Reiß­zahn im Re­gie­rungs­vier­tel

„Not und Spie­le“: Dies­mal klaut das Zen­trum für po­li­ti­sche Schön­heit kei­ne Mauer­kreu­ze. Die auf Pro­vo­ka­ti­on spe­zia­li­sier­ten Ak­ti­ons­künst­ler neh­men den Mund noch vol­ler und wol­len Flücht­lin­ge an Ti­ger ver­füt­tern

Der Tagesspiegel - - KULTUR - Von Chris­ti­ne Wahl

Zu­min­dest in der Mit­tags­son­ne se­hen die vier Ti­ger, die sich da in bes­ter In­nen­stadt­la­ge vor dem Ma­xim-Gor­ki-Thea­ter rä­keln, er­staun­lich tie­fen­ent­spannt aus. Ob­wohl vor ih­rem Kä­fig nicht nur ein rö­mi­scher Fa­ke-Le­gio­när auf und ab schrei­tet, son­dern pau­sen­los Hoch­be­trieb herrscht: Pro­fis und Pas­san­ten, hoch­auf­lö­sen­de Ka­me­ras und Tou­ris­mart­pho­nes kon­kur­rie­ren um den idea­len Fo­to­gra­fier­win­kel an der Ti­ger­fens­ter­front.

Drin­nen im Thea­ter er­klä­ren die ver­ant­wort­li­chen Künst­ler, drei Mit­glie­der des Zen­trums für po­li­ti­sche Schön­heit, in ei­ner „Bun­des­er­pres­sungs­kon­fe­renz“un­ter­des­sen die Hin­ter­grün­de der Ak­ti­on. Der Saal ist voll. Schließ­lich gilt das ZPS als zu­ver­läs­si­ger Lie­fe­rant spek­ta­ku­lä­rer Ak­tio­nen zwi­schen Kunst und Ak­ti­vis­mus; me­dia­le Er­re­gungs­dis­kur­se in­klu­si­ve. Die Ak­ti­on zum 25. Jah­res­tag des Mau­er­falls im No­vem­ber 2014, als das ZPS Ge­denk­kreu­ze für Mau­er­to­te aus Ber­lins Mit­te ab­mon­tier­te, um mit ih­nen an den eu­ro­päi­schen Au­ßen­gren­zen ge­gen die EU-Flücht­lings­po­li­tik zu pro­tes­tie­ren, pro­vo­zier­te frag­wür­di­ge Be­kennt­nis­se und Po­si­tio­nie­run­gen bis in höchs­te Re­gie­rungs­krei­se hin­ein.

Am An­fang der ak­tu­el­len Ak­ti­on „Flücht­lin­ge fres­sen – Not und Spie­le“ha­be ei­ne Kin­der­fra­ge ge­stan­den, er­klärt An­dré Lei­pold auf der Gor­ki-Büh­ne nicht oh­ne Pa­thos: „Ma­ma, war­um kom­men die Flücht­lin­ge nicht ein­fach mit dem Flug­zeug?“Der Grund sei die Richt­li­nie 2001/51/EG, die Flug­ge­sell­schaf­ten mit hor­ren­den Stra­fen be­legt, wenn sie Pas­sa­gie­re oh­ne gül­ti­ge Vi­sa be­för­dern. So wer­den die Flüch­ten­den auf die le­bens­ge­fähr­li­chen Schlep­per­rou­ten ge­zwun­gen. „Wir wol­len der Bun­des­re­gie­rung und der EU gern hel­fen“, sagt der ZPS wei­ter, „auf den von ihr pro­pa­gier­ten Weg der Men­sch­lich­keit zu­rück­zu­fin­den.“

