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„Lie­be und Ly­rik sind zweck­frei“: Künst­ler­bü­cher von Gal­li im Haus am Lüt­zow­platz

Der Tagesspiegel - - BERLIN KULTUR -

Der schwar­ze To­ten­kopf ver­wan­delt sich in ei­nen Ap­fel. Der Ap­fel wird zur Frau, die Frau zur Blü­te. Aus der Blü­te ent­steigt ein Stier, dar­aus ent­steht ein Schoß mit Brüs­ten, schließ­lich zwei Lie­ben­de. Mit je­dem Um­blät­tern neh­men die Ab­bil­dun­gen in den Künst­ler­bü­chern von Gal­li neue Gestalt an. In der Ver­wand­lung über­win­den sie den Tod.

Die Künst­le­rin hat die Sei­ten ent­lang der Sil­hou­et­ten be­schnit­ten, so­dass ein Pop-up Ef­fekt ent­steht. Wie im Dau­men­ki­no be­we­gen und ver­än­dern sich die Fi­gu­ren. Die dicht ge­füll­ten Hef­te wir­ken per­sön­lich wie Ta­ge­bü­cher. Aber die Zeich­nun­gen sind kraft­voll ge­nug, um dem Blick der Öf­fent­lich­keit stand­zu­hal­ten.

Mit der Aus­stel­lung: „Lie­be und Ly­rik sind zweck­frei“prä­sen­tiert das Haus am Lüt­zow­platz ei­nen Schatz. Gal­li, mit bür­ger­li­chem Na­men An­na-Ga­b­rie­le Mül­ler, stammt zwar ei­gent­lich aus dem Saar­land, kam aber schon 1969 mit 25 Jah­ren nach Berlin, um Ma­le­rei an der Hoch­schu­le der Küns­te bei Mar­tin En­gel­mann zu stu­die­ren. Seit­her ge­hört sie zur Kunst­sze­ne der Stadt. Be­reits An­fang der 80er wur­de Eber­hard Ro­ters, da­mals Di­rek­tor der Ber­li­ni­schen Ga­le­rie, auf sie auf­merk­sam. Ih­re hef­ti­ge, leb­haf­te Ma­le­rei ist mit den Jun­gen Wil­den ver­wandt. Aber die ve­he­men­te Kör­per­lich­keit der Bil­der ent­stammt auch der Er­fah­rung der klein­wüch­si­gen Künst­le­rin, Be­gren­zun­gen über­win­den zu müs­sen. Jetzt ge­wäh­ren die Künst­ler­bü­cher ei­nen neu­en Blick auf das Werk, ei­ne fi­li­gra­ne Er­gän­zung, die Kraft und Fein­heit ver­bin­det.

Ge­witzt prä­sen­tiert die Aus­stel­lung die Bü­cher in kur­zen Vi­de­os, für die Gal­li Sei­te um Sei­te um­blät­tert. Mal mit der Hand, mal mit de­mZei­ge­stock hebt sie De­tails her­vor. Auf die­se Wei­se ent­wi­ckeln sich per­sön­li­che Ge­schich­ten, span­nend, de­zent und ge­heim­nis­voll. Die Fil­me be­zie­hen die Be­trach­ter in die Met­a­mor­pho­sen ein, je­des Um­blät­tern wird zur neu­en Sze­ne. In Vi­tri­nen lie­gen die Ori­gi­na­le zum Ver­gleich, mit­un­ter so schwer von der Far­be, dass sich das Pa­pier wellt.

Col­la­gen er­gän­zen die de­li­ka­ten Klein­ode. In Zart­heit und Wort­witz sind sie den Bü­chern sehr na­he. Da stürzt ein Frau­en­kör­per kopf­über ins Ate­lier – „Grü­ße von Ba­se Litz“, spot­tet Gal­li im Un­ter­ti­tel. Die Spit­ze ge­gen­über dem Kol­le­gen, der Frau­en die Kraft ab­spricht, gu­te Kunst zu ma­chen, bleibt im Char­me­be­reich.

Die Ma­le­rei da­ge­gen ge­rät au­ßer Kon­trol­le, ist an­ar­chisch und aus­grei­fend. Ein Kör­per, aus Ar­men und Bei­nen wir­belt wie ein Wind­rad durchs Bild. Ro­sa­ro­te Glied­ma­ßen träu­men von Zärt­lich­keit. Man­che Ge­mäl­de ent­ste­hen an ei­nem ein­zi­gen Tag, an­de­re in mo­na­te­lan­gem Ab­wä­gen, Über­ma­len, Weg­neh­men.

Voll­kom­men­heit fin­det die Künst­le­rin ent­setz­lich. Ei­ne Kuh mit Hör­nern „pi­cas­siert“, des­halb müs­sen im nächs­ten Ar­beits­gang die Hör­ner ver­schwin­den – trotz al­ler Be­wun­de­rung für Pi­cas­so. Für das so­ge­nann­te Elch­bild über­malt Gal­li am En­de auch den Elch, nur die Schau­feln blei­ben in Form von zwei Hän­den. In tief dunk­ler Nacht tre­ten schwar­ze Ar­me den blau­en Fin­gern mit ei­nem Mes­ser ent­ge­gen – das Bild wirkt wie ein Alb­traum, in dem sich die Angst vor dem Ver­sie­gen der Krea­ti­vi­tät bün­delt.

In der ra­di­ka­len Sub­jek­ti­vi­tät, in der ver­schmitz­ten Kon­flikt­be­reit­schaft, im frei­mü­ti­gen Aus­druck der Ge­fühls­stür­me ist Gal­lis Werk spür­bar vom geis­ti­gen Kli­ma Ber­lins ge­prägt. Höchs­te Zeit al­so für die­se tem­pe­ra­ment­vol­le Aus­stel­lung. — Haus am Lüt­zow­platz, Lüt­zow­platz 9, Di-So 11-18 Uhr, bis 30.8.

Fo­to: VG Bild-Kunst, Bonn 2015

Farb­satt. Gal­lis Ge­mäl­de „Grü­ße von Lui­se B.“von 2003.

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