Wir sind al­le Ber­li­ner

Ju­gend­li­che en­wi­ckeln an der Volks­büh­ne ein Stück

Der Tagesspiegel - - KULTUR -

In der Flücht­lings­kri­se ging es erst dar­um, das Or­ga­ni­sa­to­ri­sche hin­zu­krie­gen: Klei­dung, Es­sen, Un­ter­künf­te. Doch das war nur der An­fang. Jetzt muss das künf­ti­ge Zu­sam­men­le­ben ge­stal­tet wer­den. Wer sind wir ei­gent­lich und wer seid ihr ei­gent­lich? Da­zu braucht es vor al­lem Or­te der Be­geg­nung. Räu­me, in de­nen Men­schen sich ken­nen­ler­nen, in de­nen kul­tu­rel­le An­nä­he­rung statt­fin­den kann. Das P14, die Ju­gend­thea­ter-Ab­tei­lung der Volks­büh­ne, ist ei­ner die­ser Or­te. Seit No­vem­ber hat ei­ne Grup­pe 13- bis 19-Jäh­ri­ger hier ein Stück ent­wi­ckelt: „Blind Chi­cken. No Par­ents, no po­li­ce“. Ber­li­ner Te­enager mit und oh­ne Mi­gra­ti­ons­hin­ter­grund spie­len mit gleich­alt­ri­gen Ge­flüch­te­ten. Nur grob war das The­ma vor­ge­ge­ben: Kind­heit.

Wo fängt man an? Viel­leicht mit schö­nen und we­ni­ger schö­nen Er­in­ne­run­gen. Wie man aus Ver­se­hen in ei­ne Spiel­höl­le in Neu­kölln ge­ra­ten ist. Oder: Hat­tet ihr auch Schau­keln und Tram­po­li­ne im Gar­ten? Was, kein Gar­ten? Ich war mal in Schwe­den im Pip­pi-Langs­trumpf- Haus, man­durf­te aber nicht rein. Ein Han­dy klin­gelt auf der Büh­ne: Die He­li­ko­pter-Mut­ti will wis­sen, wie die Toch­ter nach Hau­se kommt. Herr­lich, wie die Te­enager die Harm­lo­sig­kei­ten ih­rer Kind­heits­aben­teu­er per­si­flie­ren. Vol­ler In­brunst sin­gen und rei­men sie, was das deut­sche Lied­gut her­gibt: Mei­ne Oma hat ne Glat­ze mit Ge­län­der. Lirum, Lar­um, Löf­fel­stiel. Beim fröh­li­chen Ab­klatsch­spiel „Em­pom­pi Ko­lo­nie Ko­lo­nas­tik“un­ter­bricht Ibo aus Sier­ra Leo­ne die an­de­ren. Was singt ihr denn da? Ko­lo­nie? Sa­fa­ri?

Im­mer wie­der schafft die Ins­ze­nie­rung sol­che Brü­che, Mo­men­te der Ir­ri­ta­ti­on. Die Grup­pe hat, er­zählt P14-Lei­te­rin Va­nes­sa Un­za­lu Troya, ne­ben in­ten­si­ven Pro­ben auch Work­shops ab­sol­viert. Es ging um­Ras­sis­mus. „Und dass man den nur ab­bau­en kann, wenn man er­kennt, dass man selbst voll da­von ist.“Man­che Ju­gend­li­che traf die Er­kennt­nis wie ein Knüp­pel.

Re­gis­seur Chris­tel Gba­gui­di, der aus Be­nin stammt und in Ber­lin Thea­ter­päd­ago­gik stu­diert hat, ist es ge­lun­gen, die Spiel­freu­de und Ener­gie sei­ner jun­gen Schau­spie­ler ge­schickt zu ka­na­li­sie­ren. Her­aus­ge­kom­men ist ein zwei­stün­di­ger Abend, der vor sze­ni­schen und er­zäh­le­ri­schen Ein­fäl­len nur so strotzt. Nur hier und da sind die Mo­no­lo­ge mal ei­ne Spur zu päd­ago­gisch-mo­ra­lisch ge­ra­ten.

Im Ge­dächt­nis blei­ben vor al­lem zwei Sze­nen. Wenn die Ju­gend­li­chen, zur Hor­de zu­sam­men­ge­rot­tet, dem al­ba­ni­schen Mit­spie­ler höh­nisch er­klä­ren, dass er nicht ein­fach nach Deutsch­land ge­hen kann: „Kein Asyl!“Und dann laut im Chor die 145 Län­der auf­zu­zäh­len, in die deut­sche Staats­bür­ger frei ein­rei­sen dür­fen. Ganz still wird es, als Fahd, der 16-jäh­ri­ge Sy­rer, über sei­nen Va­ter spricht. „Er stand im­mer an mei­ner Sei­te.“Dann ge­nü­gen ihm ein Mi­kro­fon, ein biss­chen Beat­boxing und we­ni­ge eng­li­sche Wor­te, um den Bom­ben­an­griff auf sein El­tern­haus und den Tod des Va­ters dar­zu­stel­len. Fahd brach als 15-Jäh­ri­ger wirk­lich al­lein nach Eu­ro­pa auf. Es ist sei­ne Ge­schich­te, die er da nach­spielt.

„Blind Chi­ckens“ist vol­ler Er­in­ne­run­gen an die Kind­heit

— Volks­büh­ne, wie­der am 10. und Fe­bru­ar so­wie am 8. und 10. März

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