Und zwar mit­tels ei­ner be­wuss­ten mo­ra­li­schen Er­pres­sung. Das ZPS ver­schafft den ver­ant­wort­li­chen Po­li­ti­kern qua­si die al­ter­na­tiv­lo­se Mög­lich­keit zur Än­de­rung der Ein­rei­se­be­stim­mun­gen. Am 28. Ju­ni, dem 15. Jah­res­tag der be­tref­fen­den Richt­li­nie, soll im tür­ki­schen Iz­mir die „Joa­chim 1“nach Ber­lin ab­he­ben, mit hun­dert sy­ri­schen Flücht­lin­gen an Bord, die in der Tür­kei dar­auf war­ten, zu ih­ren be­reits in Deutsch­land be­find­li­chen An­ge­hö­ri­gen zu kom­men. Schei­tert de­ren Ein­rei­se an den ak­tu­el­len Pa­ra­gra­fen, wer­de die nach Bun­des­prä­si­dent Gauck be­nann­te Ma­schi­ne nicht nur leer nach Ber­lin flie­gen. Son­dern für die­sen Fall su­che man Men­schen, die be­reit sei­en, sich öf­fent­lich von den Ti­gern ver­spei­sen zu las­sen. Zwei Flücht­lin­ge hät­ten sich be­reits frei­wil­lig gemeldet, sich „Eu­ro­pa zum Fraß vor­zu­wer­fen“.

Dass vie­le Pa­ra­me­ter der ak­tu­el­len ZPS-Kunst­ak­ti­on wir­ken wie ei­ne un­ter dem ent­spre­chen­den Rea­li­täts­druck ver­schärf­te Fort­set­zung von Chris­toph Sch­lin­gen­siefs Pro­jekt „Aus­län­der raus – Bit­te liebt Ös­ter­reich“, dürf­te Ab­sicht sein. ZPS-Kopf Phil­ipp Ruch be­zieht sich seit je­her gern auf den 2010 ver­stor­be­nen Ak­ti­ons­künst­ler.

Sch­lin­gen­sief hat­te vor sech­zehn Jah­ren als Bei­trag zu den Wie­ner Fest­wo­chen vor der dor­ti­gen Staats­oper ei­nen Con­tai­ner mit Asyl­be­wer­bern auf­ge­baut. Nach dem Vor­bild der da­mals brand­neu­en Rea­li­ty-TV-Show „Big Bro­ther“war die Zi­vil­be­völ­ke­rung auf­ge­for­dert, das via Ka­me­ras nach au­ßen über­tra­gen­de Con­tai­ner­le­ben zu ver­fol­gen und re­gel­mä­ßig ei­nen Asyl­be­wer­ber zur Ab­schie­bung aus­zu­wäh­len. Der hat­te dann nicht nur um­ge­hend sei­ne zy­ni­sche Tem­po­r­är­be­hau­sung zu ver­las­sen, son­dern auch das Land.

Wie Sch­lin­gen­sief be­dient sich auch das ZPS ei­ner zy­ni­schen, wenn auch we­ni­ger zwin­gen­den Spiel- be­zie­hungs­wei­se Ins­ze­nie­rungs­m­e­ta­pher: Bun­des­kanz­le­rin Mer­kel, Bun­des­prä­si­dent Gauck und In­nen­mi­nis­ter Tho­mas de Mai­ziè­re er­schei­nen, im ste­ten Wech­sel mit ak­tu­el­len Eu­ro­pa­bil­dern von Flüch­ten­den oder Live­über­tra­gun­gen der Fuß­ball-EM, gern mal im Ge­wand rö­mi­scher Im­pe­ra­to­ren auf ei­ne­mRie­sen­bild­schirm ne­ben dem­vom­rö­mi­schen Le­gio­närs­dar­stel­ler be­wach­ten Ti­ger­kä­fig.

Der üb­ri­gens schrei­tet je­den Abend, Punkt 18.45 Uhr, zur Ti­ger­füt­te­rung in die Are­na. Auf de­ren Dach ver­le­sen Gor­ki-Schau­spie­ler in Gauk­ler­kos­tü­men un­ter­des­sen ak­tu­el­le Face­book-Posts zur Ak­ti­on. Die ra­ten Flücht­lin­gen mit sa­ti­ri­scher Dring­lich­keit da­von ab, in ein Land ein­rei­sen zu wol­len, „des­sen Fuß­ball­na­tio­nal­trai­ner sich vor den Au­gen von Mil­lio­nen Zu­schau­ern un­ge­niert in die Ho­se greift“, oder las­sen auch mal Selbst­iro­nie wal­ten: „Die­se Möch­te­gern-Sch­lin­gen­sief-Ak­ti­on nützt nie­man­dem“, nimmt ei­ne Gor­ki-Ak­teu­rin im Clown­s­kos­tüm die er­wart­ba­re Kri­tik vor­weg.

