Schick­lich, zu­erst Ma­ria zu er­schei­nen

Mit ei­ner Spur von Poe­sie – und An­ti­se­mi­tis­mus: Ber­li­ner For­scher edie­ren ei­ne frü­he Bi­bel­über­set­zung

Der Tagesspiegel - - WISSEN & FORSCHEN - Von Clau­dia Kel­ler

Mar­tin Lu­ther spru­del­ten die For­mu­lie­run­gen, Me­ta­phern und Ver­glei­che aus der Fe­der wie Ge­birgs­bä­che nach der Schnee­schmel­ze. Als er 1522 un­frei­wil­lig auf der Wart­burg fest­saß, über­trug er in nur elf Wo­chen das Neue Tes­ta­ment aus dem Grie­chi­schen und He­bräi­schen ins Deut­sche.

Bei der Bi­bel­über­set­zung fing Lu­ther aber nicht bei null an. Seit­dem sich im ach­ten Jahr­hun­dert aus Dia­lek­ten die deut­sche Spra­che form­te, ha­ben Ge­lehr­te Tei­le der Hei­li­gen Schrift ein­ge­deutscht. Mal ei­ni­ge Psal­men, mal das Buch Hi­ob oder ein Evan­ge­li­um. Im 13. und 14. Jahr­hun­dert woll­ten im­mer mehr ein­fa­che Men­schen wis­sen: Was steht da ei­gent­lich drin in der Bi­bel? Sie woll­ten sich nicht mehr ab­spei­sen las­sen mit Aus­zü­gen und Zi­ta­ten, die ih­nen die Pfar­rer vor­ga­ben, son­dern selbst le­sen. Im­mer grö­ße­re Tei­le der Hei­li­gen Schrift wur­den über­setzt.

Um 1330 saß ir­gend­wo im heu­ti­gen Ös­ter­reich ein be­son­ders ehr­gei­zi­ger und hart­nä­cki­ger Mann in sei­ner Stu­be. Er las, forsch­te und schrieb so lan­ge, bis er die ge­sam­te Bi­bel ein­ge­deutscht und kom­men­tiert hat­te. 200 Jah­re vor Lu­ther. Doch wäh­rend je­des Kind von Lu­ther und sei­ner Bi­bel­über­tra­gung hört, ken­nen nur Theo­lo­gen, Alt­germa­nis­ten und ei­ne Hand­voll His­to­ri­ker sei­nen ös­ter­rei­chi­schen Vor­gän­ger.

„Wir wis­sen nicht, wie er hieß, auch nicht, wie er aus­sah“, sagt Mar­tin Schu­bert. Und dass er in Ös­ter­reich leb­te, ist auch nur ei­ne Ver­mu­tung, weil man die wich­tigs­te Hand­schrift sei­ner Über­set­zung in ei­nem ös­ter­rei­chi­schen Klos­ter ge­fun­den hat. Der an­ony­me Au­tor be­schreibt sich selbst als ei­nen „un­ge­weih­ten, zum Pre­di­gen nicht or­di­nier­ten, nicht an ei­ner ho­hen Schu­le aus­ge­bil­de­ten Lai­en“.

Viel­leicht ein Leh­rer? Viel­leicht ein Ade­li­ger? Ei­ne Frau? Si­cher ist: Es han­delt sich nicht um ein Auf­trags­werk, sonst wä­re der Auf­trag­ge­ber er­wähnt wor­den. Aber ir­gend­je­mand muss den Mann für sei­ne auf­wen­di­ge Ar­beit frei­ge­stellt und fi­nan­ziert ha­ben. Kü­he mel­ken, Län­de­rei­en ver­wal­ten und ne­ben­bei die Bi­bel über­set­zen? Un­wahr­schein­lich. Klar ist auch: Er muss ein Bü­cher­wurm ge­we­sen sein, er hat­te Zu­gang zu Bi­b­lio­the­ken und kann­te die neu­es­ten Schrif­ten. Ein biss­chen muss der an­ony­me Ös­ter­rei­cher aus dem 14. Jahr­hun­dert ein See­len­ver­wand­ter von Mar­tin Schu­bert ge­we­sen sein.

