Mis­si­on Berlin

Sie sind die Neu­en: Isa­bel Bern­hei­mer er­öff­net ei­ne Agen­tur für jun­ge Künst­ler, Jill Bu­mil­ler hat die größ­te Pri­vat­samm­lung frü­her is­la­mi­scher Ob­jek­te. Ei­ne Be­rei­che­rung für die Sze­ne

Der Tagesspiegel - - KUNST & MARKT - Von Christiane Meix­ner

Kü­chen ste­hen für ge­wöhn­lich im Hin­ter­zim­mer von Ga­le­ri­en. Bei Isa­bel Bern­hei­mer thront ein Pro­to­typ von Dirk Biot­to mit­ten im Aus­stel­lungs­raum. Die Far­be an den Wän­den ih­rer Kunst­agen­tur wirkt so frisch, dass man re­spekt­voll Ab­stand hält, wäh­rend der Ab­sol­vent der Uni­ver­si­tät der Küns­te (UdK) Berlin ge­dul­dig sei­nen ge­stal­te­ri­schen An­satz er­läu­tert. Dass die Groß­mut­ter her­vor­ra­gend ko­che, es aber nicht mehr kön­ne, weil die al­te Da­me von ih­rer Kü­che über­for­dert sei. Dass er des­halb mo­bi­le Ele­men­te ge­baut ha­be, die auf je­des Han­di­cap re­agie­ren.

Da­vor steht, auf grü­nem Roll­ra­sen, ein „SOS Trol­ley“. Biot­to hat ihn nach Ge­sprä­chen mit Ob­dach­lo­sen vor sei­nem Wohn­haus ent­wor­fen – aus­ge­klappt wird der Ha­cken­por­sche zum klei­nen Zelt, in dem man iso­liert von Re­gen und Bo­den­käl­te schla­fen kann.

Biot­tos Ide­en sind Teil der ers­ten Aus­stel­lung, die Isa­bel Bern­hei­mer in ih­ren neu­en Räu­men Bern­hei­mer Con­tem­pora­ry er­öff­net hat. 600 Qua­drat­me­ter, di­rekt am Mon­bi­jou­park, das Bo­de-Mu­se­um in Sicht­wei­te – da muss es schon kra­chen, da­mit sich ei­ne Ga­le­rie hal­ten kann. Auch fi­nan­zi­ell. Doch das tut es (noch) nicht. Statt gro­ßer Na­men prä­sen­tiert die Mitt­drei­ßi­ge­rin acht jun­ge Künst­ler, die längst nicht eta­bliert sind: ne­ben Dirk Biot­to auch Jo­han­nes Buss, Jan Kuck, Mi­la­na Schöl­ler, Vic­tor Al­a­luf so­wie ei­ni­ge Gast­künst­ler. „Who ca­res?“heißt die Schau zum Auf­takt. Ein mehr­deu­ti­ger Ti­tel, der das so­zia­le En­ga­ge­ment ih­rer künst­le­ri­schen Po­si­tio­nen eben­so streift wie das ei­ge­ne Selbst­be­wusst­sein. Denn auch Isa­bel Bern­hei­mer küm­mert sich we­nig um das, was man von ihr er­war­ten wür­de.

Für den Spross der be­rühm­ten Münch­ner Kunst­händ­ler-Dy­nas­tie Bern­hei­mer lä­gen An­ti­qui­tä­ten und al­te Meis­ter na­he. Das Wis­sen bringt sie mit, hat ih­ren Blick früh ge­schult. Da­zu Er­fah­run­gen in Ga­le­ri­en wie den De­pen­dan­cen von Hau­ser & Wirth ge­sam­melt. Den­noch lässt sich Isa­bel Bern­hei­mer we­der auf das Ge­schäft mit Klas­si­kern, noch auf das klas­si­sche Mo­dell der Pro­gramm­ga­le­rie ein: „Wir sind ei­ne Agen­tur, wir ver­mit­teln un­se­re

Isa­bel Bern­hei­mer pocht auf ih­ren Sta­tus als Agen­tur

Künst­ler.“Wor­un­ter sie „mehr“ver­steht als die tra­di­tio­nel­len Auf­ga­ben: „Der Whi­te Cu­be ist heu­te ei­ne Op­ti­on von vie­len. Künst­ler ar­bei­ten mul­ti­me­di­al, an wech­seln­den Schau­plät­zen und mit un­ter­schied­li­chen Part­nern.“Da­für sei sie da, als Ma­na­ge­rin, Mo­de­ra­to­rin, Pro­du­zen­tin. Für die Ent­wick­lung di­ver­ser For­ma­te, die sie mit un­kon­ven­tio­nel­len An­sät­zen ver­wirk­li­chen will. Als Agen­tin ha­be sie zu­dem die Frei­heit, sich nicht an über­kom­me­ne Pro­fi­le zu hal­ten: „Ei­gent­lich kann ich ma­chen, was ich will.“

Ei­nen weit­rei­chen­den Ent­schluss hat auch Jill Bu­mil­ler ge­fasst. Von Bam­berg und Kreuz­berg sind es zwar bloß ein paar hun­dert Ki­lo­me­ter. Die ei­gent­li­che Dis­tanz aber ist doch grö­ßer, als ein ICE in gut vier St­un­den be­wäl­ti­gen kann.

