Von äu­ße­ren und in­ne­ren Frei­räu­men

Ar­bei­ten oh­ne Bü­ro – wie ein Be­rufs­le­ben oh­ne Raum und Zeit or­ga­ni­siert wird

Der Tagesspiegel - - SONDERTHEMA - Von Ju­dith Jen­ner

Um ih­rer Ar­beit nach­zu­ge­hen, brau­chen vie­le Ar­beit­neh­mer heu­te nicht viel: Das Smart­pho­ne ein­ge­schal­tet, mit dem Lap­top ins W-Lan ein­ge­loggt und los geht's. Fes­te Ar­beits­zei­ten, ein Bü­ro, ein Chef oder Kol­le­gen müs­sen nicht sein. Sich selbst zu or­ga­ni­sie­ren und ei­ne ei­ge­ne Ar­beits­mo­ral zu fin­den, ge­hört zu den Din­gen, die Selbst­stän­di­ge ler­nen müs­sen. Be­son­ders dann, wenn sie vom An­ge­stell­ten­da­sein in die Selbst­stän­dig­keit wech­seln. Kü­chen­tisch, Ca­fé oder Park­bank er­set­zen für vie­le in der Grün­dungs­pha­se oder dar­über hin­aus das Bü­ro.

„Die größ­te Her­aus­for­de­rung ist in der Re­gel das, was vie­le Men­schen als ‚Dis­zi­plin‘ be­zeich­nen“, er­klärt Coach Chris­toph Uhl. „Wer un­ab­hän­gig von Ort und Zeit ar­bei­tet, hat ja kei­ne äu­ße­re Struk­tur, die au­to­ma­tisch hilft, in ei­nen Ar­beits­mo­dus zu kom­men. Die­se Struk­tur muss man sich dann selbst ge­ben.“

Mit dem Be­griff „Dis­zi­plin“tut er sich al­ler­dings schwer. Denn wer in sei­ner Ar­beit das tut, was ihm liegt und ihn er­füllt, tut das ger­ne und mit Lei­den­schaft. Die Ar­beit wird zum Selbst­läu­fer. Zu je­der Be­rufs­tä­tig­keit ge­hö­ren aber auch un­lieb­sa­me Auf­ga­ben. „Sich da­zu auf­zu­raf­fen, ist na­tür­lich für ei­nen Ein­zel­kämp­fer et­was an­de­res als für ei­nen Be­rufs­tä­ti­gen, der in ei­ne Struk­tur aus fes­tem Bü­ro, fes­ten Zei­ten, fes­ten Vor­ga­ben und ei­nem Kol­le­gen­um­feld ein­ge­bun­den ist“, sagt er.

Da­für bie­te die Un­ab­hän­gig­keit von Ort und Zeit den Vor­teil, den Ta­ges­ab­lauf den ei­ge­nen Be­dürf­nis­sen, Stim­mun­gen und Mög­lich­kei­ten op­ti­mal und in­di­vi­du­ell an­zu­pas­sen – ein Vor­teil, der für die meis­ten Men­schen, die so ar­bei­ten, ei­ner der Haupt­grün­de für die Selbst­stän­dig­keit ist.

Coach und Un­ter­neh­mens­be­ra­te­rin Bri­git­te Windt ist über­zeugt, dass Selbst­stän­dig­sein so­gar der „na­tür­li­che Zu­stand des Men­schen“ist. Mit ih­rem Buch „Mach dich selbst­stän­dig – Das Pra­xis­hand­buch für Grün­de­rin­nen und Kar­rie­re­frau­en“gibt sie al­len, die sich selbst- stän­dig ma­chen möch­ten, ei­nen Schritt-für-Schritt-Leit­fa­den an die Hand. Sie er­setzt den Be­griff Ar­beits­dis­zi­plin ger­ne durch Ver­bind­lich­keit: Ver­bind­lich­keit ge­gen­über den Qua­li­täts­an­sprü­chen an die ei­ge­ne Ar­beit und ge­gen­über dem Kun­den.

Ih­rer Er­fah­rung nach müs­sen sich die meis­ten Grün­der erst ei­ne Struk­tur er­ar­bei­ten. „Ich emp­feh­le, zu­erst ein Kon­zept zu er­stel­len und dar­aus die Stra­te­gie zu ent­wi­ckeln, die dann im­mer wei­ter auf

So wie der Schlaf soll­te auch die Ar­beit ih­ren Platz ha­ben

ei­nen Zeit­plan her­un­ter­ge­bro­chen wird“, sagt sie. Auf die­se Wei­se sind die täg­li­chen To-dos aus ei­ner Kom­bi­na­ti­on von über­ge­ord­ne­ter Idee, Her­zens­vi­si­on und prak­ti­schen Schrit­ten in­spi­riert und ge­tra­gen. Mit Hilfs­mit­teln wie ei­nem ana­lo­gen oder di­gi­ta­len Ka­len­der las­sen sich Auf­ga­ben auf­lis­ten, prio­ri­sie­ren, zeit­lich ein­schät­zen und dann um­set­zen.