Schu­bert, 52, klein, schmal, Bril­le, beugt sich in sei­nem Bü­ro in der Ber­lin-Bran­den­bur­gi­schen Aka­de­mie der Wis­sen­schaf­ten über ei­nen Ord­ner, der rand­voll ist mit Ko­pi­en ei­ner mit­tel­al­ter­li­chen Hand­schrift. Es ist ei­ne Ab­schrift je­ner ers­ten ös­ter­rei­chi­schen Bi­bel­über­set­zung. Schu­bert ist Alt­germa­nist und be­schäf­tigt sich seit vier Jah­ren mit dem an­ony­men Au­tor. Jetzt hat er ein Pro­jekt an Land ge­zo­gen, das je­den Wis­sen­schaft­ler glück­lich macht: Zwölf Jah­re lang darf er zu­sam­men mit drei Kol­le­gen das Werk des Ös­ter­rei­chers edie­ren, in Buch­form und di­gi­tal. Dass das erst jetzt ge­schieht, liegt dar­an, dass For­scher erst in den 1930er Jah­ren den un­be­kann­ten Über­set­zer als Au­tor ver­schie­de­ner Tex­te iden­ti­fi­zier­ten. Sein Ge­samt­werk wur­de erst in jüngs­ter Zeit er­schlos­sen.

Doch war­um sitzt Mar­tin Schu­bert am Ber­li­ner Gen­dar­men­markt und nicht in

Der frü­he Über­set­zer leb­te wohl in Ös­ter­reich – und lieb­te die Le­gen­den

Wi­en oder Linz? Weil schon die Preu­ßi­sche Aka­de­mie der Wis­sen­schaf­ten mit der Edi­ti­on von Tex­ten und Qu­el­len aus An­ti­ke, Mit­tel­al­ter und Neu­zeit zu Ruhm ge­lang­te. Und weil die geis­tes­wis­sen­schaft­li­che Grund­la­gen­for­schung auch heu­te der Schwer­punkt der Ber­lin-Bran­den­bur­gi­schen Aka­de­mie ist.

Es ge­he dar­um, „das kul­tu­rel­le Er­be der Mensch­heit zu si­chern, zu er­schlie­ßen und für die fol­gen­den Ge­ne­ra­tio­nen zu be­wah­ren“, heißt es in der Selbst­be­schrei­bung. Schu­berts Kol­le­gen er­ar­bei­ten gro­ße Wör­ter­bü­cher und be­schäf­ti­gen sich mit Aris­to­te­les-Kom­men­ta­ren, mit der chi­ne­si­schen Sei­den­stra­ße und mit Qu­el­len zur mit­tel­al­ter­li­chen Fröm­mig­keit. Das Pro­jekt von Schu­berts Team fi­nan­ziert die Aka­de­mie mit Un­ter­stüt­zung der Deut­schen For­schungs­ge­mein­schaft, ins­ge­samt ste­hen 4,5 Mil­lio­nen Euro zur Ver­fü­gung.

Mar­tin Schu­bert ist an­ge­tan von der „sprach­li­chen Bril­lanz“sei­nes For­schungs­ge­gen­stands. Der Über­set­zer aus dem 14. Jahr­hun­dert ha­be ein Ge­spür für Poe­sie ge­habt. Das Be­son­de­re sei­nes Bi­bel­tex­tes ist aber, dass er ihn mit vie­len volks­kirch­li­chen Le­gen­den an­ge­rei­chert hat. Schu­bert schiebt ei­ne Ko­pie über den Tisch, in der da­von die Re­de ist, „dass un­ser her­re Ihe­sus Cris­tus seinr mu­ter, der rai­nen magd Ma­ri­en des ers­ten er­schie­nen sey“. Im Jo­han­nes­evan­ge­li­um er­scheint der au­fer­stan­de­ne Je­sus aber nicht zu­erst sei­ner Mut­ter, son­dern Ma­ria Mag­da­le­na. Das aber fand der ös­ter­rei­chi­sche Bi­bel­über­set­zer nicht schick­lich. Er gibt frei­mü­tig zu, dass er da et­was ein­fügt, und lei­tet sei­nen Zu­satz mit den Wor­ten ein: „Wie aber die hey­li­gen evan­ge­lis­ten nicht schrey­bent.“

Es ent­spre­che der Wür­de Ma­ri­as, der Mut­ter­got­tes, dass Je­sus sie als Ers­te be­sucht, wenn er auf die Er­de zu­rück­kehrt, ar­gu­men­tiert der Über­set­zer und be­ruft sich auf den Hei­li­gen Ger­ma­nus, der das auch so ge­se­hen ha­be. Dass die­ser Ger­ma­nus die Sa­che rich­tig dar­stellt, dar­an be­steht für den an­ony­men Ös­ter­rei­cher kein Zwei­fel. Sei­ner Mei­nung nach zeu­ge es von „mo­ra­li­scher Ver­dor­ben­heit“, wenn man aus­schließ­lich die Evan­ge­li­en als Qu­el­len zu­las­se und die Schrif­ten von Kir­chen­leh­rern und Hei­li­gen igno­rie­re. Ei­nen Text zu über­set­zen heißt eben auch im­mer, ihn zu in­ter­pre­tie­ren.

