Ärz­te­kam­mer oh­ne Gren­zen

Das Lageso in Moabit wird der La­ge kaum Herr. Me­di­zi­ner for­dern mehr Un­ter­stüt­zung für Flücht­lin­ge

Der Tagesspiegel - - BERLIN - Von Han­nes Hei­ne

Si­cher, al­les soll bes­ser wer­den. So­zi­al­se­na­tor Ma­rio Cza­ja (CDU) will die Zen­tra­le An­lauf­stel­le für Flücht­lin­ge im Lan­des­amt für Ge­sund­heit und So­zia­les (Lageso) in Moabit ent­las­ten – die auch am Di­ens­tag wie­der über­lau­fen war. Kurz­fris­tig woll­te der Se­na­tor, wie be­rich­tet, mehr Per­so­nal nach Moabit schi­cken. Doch bis Di­ens­tag sei we­nig pas­siert, be­kla­gen An­woh­ner, ein­zel­ne Be­am­te und hel­fen­de Ärz­te.

Nun will auch die Ber­li­ner Ärz­te­kam­mer ein­grei­fen. Feh­len­des Per­so­nal bei den Äm­tern und zu we­nig Hei­me für die Flücht­lin­ge führ­ten „zu Ob­dach­lo­sig­keit und feh­len­der me­di­zi­ni­scher Ver­sor­gung der zum Teil schwer trau­ma­ti­sier­ten und kran­ken Flücht­lin­ge“, teil­te die Ärz­te­kam­mer mit. Die hy­gie­ni­schen Be­din­gun­gen für die vor dem Lageso cam­pie­ren­den Flücht­lin­ge sei­en bei­spiel­los: Ei­ne Be­hand­lung ge­mäß der zu­stän­di­gen EU-Auf­nah­me­richt­li­nie, die das Er­ken­nen ei­ner be­son­de­ren Schutz­be­dürf­tig­keit von an­trag­stel­len­den Asyl­be­wer­bern ver­langt, sei un­ter die­sen Be­din­gun­gen nicht an­satz­wei­se mög­lich. Die Kam­mer for­dert, Ärz­te zu ent­sen­den, da­zu ein kon­kre­tes Bud­get für Me­di­ka­men­te so­wie aus­rei­chend Nah­rung und Ge­trän­ke für die Asyl­be­wer­ber. Zu­dem soll­ten mehr Toi­let­ten, Wasch­ge­le­gen­hei­ten und Hy­gie­ne­ar­ti­kel zur Ver­fü­gung ge­stellt wer­den.

Zu­letzt wa­ren rund um „Moabit hilft!“, ei­ner An­woh­ner­initia­ti­ve, ei­ni­ge Ärz­te frei­wil­lig auf dem Ge­län­de tä­tig. Eh­ren­amt­li­che Hel­fer hat­ten der Lageso-Lei­tung in den ver­gan­ge­nen Ta­gen im­mer wie­der „Bü­ro­kra­tis­mus“vor­ge­wor­fen.

Vie­le Me­di­zi­ner, hieß es von der Ärz­te­kam­mer, wä­ren be­reit, „un­bü­ro­kra­tisch die hu­ma­ni­tä­re Not“zu lin­dern. Der Auf­ruf der Stan­des­or­ga­ni­sa­ti­on ist re­le­vant, weil ihr al­le fast 30 000 in Berlin zu­ge­las­se­nen Me­di­zi­ner an­ge­hö­ren müs­sen. Die Ca­ri­tas soll die Ar­bei­ten vor dem Lageso nun ko­or­di­nie­ren. Die Jo­han­ni­ter sind mit Sa­ni­tä­tern und ei­nem Not­arzt vor Ort. Weil je­den Tag aber 1500 Män­ner, Frau­en und Kin­der nach Moabit kom­men, reicht das kaum. Hun­der­te wol­len in Moabit je­den Tag ei­nen Asyl­an­trag stel­len, an­de­re brau­chen ärzt­li­che Be­hand­lung, wie­der an­de­re war­ten auf ei­ne Un­ter­kunft.

Se­na­tor Cza­ja weiß um die Zu­stän­de, auch wenn sich nach dem öf­fent­lich­keits­wirk­sa­men Auf­tritt mit Bür­ger­meis­ter Michael Mül­ler (SPD) ver­gan­ge­ne Wo­che we­nig ge­tan zu ha­ben scheint. Mit­tel­fris­tig, so zu­min­dest der Plan, sol­len Asyl­be­wer­ber ih­re An­trä­ge auch an an­de­ren Or- ten stel­len kön­nen, wo­mit das Na­del­öhr am Lageso ent­las­tet wä­re. Flücht­lin­ge könn­ten dann bei­spiels­wei­se in dem erst kürz­lich von Asyl­be­wer­bern be­zo­ge­nen Ex-Te­le­kom-Haus in Karls­horst oder in den vom Lageso be­leg­ten Häu­sern der Karl-Bon­hoef­fer-Ner­ven­kli­nik in Rei­ni­cken­dorf Erst­an­trä­ge stel­len. An die­sem Mon­tag hat­te das ers­te Mal der neue Kri­sen­stab des Lan­des ge­tagt. Cza­ja sitzt dem Gre­mi­um vor – und hat vom Re­gie­ren­den Bür­ger­meis­ter Mül­ler da­für ei­gens mehr Be­fug­nis­se er­hal­ten.

Für die Ent­schei­dung über Asyl­an­trä­ge ist das Bun­des­amt für Mi­gra­ti­on und Flücht­lin­ge in Nürnberg zu­stän­dig. Auch dort fehlt Per­so­nal. Bun­des­fi­nanz­mi­nis­ter Wolf­gang Schäu­b­le (CDU) hat nun ent­schie­den, Zoll­be­am­te für bis zu sechs Mo­na­te an das Amt ab­zu­ord­nen. Sie sol­len beim Klä­ren der Fäl­le hel­fen. In­zwi­schen wird bun­des­weit mit mehr als 700 000 Flücht­lin­gen in die­sem Jahr ge­rech­net. Im Vor­jahr wur­den rund 203 000 Asyl­an­trä­ge ge­stellt.

Fo­to: Da­vids

Viel zu tun. Auch frei­wil­lig ar­bei­ten­de Ärz­te sind vor dem Lan­des­amt für Ge­sund­heit und So­zia­les (Lageso) in Moabit un­ter­wegs. Die La­ge dort ver­bes­sert sich nur lang­sam.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.