In Bam­berg, die­sem his­to­ri­schen Klein­od, ist die Samm­lung ih­rer Fa­mi­lie Teil des Uni­ver­si­täts­mu­se­ums für Is­la­mi­sche Kunst. Hier wur­de Deutsch­lands ers­te Pro­fes­sur für Is­la­mi­sche Kunst­ge­schich­te und Archäo­lo­gie ein­ge­rich­tet, hier fühl­te sich Man­fred Bu­mil­ler mit sei­ner welt­weit größ­ten Samm­lung früh­is­la­mi­scher Me­tall­ob­jek­te stets gut auf­ge­ho­ben. Über 6000 Ob­jek­te, dar­un­ter Glas und Ke­ra­mik, la­gern in ei­nem ba­ro­cken Ge­bäu­de der Alt­stadt. Die Samm­lung er­laubt Stu­di­en, wird wis­sen­schaft­lich er­schlos­sen und ist zu fes­ten Zei­ten auch öf­fent­lich zu­gäng­lich. Den­noch ist sie vor al­lem für die von In­ter­es­se, die be­reits ei­nen in­halt­li­chen Zu­gang ha­ben.

Was Jill Bu­mil­ler, die Toch­ter des Samm­lers, nun in der Naun­yn­stra­ße an­bie­tet, ist so ziem­lich das Ge­gen­teil. Die ge­sam­te Eta­ge ei­ner ehe­ma­li­gen Fa­b­rik – strah­lend weiß ge­malt, mit fünf Säu­len aus­ge­stat­tet und we­ni­gen glä­ser­nen Vi­tri­nen ef­fekt­voll in Sze­ne ge­setzt. Die Ob­jek­te las­sen ei­nen stau­nen. Dass die­se Bron­ze­kunst au­ßer­ge­wöhn­lich ist, sieht man auch oh­ne Vor­kennt­nis­se. Ein gro­ßer Kes­sel be­sticht al­lein schon durch sei­ne schie­re Grö­ße. Da­ne­ben aber be­ein­druckt auch ein af­gha­ni­scher, sen­si­bel ab­stra­hier­ter Lö­wen­kopf aus dem 13. Jahr­hun­dert. Eben­so wie ein Fe­der­kas­ten von 1210 n. Chr., in dem man den Stift auf­be­wahr­te, die Tin­te trans­por­tier­te und sie so­gar noch ver­dün­nen konn­te

1981 be­gann Man­fred Bu­mil­ler zu sam­meln. Da­mals vor al­lem, weil sich kaum ei­ner für die is­la­mi­sche Kunst je­ner Epo­che in­ter­es­sier­te. Bron­ze­ge­fä­ße, auf­wen­dig ver­ziert und mit Sil­ber- oder Kup­fer- tau­schie­run­gen aus­ge­stat­te­te Ob­jek­te, da­zu Ke­ra­mik, Glas und St­ein so­wie Kora­ne, Mün­zen und Schmuck. Heu­te sind vie­le der Ex­po­na­te ge­such­te Spit­zen­stü­cke und Teil je­ner Dau­er­aus­stel­lung, die Jill Bu­mil­ler nun stän­dig in Berlin be- treut. Seit­dem, er­zählt sie, ste­he das Te­le­fon nicht mehr still. Ku­ra­to­ren aus der gan­zen Welt kom­men vor­bei und tau­schen sich aus.

Zur Dau­er­aus­stel­lung ge­sellt sich die ers­te wech­seln­de Prä­sen­ta­ti­on über „Zo­di­ac Signs – Is­la­mi­sche Bron­zen in der Bu­mil­ler Collec­tion“. Die Tier­kreis­zei­chen ste­hen für die Be­deu­tung der Astrologie in der früh­is­la­mi­schen Welt, sind aber auch un­ter äs­the­ti­schen Aspek­ten span­nend und wis­sen­schaft­lich wie kul­tur­his­to­risch von Be­deu­tung. Ster­ne und Tier­kreis­zei­chen hat­ten ne­ben ih­rer re­li­giö­sen Be­deu­tung auch ei­ne pro­fa­ne Funk­ti­on: Sie dien­ten den No­ma­den auf ih­ren nächt­li­chen Wan­de­run­gen durch die Wüs­te auch zur Ori­en­tie­rung.

„Wir möch­ten die Kul­tur der früh­is­la­mi­schen Zeit nicht nur er­hal­ten und er­for­schen, son­dern mit un­se­ren Ex­po­na­ten den Men­schen zu­gäng­lich ma­chen“, er­klärt Jill Bu­mil­ler. Ihr Ziel sei ei­ne in­ter­dis­zi­pli­nä­re Platt­form. Bis­lang wa­ren es vor al­lem Ex­per­ten, die sich für die Samm­lung in­ter­es­sie­ren. Künf­tig kann sich Bu­mil­ler auch an­de­re An­sät­ze vor­stel­len. Noch muss man sich an­mel­den, doch schon sind im Ber­li­ner Stu­dio ers­te Work­shops und Ver­an­stal­tun­gen ge­plant. Is­la­mi­sche Kunst, viel­leicht als The­ma für Kreuz­ber­ger Schu­len und Nach­barn. — Bern­hei­mer Con­tem­pora­ry, Mon­bi­jous­tr. 2, Di–Sa 12–19 Uhr, Do 12–22 Uhr. The Bu­mil­ler Collec­tion, Füh­run­gen nach An­mel­dung. Bü­ro: Di/Mi/Do, 11–16 Uhr, tel. un­ter 52 66 62 46

Fo­to: G. Pe­ters

Pl­an­schen in Plas­tik­tü­ten.

Die ers­te Aus­stel­lung in Isa­bel Bern­hei­mers neu­en Räu­men ap­pel­liert an das so­zia­le Ge­wis­sen.

Fo­to: Do­ne Stu­dio Ulf Sau­pe

Aus der Bron­ze­zeit. Jill Bu­mil­ler, Lei­te­rin der Bu­mil­ler Collec­tion,

in ih­ren Kreuz­ber­ger Schau­räu­men.

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