Trai­ning ist al­les

Spre­chen, Auf­tre­ten, Prä­sen­tie­ren – vie­le glau­ben, dass das Fä­hig­kei­ten sind, für die es vor al­lem auf das Ta­lent an­kommt. Da­bei gibt es ei­ne ein­fa­che Me­tho­de, dar­in gut zu wer­den: Üben – stän­dig und übe­r­all. Ei­ne Ex­per­tin er­klärt, wie

Der Tagesspiegel - - WEITERBILDUNG - Von Gerlinde Kem­pen­dorff-Hoe­ne

Seit vie­len Jah­ren ge­be ich Se­mi­na­re in Sa­chen Spre­chen, Auf­tre­ten, Prä­sen­tie­ren, Stär­ken fin­den, Mo­ti­vie­ren, Ak­ti­vie­ren und hu­mor­vol­les Den­ken. Vie­le Men­schen kom­men mit ganz gro­ßen Er­war­tun­gen in die Se­mi­na­re. So et­wa: „In den nächs­ten zwei St­un­den lö­sen sich al­le mei­ne Auf­tritts­pro­ble­me (und die an­de­ren so­wie­so gleich mit) im öf­fent­li­chen Raum“. Sie glau­ben, wenn sie nur viel mit­schrei­ben oder das Han­dout stumm durch­le­sen und ein­ste­cken, löst sich das dann von ganz al­lein. Pus­te­ku­chen! Al­le, die wie ich aus der DDR kom­men, wis­sen noch die Ant­wort auf die Fra­ge „Wie komm’ste nach drü­ben?“„Üben, üben, üben!“Spaß bei­sei­te, es ist wirk­lich so: Auf die ein­fachs­te Lö­sung kom­men die meis­ten nicht: Ma­chen, ma­chen, ma­chen. Und zwar nicht nur im Se­mi­nar son­dern auch zu Hau­se, beim Ein­kau­fen und bei Be­hör­den­gän­gen.

Meis­tens ist den Men­schen nach spä­tes­tens zwei St­un­den im Se­mi­nar klar, wie viel Ar­beit vor ih­nen liegt – wenn sie es ernst mei­nen und wirk­lich et­was ver­än­dern wol­len. Auf die Idee, dass Schau­spie­ler und Sän­ger ge­nau das ja stun­den­lang, wo­chen­lang, mo­na­te­lang, jah­re­lang als Gr­und­vor­aus­set­zung ih­res Be­ru­fes stu­die­ren, trai­nie­ren und im­mer wie­der ein gan­zes Be­rufs­le­ben lang ak­tiv üben müs­sen, wenn sie gut sind und es blei­ben wol­len, kom­men die meis­ten Men­schen nicht. Mei­nun­gen, wie dass „die das eben kön­nen“oder „Ta­lent ha­ben“oder „das hat man oder hat man nicht“sind weit ver­brei­tet. Na­tür­lich: Oh­ne Ta­lent geht es nicht bis zur Ex­zel­lenz, aber al­les mehr als nur Di­let­tan­tis­mus ist ja auch schon was, oder?

Wie viel man im rhe­to­ri­schen Be­reich er­ler­nen kann, wenn man oft trai­niert, sich selbst be­ob­ach­tet, sei­nen Stil er­kennt und aus­prägt und übt, macht, trai­niert, kann man ge­ra­de an ei­ni­gen Po­li­ti­kern wie An­ge­la Mer­kel, Han­ne­lo­re Kraft, Ur­su­la von der Ley­en und Frank-Wal­ter St­ein­mei­er, Gregor Gy­si gut be­ob­ach­ten (es geht hier nicht um In­hal­te, nur um die Prä­sen­ta­ti­on): Sie al­le sind flei­ßi­ge Üben­de mit her­vor­ra­gen­dem Er­folg: Sie be­klei­den höchs­te Äm­ter. In­halt­lich könn­ten das vie­le Men­schen. Aber je­ne hat­ten ein­fach mehr Selbst­dis­zi­plin, mehr Wil­len, mehr Ein­sicht, mehr Kon­se­quenz, mehr Mut, mehr Selbst­be­wusst­sein, mehr Biss, auch die Prä­sen­ta­ti­on ih­rer In­hal­te zu ler­nen und zu trai­nie­ren. Wir Künst­ler nen­nen das Üben „Pro­be“. Das heißt, so lan­ge wir et­was aus­tes­ten, pro­bie­ren wir, ob es funk­tio­niert und wenn es das dann tut, und der Ernst­fall – die Auf­füh­rung, die Re­de, die Prä­sen­ta­ti­on, das Be­wer­bungs­ge­spräch - tritt ein, ge­hen wir nicht ar­bei­ten, son­dern tre­ten auf und spie­len. Das Spiel als ernst­haf­te Ar­beit.

