Tem­po­rä­rer Ge­denk­ort

Auf dem Pots­da­mer Platz er­in­nert ei­ne Ausstellung an den Ver­nich­tungs­krieg ge­gen die So­wjet­uni­on

Der Tagesspiegel - - WISSEN & FORSCHEN -

Am 22. Ju­ni 1941 be­gann das „Un­ter­neh­men Bar­ba­ros­sa“, der An­griffs­krieg des Deut­schen Rei­ches ge­gen die So­wjet­uni­on. Es be­gann das bei Wei­tem ver­lust­reichs­te und vor al­len Din­gen grau­sams­te Ka­pi­tel des Krie­ges in Eu­ro­pa, der sich En­de 1941 zum Welt­krieg wei­te­te.

Der Krieg ge­gen die So­wjet­uni­on bil­det den Kern der Pla­nun­gen Hit­lers. Von An­fang an woll­te er „Le­bens­raum im Os­ten“er­obern, und 1941 wur­de un­ver­blümt mit­ge­teilt, „Zweck des Russ­land­feld­zugs“sei „die De­zi­mie­rung der sla­wi­schen Be­völ­ke­rung um 30 Mil­lio­nen“.

Das ist in der Fol­ge des An­griffs auf die So­wjet­uni­on tat­säch­lich ge­sche­hen; His­to­ri­ker schät­zen die Zahl der so­wje­ti­schen Kriegs­op­fer auf 27 Mil­lio­nen. Der An­teil von Zi­vi­lis­ten über­wiegt den der Sol­da­ten, ein Hin­weis auf den Ver­nich­tungs­wil­len, mit dem der Krieg von der Wehr­macht und den nach­rü­cken­den For­ma­tio­nen wie vor al­lem der SS ge­führt wur­de. Zu den mi­li­tä­ri­schen Op­fern zäh­len nicht zu­letzt 3,3 Mil­lio­nen kriegs­ge­fan­ge­ne Rot­ar­mis­ten, die in den deut­schen La­gern sys­te­ma­tisch de­mTod­durch Hun­ger und Seu­chen aus­ge­setzt wur­den.

Dar­an soll ei­ne Open-Air-Ausstellung am Pots­da­mer Platz er­in­nern, die am Di­ens­tag von Kul­tur­staats­mi­nis­te­rin Mo­ni­ka Grüt­ters und dem Bot­schaf­ter der Rus­si­schen Fö­de­ra­ti­on, Wla­di­mir Gri­nin, er­öff­net wur­de. Er­ar­bei­tet hat sie die „Stän­di­ge Kon­fe­renz der Lei­ter der NS-Ge­denk­or­te im Ber­li­ner Raum“, dar­un­ter To­po­gra­phie des Ter­rors, Haus der Wann­see­kon­fe­renz und Denk­mal der er­mor­de­ten Ju­den Eu­ro­pas. Fi­nan­ziert wur­de die Ausstellung mit 48 000 Eu­ro aus dem Etat der Kul­tur­staats­mi­nis­te­rin. Auf zehn Ta­feln, beid­sei­tig auf ei­ner Art Mau­er­werk an­ge­bracht, wer­den die wich­tigs­ten Fak­ten zu Ent­ste­hung, Ziel­set­zung und Durch­füh­rung des­sen ver­mit­telt, was bei der Wehr­macht ver­harm­lo­send „Russ­land­feld­zug“hieß und tat­säch­lich – so der Ti­tel der Ausstellung und ih­rer be­glei­ten­den Bro­schü­re – ein „Ver­nich­tungs­krieg ge­gen die So­wjet­uni­on 1941–1945“war. Die Ausstellung auf dem Pots­da­mer Platz di­rekt ne­ben dem Bahn-To­wer ist bis 30. April 2017 zu se­hen, die Bro­schü­re – in Deutsch, Eng­lisch und Russisch – ist in den be­tei­lig­ten Ein­rich­tun­gen er­hält­lich.