Wo die Auf­ga­ben er­le­digt wer­den, hängt von der Ziel­grup­pe und dem ge­wünsch­ten Auf­tritt ab. Ei­ni­ge brau­chen als Ge­wer­be­trei­ben­de schon früh ei­ge­ne Ge­schäfts­räu­me. An­de­re zie­hen das ge­rin­ge­re Ri­si­ko vor, das ein Co­wor­king-Space oder ei­ne Ge­mein­schafts­pra­xis mit sich brin­gen. Oft ist die Gestal­tung des äu­ße­ren Raums ein Pro­zess, be­ob­ach­tet Bri­git­te Windt: „Erst möch­te der in­ne­re Raum ein­ge­nom­men und aus­ge­füllt wer­den, bis dar­aus das äu­ße­re For­mat ge­stal­tet wird.“

Wer viel am Com­pu­ter ar­bei­tet, hat sei­nen Ar­beits­platz mög­li­cher­wei­se zu Hau­se. Gera­de für Grün­de­rin­nen mit Fa­mi­lie kann das prak­tisch sein, aber auch ei­ne Her­aus­for­de­rung be­deu­ten, denn es er­for­dert, kla­re Gren­zen zwi­schen Be­ruf und Fa­mi­lie zu set­zen. Bri­git­te Windt emp­fiehlt, wenn mög­lich, ei­nen ei­ge­nen Raum als Ar­beits­zim­mer, Ate­lier oder Werk­statt zu de­fi­nie­ren. „Wich­tig ist,

Sie sind der Mit­tel­stand von mor­gen. Die Selbst­stän­dig­keit be­ginnt häu­fig in den ei­ge­nen vier Wän­den. Fi­nan­zi­ell hat das Vor­tei­le – ar­beits­öko­no­misch kann es von Nach­teil sein. dass die Tü­ren ge­schlos­sen wer­den kön­nen und dass er von der Grün­der­per­son und den Fa­mi­li­en­mit­glie­dern ge­ach­tet wird“, sagt sie. Ne­ben Dru­cker, Scan­ner und mo­bi­lem Com­pu­ter ist oft auch aus­rei­chend Platz für Ab­lage und Ar­chiv not­wen­dig, denn bei­des wächst im Lau­fe der Selbst­stän­dig­keit. Chris­toph Uhl er­gänzt, dass ein fes­ter Platz zum Ar­bei­ten Klar­heit schafft und die Ab­gren­zung zwi­schen den un­ter­schied­li­chen Le­bens­be­rei­chen un­ter­stützt: So wie der Ess­tisch zum Es­sen, das Bett zum Schla­fen und die Couch zum Fau­len­zen da ist, be- kommt auch die Ar­beit ih­ren Platz. „Das klappt na­tür­lich nur, wenn da­für ein se­pa­ra­ter Raum zur Ver­fü­gung steht oder es fes­te Zei­ten gibt, in de­nen nie­mand an­de­res zu Hau­se ist.

Ist bei­des nicht mög­lich, hilft nur die An­mie­tung ei­nes ex­ter­nen Ar­beits­plat- Wem das schwer­fällt, der kann klein an­fan­gen.“Sich ein­mal pro Wo­che ei­nem Hob­by zu wid­men, kann schon hel­fen.

Für Bri­git­te Windt hat Ab­schal­ten mit Re­spekt vor der ei­ge­nen Le­bens­en­er­gie zu tun. Sie ver­gleicht die Selbst­stän­dig­keit mit dem El­tern­sein: Bei­des ist ei­ne Art der Le­bens­füh­rung und Le­bens­qua­li­tät. Die Ent­schei­dung für die Selbst­stän­dig­keit be­trifft den Grün­der im­mer, ob im Ur­laub oder in der Ba­de­wan­ne. Das be­deu­tet je­doch nicht, nicht auch mal ab­schal­ten zu kön­nen. „Es kommt dar­auf an, was ich als Ur­laub de­fi­nie­re: Wenn ich auf ei­ner Rei­se ein­mal am Tag mei­ne E-Mails le­se oder an mei­nem Kon­zept ar­bei­te, kann das in Ord­nung sein, eben­so wie in den ers­ten fünf Jah­ren ganz auf Ur­laub zu ver­zich­ten und mir nur klei­ne Fluch­ten zu gön­nen“, sagt sie. Vie­le Auf­ga­ben las­sen sich heu­te be­son­ders im On­line-Be­reich de­le­gie­ren, so­dass das al­te Un­ter­neh­mer­bild, selbst und stän­dig ar­bei­ten zu müs­sen, nicht mehr der Rea­li­tät ent­spre­chen muss.

Jung, in­no­va­tiv und wachs­tums­träch­tig – Star­tups ste­hen für die Zu­kunft.

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