Un­ter den Zeit­ge­nos­sen war sei­ne Ar­beit of­fen­bar um­strit­ten. War­um sonst hät­te er sei­ne Tä­tig­keit in Trak­ta­ten so ve­he­ment ver­tei­digt?, fragt Schu­bert. Er wand­te sich ge­gen Ket­zer und ge­gen die or- tho­do­xen Geist­li­chen, die von ei­ner Ein­deut­schung der Bi­bel nicht viel hiel­ten.

Ob Lu­ther die­se Bi­bel­über­set­zung kann­te? „Bis jetzt deu­tet nichts dar­auf hin“, sagt Schu­bert, Lu­ther ha­be nicht auf ihn ver­wie­sen, auch nicht von ihm ab­ge­schrie­ben. Ver­mut­lich hät­te er eh nur Hohn und Spott da­für üb­rig ge­habt. Die Evan­ge­li­en mit volks­tüm­li­chen Le­gen­den an­zu­rei­chern, war für Lu­ther ei­ne Sün­de. Sein Leit­mo­tiv hieß „So­la scrip­tu­ra!“– „al­len durch die Schrift“, und das wa­ren in sei­nem Ver­ständ­nis grie­chi­sche und he­bräi­sche Ori­gi­nal­quel­len. Hei­li­gen­le­gen­den und Volks­glau­ben hat­ten in sei­ner Theo­lo­gie nichts zu su­chen. Da war Lu­ther ganz Fun­da­men­ta­list.

Aber auch sein Vor­gän­ger aus dem 14. Jahr­hun­dert fand vie­le Freun­de. Sei­ne Tex­te wur­den be­nutzt und mach­ten die Run­de. Al­lein von sei­ner Über­set­zung des Neu­en Tes­ta­ments gibt es 60 Ab­schrif­ten. Schu­bert und sei­ne Kol­le­gen müs­sen aus die­sen vie­len Hand­schrif­ten die ei­ne mög­lichst ori­gi­na­le „Leit­hand­schrift“her­aus­fil­tern. Ei­ne Mam­mut­auf­ga­be. Denn vie­les ist nur in Tei­len über­lie­fert, und auch die­je­ni­gen, die ei­ne Ab­schrift an­fer­tig­ten, ko­pier­ten nicht ein­fach nur Wort für Wort, son­dern ver­än­der­ten Klei­nig­kei­ten in ih­rem Sinn, lie­ßen weg, füg­ten hin­zu.

Der ös­ter­rei­chi­sche Über­set­zer hat­te auch sei­ne dunk­le Sei­te. „Er war ein An­ti­se­mit“, sagt Mar­tin Schu­bert. Sie hät­ten den Herr­gott er­schla­gen, warf er ih­nen vor und zog in wüs­ter Spra­che über sie her. Da hät­te Lu­ther zu­ge­stimmt. Auch er hetz­te übel ge­gen die Ju­den. Auch das wer­den die Edi­to­ren aus­führ­lich kom­men­tie­ren.

Wenn in zwölf Jah­ren zum ers­ten Mal ei­ne Ge­samt­aus­ga­be die­ser ers­ten Bi­bel­über­set­zung vor­liegt, wird das Lu­thers Leis­tung kei­nen Ab­bruch tun. So wortgewaltig war kei­ner sei­ner Vor­gän­ger. Kei­ner hat dem „Volk aufs Maul ge­schaut“, wie er es tat. Und Lu­ther bleibt der Ers­te, der die Bi­bel aus ih­rer Ori­gi­nal­spra­che über­setzt hat, aus den grie­chi­schen und den he­bräi­schen Qu­el­len.

Fo­to: Uni Augs­burg/Stadt­bi­blio­thek Schaff­hau­sen

Lan­ge vor Lu­ther. Ei­ne von 60 Ab­schrif­ten der um 1330 ent­stan­de­nen Ös­ter­rei­chi­schen Bi­bel­über­set­zung wird in der Stadt­bi­blio­thek Schaff­hau­sen auf­be­wahrt. Das Klos­t­er­neu­bur­ger Evan­ge­li­en­werk stammt aus dem 15. Jahr­hun­dert.

Fo­to: Kai-Uwe Hein­rich

Ver­tief­te Ar­beit. Mar­tin Schu­bert, Alt­germa­nist an der Ber­lin-Bran­den­bur­gi­schen Aka­de­mie der Wis­sen­schaf­ten, ist an­ge­tan von der „sprach­li­chen Bril­lanz“der Bi­bel­über­set­zung.

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