Spra­che der Lei­den­schaf­ten

Hän­dels „Bels­haz­zar“mit der Ac­ca­de­mia Bi­z­an­ti­na

Der Tagesspiegel - - KULTUR -

In Ko­lo­ra­tu­ren der Freu­de tri­um­phiert ein Chor­satz der Per­ser, weil die Was­ser des Eu­phrat wei­chen und für sie der Weg in die Kö­nigs­stadt of­fen liegt. Nun heißt es kämp­fen ge­gen die Ba­by­lo­ni­er und ih­ren fre­veln­den Kö­nig Bels­haz­zar. Der jun­ge Per­ser­fürst Cy­rus führt das Heer. Das be­deu­tet in der Mu­sik Krieg mit Pau­ken und Trom­pe­ten.

Die Auf­füh­rung des Ora­to­ri­ums „Bels­haz­zar“von Ge­org Fried­rich Hän­del durch die wun­der­ba­re Ac­ca­de­mia Bi­z­an­ti­na of­fen­bart in je­dem Takt die Bild­kraft der Par­ti­tur. Ba­by­lo­ni­er, Per­ser und Ju­den ste­hen ein­an­der ge­gen­über in die­sem welt­ge­schicht­li­chen Ka­ta­stro­phen­stück über den Un­ter­gang des ba­by­lo­ni­schen Rei­ches, das mit dem Sieg des Gu­ten en­det: „Du, o Je­ru­sa­lem, sollst neu er­ste­hen“, sagt der Per­ser Cy­rus nach ei­nem in­ni­gen Du­ett mit Ni­to­cris, der Mut­ter des Bels­haz­zar. Neu er­rich­ten will er den zer­stör­ten Tem­pel in Je­ru­sa­lem. Was für ei­ne po­li­ti­sche Groß­zü­gig­keit!

Ko­lo­ra­tur ist über­all Aus­druck, auch wenn der be­trun­ke­ne Ti­tel­held in sei­nem Pa­last den Kelch hebt und ver­höhnt, der zu den ent­wen­de­ten Tem­pel­ge­fä­ßen der Ju­den ge­hört. Tho­mas Wal­ker singt den bö­sen Ton mit hin­rei­ßen­dem Elan, ganz Cha­rak­ter, kein Stimm­fe­ti­schist. Das gilt auch für die Gestal­tung der schmer­zens­rei­chen Ni­to­cris, de­ren Lar­go die pro­fi­lier­te Hän­del-In­ter­pre­tin Ro­se­ma­ry Jos­hua ver­in­ner­licht, mehr Af­fekt als Schön­ge­sang, wie er am ehes­ten Del­phi­ne Ga­lou als Pro­phet Da­ni­el zu­steht. Die Bas­sa­rie des zu Cy­rus über­ge­lau­fe­nen Ba­by­lo­ni­ers Go­bri­as, der um sei­nen er­mor­de­ten Sohn weint, ist bei Andreas Wolf ganz La­men­to, Kum­mer, ei­ne Her­zens­sa­che. Der Coun­ter­te­nor Va­ler Sa­ba­dus in der Haupt­rol­le des Cy­rus singt sei­nem Gott zum Lob gött­li­che Li­ni­en und Ko­lo­ra­tu­ren, die süch­tig ma­chen kön­nen nach mehr.

Himm­li­sche Län­gen hat der Abend mit über drei St­un­den Dau­er bis zum er­ha­be­nen „Amen“. Dass die Ber­li­ner Phil­har­mo­ni­ker die Ac­ca­de­mia Bi­z­an­ti­na, vi­ta­le Ver­tre­ter his­to­risch ori­en­tier­ter Auf­füh­rungs­pra­xis, zu die­sem Gast­spiel in ih­ren seit Wo­chen aus­ver­kauf­ten Kam­mer­mu­sik­saal ein­ge­la­den ha­ben, be­schert Ber­lin ei­nen Hö­he­punkt der Sai­son und soll­te kein Ein­zel­fall blei­ben.

Un­ter der Lei­tung des ita­lie­ni­schen Di­ri­gen­ten und Cem­ba­lis­ten Ot­ta­vio Dan­to­ne ent­fal­ten die Mu­si­ker ei­ne auf­ge­rau­te Spalt­klang-Prä­zi­si­on, ei­nen Reich­tum der Nuan­cen, ei­ne De­li­ka­tes­se des Klan­ges bis in die sto­cken­den Ach­tel der Vio­li­nen in der Me­ne­te­kel-Sze­ne, die nicht zu über­bie­ten sind. Mu­sik spricht, fein­füh­lig sub­li­miert, die Spra­che der Lei­den­schaf­ten. Der Ri­as-Kam­mer­chor ist in er­staun­lich an­pas­sungs­fä­hi­ger Part­ner­schaft und stimm­li­cher Best­form da­bei als äu­ßerst fle­xi­bles Viel­völ­ker-En­sem­ble.

Das Gast­spiel be­schert Ber­lin ei­nen Hö­he­punkt der Sai­son

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