Aber das Gauk­ler­spiel steht ge­nau­so we­nig im Mit­tel­punkt der Ak­ti­on wie die Rö­mer­kon­struk­ti­on. Auch bei der Mauer­kreuz-Ak­ti­on vor zwei Jah­ren ging es um et­was an­de­res als um his­to­risch kor­rek­te Par­al­le­len. Schon vor Jan Böh­mer­mann und sei­ner Er­do­gan-Af­fä­re ha­ben Künst­ler wie das ZPS oder auch Mi­lo Rau mit sei­nem Pro­zess­thea­ter schließ­lich die Me­di­en­in­sze­nie­rung er­fun­den. Die künst­le­ri­sche Ak­ti­on an sich ist vor­ran­gig Mit­tel zum Zweck öf­fent­li­cher Dis­kurser­re­gung. Die dann eben – wie in der Böh­mer­mann-Cau­sa – zur Ver­öf­fent­li­chung mo­ra­li­scher be­zie­hungs­wei­se po­li­ti­scher Pa­ra­do­xi­en und im Ide­al­fall zu ent­spre­chen­den Hand­lungs­zwän­gen führt.

Man kann das na­tür­lich platt fin­den. Aber Fakt ist, dass die Platt­heit der Re­ak­tio­nen die­je­ni­ge der künst­le­ri­schen Kon­zep­te bis da­to lei­der noch im­mer um ein paar sehr er­hel­len­de Gra­de über­stie­gen hat. Auch an­ge­sichts des Ti­ger­kä­figs dau­er­te es kei­nen Tag, bis be­sorg­te Bür­ger, In­sti­tu­tio­nen und Me­di­en sich eher nach dem Tierschutz er­kun­dig­ten als nach dem Schutz de­rer, die sich von den Tie­ren fres­sen las­sen sol­len.

Der Flug der „Joa­chim“soll üb­ri­gens aus Spen­den­gel­dern fi­nan­ziert wer­den. Was na­tür­lich Se­lek­ti­ons­me­cha­nis­men im­pli­ziert: Reicht es nicht für al­le hun­dert Flücht­lin­ge, wird aus­ge­wählt. Und selbst wenn es für al­le hun­dert Flücht­lin­ge rei­chen soll­te, wo­nach es zur­zeit aus­sieht, weil nach Tag eins der ins­ge­samt zwölf Ta­ge lau­fen­den Ak­ti­on laut ZPS be­reits 20 Pro­zent des Flu­ges fi­nan­ziert sind: Nach den hun­dert war­ten be­kann­ter­ma­ßen wei­te­re Tau­sen­de.

Hier liegt auch ein deut­li­cher Un­ter­schied zu Sch­lin­gen­sief: Wäh­rend der die Am­bi­va­len­zen, mit de­nen er spiel­te, be­wusst for­cier­te, neigt das Zen­trum zur Selbst­er­klä­rung. Man ha­be kei­ne Lust, zy­nisch zu sein, sagt ZPS-Mit­glied The­re­sia Braus. Aber man ha­be kei­ne an­de­re Wahl, wenn man den Zy­nis­mus der Po­li­tik mit sei­nen ei­ge­nen Waf­fen schla­gen und so ge­wis­ser­ma­ßen ge­gen sich selbst wen­den wol­le. Bis zum 28. Ju­ni kann die Zi­vil­ge­sell­schaft ver­fol­gen, wie das ge­lingt.

Fo­to: imago/Com­monLens

Hof­fent­lich geht es den Tie­ren gut. Beim Raub­tier­kä­fig am Ma­xim Gor­ki Thea­ter fin­det täg­lich ei­ne Per­for­mance statt.

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