Nicht der mi­li­tä­ri­sche Ver­lauf in Gestalt von Schlach­ten, Ero­be­run­gen und Ge­gen­of­fen­si­ven steht im Vor­der­grund, son­dern der Cha­rak­ter der deut­schen Kriegs­füh­rung als Kom­bi­na­ti­on aus Völ­ker­mord an den Ju­den, Aus­hun­ge­rung und Ver­nich­tung der ein­hei­mi­schen Be­völ­ke­rung und bru­ta­len Re­pres­si­ons­maß­nah­men ge­gen den Wi­der­stand von Par­ti­sa­nen. Er­schüt­tern­de Fo­to­do­ku­men­te von Mas­sen­er­schie­ßun­gen, Lei­chen­hau­fen oder Brand­schat­zun­gen, er­läu­tert von kur­zen Tex­ten, stel­len die­se mör­de­ri­sche Di­men­si­on des Krie­ges her­aus.

Des­sen Op­fer rück­te auch Russ­lands Bot­schaf­ter Gri­nin bei der Er­öff­nung der Ausstellung in den Mit­tel­punkt: „27 Mil­lio­nen – das ist der schreck­li­che Preis, den das so­wje­ti­sche Volk für sei­ne Exis­tenz und die vie­ler an­de­rer Völ­ker Eu­ro­pas und Asi­ens ge­zahlt hat“. Grüt­ters be­ton­te, „die Er­in­ne­rung an die Ver­bre­chen und Gräu­el wach­zu­hal­ten, die un­ter der na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Ter­ror­herr­schaft in deut­schem Na­men ge­sche­hen sind“, blei­be „für uns Deut­sche ei­ne im­mer­wäh­ren­de Ver­ant­wor­tung und Ver­pflich­tung“. Sie be­klag­te, „die­ser Krieg“ha­be „bei uns aus vie­ler­lei Grün­den bis heu­te kei­nen an­ge­mes­se­nen Platz im öf­fent­li­chen Be­wusst­sein. Das soll sich än­dern“.

Gün­ter Morsch, der als der­zei­ti­ger Vor­sit­zen­der der „Stän­di­gen Kon­fe­renz“für die be­tei­lig­ten Ein­rich­tun­gen sprach, be­ton­te, dass der „Krieg ge­gen die So­wjet­uni­on von al­len das NS-Re­gime tra­gen­den In­sti­tu­tio­nen – Staat, Wehr­macht, Wirtschaft und NS-Be­we­gung – un­ter­stützt“wur­de.

Dar­über hin­aus ver­wies er auf die Aus­beu­tung der nach Deutsch­land ver­brach­ten Zwangs­ar­bei­ter: „So be­tei­lig­te sich nicht nur die Front, son­dern auch die Hei­mat am Ver­nich­tungs­krieg.“Morsch nann­te es „über­fäl­lig, dass im Zen­trum Ber­lins ein Er­in­ne­rungs­zei­chen und Ge­denk­ort er­rich­tet“wer­de. Grüt­ters, nach der Ver­an­stal­tung be­fragt, sag­te zwar, sie be­vor­zu­ge „an­de­re For­men der Er­in­ne­rung“, doch be­kräf­tig­te sie, „die­ser Aspekt un­se­rer Ge­schich­te“sei „bis­lang un­an­ge­mes­sen ge­ring ge­wür­digt wor­den“.

Fo­tos zei­gen Völ­ker­mord und Ver­bre­chen an der Be­völ­ke­rung

Fo­to: Jörg Cars­ten­sen/dpa

Die Ausstellung zum Krieg ge­gen die So­wjet­uni­on auf dem Pots­da­mer Platz ist bis April 2017 zu se­hen. Ge­denk­stät­ten­lei­ter for­dern ei­nen stän­di­gen Ge­denk­ort im Zen­trum Ber­lins.

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