Mer­kel öff­net die Gren­zen

10 000 Flücht­lin­ge auf dem Weg von Un­garn nach Deutsch­land / Po­li­zei durch­sucht Woh­nung von Face­book-Het­zer in Ber­lin

Der Tagesspiegel - - VOR­DER­SEI­TE - Von Rein­hard Frau­scher, Wi­en

Die Zahl der Flücht­lin­ge, die aus Un­garn nach Deutsch­land kom­men, er­reicht ei­nen neu­en Höchst­stand. Am Sams­tag ka­men über die un­ga­risch-ös­ter­rei­chi­sche Gren­ze bei He­gyes­ha­lom/Ni­ckels­dorf an die 10 000 Flücht­lin­ge, so vie­le wie nie seit dem Un­garn-Auf­stand 1956. Der größ­te Teil sind Sy­rer.

Erst nach der Ent­schei­dung von Kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel (CDU), die­se Flücht­lin­ge oh­ne die For­ma­li­en der Schen­gen­und Du­blin-Re­ge­lung in Deutsch­land auf­zu­neh­men, ord­ne­te Ös­ter­reichs Kanz­ler Wer­ner Fay­mann das glei­che Vor­ge­hen an der Gren­ze zu Un­garn an und ließ sie für die Flücht­lin­ge öff­nen. Zu­vor hat­te die un­ga­ri­sche Re­gie­rung an­ge­fragt, ob der sich aus Bu­da­pest Rich­tung Wes­ten be­we­gen­de Zug der Flücht­lin­ge über die Gren­ze ge­las­sen wür­de. Nach der Frei­ga­be setz­te Un­garn Bus­se zum Trans­port dort­hin ein. Vom ös­ter­rei­chi­schen Ni­ckels­dorf fuh­ren die Flücht­lin­ge mit Zü- gen und Bus­sen zu­nächst nach Wi­en und dann über Salz­burg nach Deutsch­land.

Zur ers­ten An­lauf­stel­le wur­de Mün­chen. Bis zum Sams­tag­abend tra­fen dort 6000 Asyl­be­wer­ber ein. 1300 Mi­gran­ten wur­den in Ba­den-Würt­tem­berg er­war­tet. Au­ßer­dem roll­ten Zü­ge vor al­lem nach Frank­furt am Main und ins thü­rin­gi­sche Saal­feld, von wo aus die Men­schen auf an­de­re ost­deut­sche Bun­des­län­der ver­teilt wer­den sol­len.

Die ös­ter­rei­chi­sche Re­gie­rung rech­net da­mit, dass nun täg­lich 3000 Flücht­lin­ge an­kom­men. Wie lan­ge de­ren form­lo­se Ein­rei­se mög­lich sein wird, dar­auf woll­te sich Fay­mann nicht fest­le­gen. Mer­kel und der un­ga­ri­sche Mi­nis­ter­prä­si­dent Vik­tor Or­ban hät­ten sich in ei­nem Te­le­fo­nat dar­auf ver­stän­digt, dass die or­ga­ni­sier­te Wei­ter­rei­se der Flücht­lin­ge nach Deutsch­land ei­ne Aus­nah­me sei, sag­te der stell­ver­tre­ten­de Re­gie­rungs­spre­cher Ge­org Strei­ter am Sams­tag­abend. Fay­mann for­der­te ei­ne „Lö­sung von Eu­ro­pa“mit ei­nem Quo­ten­sys­tem zur Ver­tei­lung der Flücht­lin­ge, auch wenn die prak­tisch aus­nahms­los nur nach Deutsch­land wol­len. Bun­des­au­ßen­mi­nis­ter Frank-Wal­ter St­ein­mei­er (SPD) sprach sich für ei­nen EU-Son­der­gip­fel zur Kri­se An­fang Ok­to­ber aus. Bis zum re­gu­lä­ren Ter­min Mit­te Ok­to­ber kön­ne man nicht war­ten.

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An­ge­sichts der Flücht­lings­kri­se will Un­garns Re­gie­rung Sol­da­ten an die Gren­ze im Sü­den des Lan­des ver­le­gen. Ab dem 15. Sep­tem­ber soll­ten Po­li­zis­ten ein­ge­setzt wer­den, sag­te Or­ban am Sams­tag. Das Mi­li­tär sol­le fol­gen, wenn das Par­la­ment dem zu­stim­me. „Wir wer­den die Gren­ze Schritt für Schritt un­ter Kon­trol­le brin­gen.“Der kon­ser­va­ti­ve Po­li­ti­ker warn­te vor ei­nem An­sturm von Flücht­lin­gen: „Es sind Mil­lio­nen und Aber­mil­lio­nen, weil der Nach­schub un­end­lich ist.“

Die Bun­des­re­gie­rung will nach Wor­ten von Kanz­le­rin Mer­kel trotz der Mehr­kos­ten durch stei­gen­de Flücht­lings­zah­len wei­ter­hin Haus­halts­dis­zi­plin wah­ren. „Wir kön­nen nicht ein­fach sa­gen: Weil wir ei­ne schwe­re Auf­ga­be ha­ben, spielt jetzt der aus­ge­gli­che­ne Haus­halt oder die Fra­ge der Ver­schul­dung über­haupt kei­ne Rol­le mehr“, sag­te sie am Sams­tag in ih­rem Vi­deo-Pod­cast. „Wir müs­sen die Prio­ri­tä­ten im­mer wie­der neu set­zen, das ist rich­tig.“An­ge­sichts vie­ler wich­ti­ger Auf­ga­ben ha­be der Bun­des­fi­nanz­mi­nis- ter die Auf­ga­be, „trotz­dem noch­mal auf den Haus­halt­stopf zu schau­en“. Steu­er­er­hö­hun­gen schloss Mer­kel aus.

Die Zahl der Ab­schie­bun­gen aus Deutsch­land ist die­ses Jahr nach „Spie­gel“-In­for­ma­tio­nen be­reits auf über 10 000 ge­stie­gen. Dies ent­spre­che un­ge­fähr dem Ge­samt­jahr 2014, schreibt das Ma­ga­zin un­ter Be­ru­fung auf An­ga­ben des Bun­des und der Län­der. Zahl­rei­che Bun­des­län­der plan­ten in den nächs­ten Mo­na­ten wei­te­re Sam­mel­ab­schie­bun­gen ins­be­son­de­re in die Bal­kan­staa­ten.

We­gen ei­nes im In­ter­net ver­öf­fent­lich­ten Hass-Kom­men­tars zu dem er­trun­ke­nen Flücht­lings­kind Ai­lan ha­ben Er­mitt­ler ei­ne Woh­nung in Ber­lin-Hel­lers­dorf durch­sucht. De­ren 26-jäh­ri­ger Be­woh­ner soll den Tod des Jun­gen auf Face­book mit dras­ti­schen Wor­ten ver­un­glimpft ha­ben. Die Lei­che von Ai­lan war am Mittwoch am Strand im tür­ki­schen Bo­drum an­ge­spült wor­den. Das Fo­to des to­ten sy­ri­schen Kin­des lös­te in­ter­na­tio­nal Be­stür­zung aus. mit dpa/rtr/epd

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