchs E-li­te­ra­ri­sche Eh­ren ver­wehrt blei­ben. Die Kri­tik fei­ert ih­re Wer­ke, doch in den Ju­rys haf­tet der ge­lun­ge­nen Po­in­te im­mer noch Pop­cor­naro­ma an. Wird Zeit, dass sich das än­dert!

Glaub­haf­te Te­enager gibt es hier: un­si­cher, vor­laut, wun­der­voll

— Ro­man. Ro­wohlt Ver­lag, Rein­bek 2015. 464 Sei­ten, 19, 99 €.

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