Der Ge­dan­ke des Spie­lens ist in Deutsch­land in an­de­ren Be­ru­fen als dem des Schau­spie­lers oder Mu­si­kers we­nig ver­tre­ten. Scha­de. Denn da­mit nimmt man sich viel Druck, in­dem man das Ver­lie­ren, den un­ver­krampf­ten Neu­an­fang und die Mög­lich­keit des Per­spek­tiv­wech­sels, der au­ßer­dem noch ei­ne gu­te Übung für mehr Em­pa­thie ist, als ein Spiel be­trach­tet. Al­les Ei­gen­schaf­ten, die wir von Füh­rungs­kräf­ten ne­ben ei­ner ge­konn­ten Aus­spra­che und zur Re­de pas­sen­den Mi­mik und Ges­tik er­war­ten. Und mit Füh­rungs­kräf­ten sind al­le Be­ru­fe ge­meint, in de­nen in klei­nem oder gro­ßem Um­fang Men­schen ge­führt oder Ent­schei­dun­gen

Künst­ler nen­nen das Üben Pro­be. Der Ernst­fall ist das Spiel

in Ver­ant­wor­tung für an­de­re ge­fällt wer­den. Al­so nicht nur Ab­tei­lungs­lei­ter, Fi­li­al­lei­ter, Po­li­ti­ker, Vor­stands­mit­glie­der und Ver­kaufs­trai­ner, son­dern auch Leh­rer, Er­zie­her, Pfle­ge­per­so­nal, Ärz­te und Ju­ris­ten. Manch­mal sind es nur we­ni­ge Kor­rek­tu­ren, die ein ganz an­de­res Auf­tre­ten und da­mit den Ein­druck von Kom­pe­tenz und Selbst­si­cher­heit hin­ter­las­sen.

Aber oh­ne Üben geht eben nichts. Und: Wer er­folg­reich auf­tre­ten will, braucht men­ta­le „An­ker“, die im Ernst­fall ge­nau das ab­ru­fen was trai­niert wur­de. Mit „An­ker“mei­ne ich Be­grif­fe, die Bil­der be­zeich­nen, die sich im Kopf schnell ab­ru­fen las­sen. So hat zum Bei­spiel je­der ei­ne Vor­stel­lung zu dem Be­griff „Las­so“: Ein Seil als Sch­lin­ge in den Raum ge­wor­fen, mit dem man et­was oder je­man­den ein­fängt. Mit die­sem „An­ker­bild“kann ich mir schnell die Si­tua­ti­on vor­stel­len, wenn ich vor Pu­bli­kum ste­he und sie mit mei­nen Au­gen und mei­ner Hal­tung „ein­fan­gen“will. Oder die Feu­er­wehr­lei­ter: Wenn ich sehr auf­ge­regt bin, stel­le ich mir ei­ne Feu­er­wehr­lei­ter vor – die aus­ge­fah­ren bis zum Brand­herd im 5. Stock ei­nes Hau­ses – löscht (aus­at­men) und mit neu­em Ein­at­men ein Stock­werk run­ter­fährt und so wei­ter, bis ich – ru­hig ge­at­met und oh­ne Lam­pen­fie­ber auf dem Bo­den an­ge­kom­men bin. Das merk­wür­di­ge ist: Mit sol­chen „An­kern“kommt man fro­her, hei­te­rer, er­folg­rei­cher und selbst­be­stimmt durch den Tag.

Fotos: Fa­b­ri­zio Bensch/Reu­ters, Ma­ja Hi­tij, Micha­el Kap­peler, Kay Niet­feld/dpa

Wie viel man im rhe­to­ri­schen Be­reich er­ler­nen kann, wenn man sei­nen Stil er­kennt, aus­prägt und trai­niert, kann man an Po­li­ti­kern wie Gregor Gy­si, Han­ne­lo­re Kraft, An­ge­la Mer­kel und Frank-Wal­ter St­ein­mei­er gut be­ob­ach­ten

Flei­ßi­ge Üben­de mit gro­ßem Er­folg.

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